Justiz

Frankfurt: Prozess um beschlagnahmte Million

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Der Staat will Geld von einer mutmaßlich, aber nicht nachweislich hochkriminellen Familie. Die Ermittler fanden allein im Toilettenspülkasten 100 000 Euro in bar.

Das Amtsgericht betritt juristisches Neuland, und das frohgemut. Was man daran erkennen kann, dass für den Schöffengerichtsprozess lediglich sportliche drei Verhandlungstage angesetzt sind.

Auf der Anklagebank sitzen zwei Brüder, deren Lebensgefährtinnen und einer der Söhne im Alter von 24 bis 52 Jahren, denen die Staatsmacht unlängst Bargeld, Schmuck und Gold im Wert von mehr als anderthalb Millionen Euro abgenommen hat – und die nun gerne behalten würde. Möglich wird das durch den im Juli 2017 in Kraft getretenen Paragraf 73 des Strafgesetzbuches, der die „Einziehung von Taterträgen bei Tätern und Teilnehmern“ erlaubt, so diese aus einer „rechtswidrigen Tat“ stammen. Das Dumme in diesem Fall ist nur, dass den mutmaßlichen Tätern und Teilnehmern auf der Anklagebank ein solches Verbrechen nicht nachgewiesen werden konnte.

Ins Rollen war die Geschichte bereits im Januar 2014 gekommen. Damals hatten Ermittler in einem Fall des versuchten Totschlags die Frankfurter Wohnung von Adrian L. und seiner Frau untersucht. Im allerersten Versteck, in dem klassische Ermittler suchen, dem Toilettenspülkasten, fanden sie mehr als 100 000 Euro in bar, im daneben abgestellten Kulturbeutel weitere 20 000. Richtig heiter wurde es, als die Ermittler den Durchsuchungsbefehl auf ein Bankschließfach ausweiteten, dessen Schlüssel in der Wohnung gefunden worden war. Inhalt des Schließfachs: Bargeld in allen möglichen Devisen, Goldschmuck und eine Rolex, alles zusammen knapp eine Million Euro wert.

Staatsanwaltschaft und Polizei gehen davon aus, dass das Vermögen ein unrecht Gut aus Geldwäsche und den florierenden Drogengeschäften von Adrian L.s Bruder Lucjan darstellt.

Bruder zur Hilfe geeilt

Der war während der Hausdurchsuchung seinem Bruder zu Hilfe geeilt und war auch bei der Durchsuchung des Schließfachs vor der Bank anwesend, so dass die Ermittler beschlossen, auch mal bei ihm zu suchen, wo sie prompt ebenfalls fündig wurden.

Ein amtlich beglaubigter Dealer ist Lucjan L. allemal, aber die jüngste Anklage gegen ihn ging von einer verkauften Menge von Kokain und Cannabis aus, die schlicht nicht nachgewiesen werden konnte. So war Lucjan L. bloß wegen Handels einer eher geringfügigen Menge zu einer Bewährungsstrafe von zwei Jahren verurteilt worden. Für eine Vermögensbildung wie in diesem Fall jedenfalls hätte die nachgewiesene Menge nicht ausgereicht. Aufgrund des enormen leeren Verpackungsmaterials in seinem Keller und der Kunst der Hochrechnung gehen die Ermittler davon aus, dass Lucjan L. ein weit dickerer Fisch ist. Nur beweisen konnten sie es nicht.

Der Paragraf 73 war nicht zuletzt eingeführt worden, um zu verhindern, dass kriminelle Familienclans den Behörden weiter auf der Spürnase herumtanzen können. Offiziell ist Frankfurt nach Auskünften von Polizei und Staatsanwaltschaft bislang von Clan-Kriminalität weitgehend verschont geblieben. Die Gebrüder Adrian und Lucjan aber tragen einen Nachnamen, den man jede Woche in den Aushängen von Land- und Amtsgericht lesen kann. Meist geht es dabei nicht um Hochkriminalität, sondern eher um Trickbetrug, Beleidigung, Bedrohung. Heranwachsende der Familie hingegen sind gerichtsbekannt für ihre Vorliebe für Autos der Marke AMG-Mercedes und ihre Abneigung gegen Tempolimits. Es handelt sich bei den L.s – wenn überhaupt – auch nicht um einen Frankfurter Clan, sondern um eine weitverzweigte Sippe, die national und international bekannt ist – etwa dafür, dass ihr Patriarch allgemein als Erfinder des Enkeltricks anerkannt ist.

Zu den Vorwürfen schweigen die Angeklagten. Ihre Verteidiger – allesamt nicht vom juristischen Grabbeltisch – machen zu Beginn des Prozesses klar, dass ihre Mandanten das beschlagnahmte Vermögen gerne möglichst schnell zurück hätten. Zwar ist auch den Verteidigern klar, dass es sich bei dem beschlagnahmten Geld keineswegs um die Entlohnung von Malarbeiten oder Tantiemen aus Buchverkäufen handelt, aber das spielt in der Tat auch keine Rolle. Es muss halt ein Beweis der rechtswidrigen Tat her. Ob ein solcher in diesem Prozess gefunden wird, im Gegensatz zum Ergebnis des jüngsten Drogenprozesses gegen Lucjan L., werden die beiden kommenden Verhandlungstage zeigen.

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