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Trauma

Augenzeuge im Prozess um Hauptbahnhof-Attacke: „Überall habe ich den toten Jungen gesehen“

  • Stefan Behr
    vonStefan Behr
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Der Prozess gegen Habte A., der eine Frau und ihren Sohn vor einen ICE am Hauptbahnhof Frankfurt gestoßen haben soll, führt alle Beteiligten an die Belastungsgrenze.

Frankfurt - Der Tod eines acht Jahre alten Jungen, den Habte A. vor rund einem Jahr vor einen einfahrenden ICE im Hauptbahnhof Frankfurt gestoßen haben soll, hat auch die Zeugen in einem erschütternden Ausmaß traumatisiert. Bereits am ersten Verhandlungstag berichtete ein Zeuge, der der ebenfalls gestoßenen Mutter in letzter Sekunde aus dem Gleisbett geholfen hatte, mit brechender Stimme, wie ihn die Tat bis heute verfolgt.

Mittlerweile ist er aus Frankfurt weggezogen in dem vergeblichen Versuch, „Abstand zu gewinnen“. Ein weiterer Zeuge schilderte, wie ihn bis heute die nackte Angst packt, wenn seine Familienangehörigen mit der Bahn reisen. Er ermahne sie dann immer, die Augen offen zu halten und möglichst in der Mitte des Bahnsteigs zu warten – mit ausreichendem Sicherheitsabstand zu den Gleisen. Am zweiten Verhandlungstag am Donnerstag (20.08.2020) sagte eine Zeugin, sie fahre „seit diesem Tag nicht mehr mit der Bahn – es geht einfach nicht mehr“. Auch ihr versagte immer wieder die Stimme.

An Gleis 7 legten Menschen seinerzeit Blumen im Gedenken an den getöteten Jungen nieder.

Hauptbahnhof Frankfurt: „Mischung aus Erstaunen und Befriedigung“ im Blick des Tatverdächtigen

Umso erschütternder wirkte die Aussage eines weiteren Zeugen, der seine Beobachtungen mit einer scheinbar kühlen Distanz schilderte. Der Lehrer für Mathematik und Physik hatte am Tattag an Gleis 7 des Hauptbahnhofs auf seinen Zug gewartet – und aus den Augenwinkeln zwei Gestalten wahrgenommen, die vor den einfahrenden Zug auf die Gleise stürzten. Zuerst habe er angenommen, es handele sich um Jugendliche, die vielleicht eine idiotische Mutprobe gemacht hätten. „Die Menschen am Bahnsteig haben vor Entsetzen geschrien, einige sind zusammengebrochen.“

Er sei zu dem Zug geeilt, um zu sehen, ob er helfen könne. Dabei sei ihm Habte A. entgegengekommen. Er habe damals noch nicht gewusst, dass es sich bei A. um den Täter handele, aber an seinen Blick könne er sich heute noch erinnern. „Es war ein ungewöhnlicher Blick, den ich so noch nie gesehen habe.“ In A.s „weit aufgerissenen Augen“ habe er „eine Mischung aus Erstaunen und Befriedigung“ gelesen.

Nach Attacke am Hauptbahnhof Frankfurt: Schreie der Mutter lassen Zeugen nicht los

Auf der Suche nach den Opfern habe er zuerst eine abgetrennte Hand auf den Gleisen gesehen – dann den Körper des Jungen. Es sei ihm klar gewesen, dass jede Hilfe zu spät komme. Dann habe eine Frau verzweifelt geschrien „Mein Kind ist tot!“ – „das war der entsetzlichste Moment, noch schlimmer, als das tote Kind zu sehen“.

Danach erzählt er, wie er an jenem Tag nach Hause fuhr – und das Erlebte mitnahm. Den ganzen Abend habe er die verzweifelten Schreie der Mutter im Kopf gehabt. Auch am folgenden Tag. Er habe es mit Spaziergängen versucht, aber überall, „im Wald, im Moos, habe ich den toten Jungen gesehen“, und egal, wo er hingegangen sei, die Stimme der Mutter habe ihn überallhin verfolgt. Erst zwei Tage nach dem schrecklichen Erlebnis seien bei ihm die Tränen geflossen, dann aber reichlich.

Attacke am Hauptbahnhof Frankfurt: Mutter kann Prozess nicht beiwohnen

Wie die meisten Zeugen hat auch der Lehrer psychiatrische Hilfe in Anspruch genommen, um das Erlebte zu verarbeiten. „Aber immer wieder habe ich Flashbacks gehabt“, das Bild gesehen, die Stimme gehört. Erst mehrmals täglich, dann immer seltener, heute fast gar nicht mehr. Nach wie vor fahre er mit der Bahn, so auch jetzt für seine Zeugenaussage. Aber dass das Geschehen immer noch in ihm gärt, habe er spätestens bei der Einfahrt in den Hauptbahnhof Frankfurt gemerkt. „Da ist mir plötzlich der kalte Schweiß ausgebrochen.“

Der Mutter des Jungen ist der Prozess, der bereits am Freitag, 28. August, ein Ende nehmen soll, nicht zuzumuten. Ihre Aussage wird voraussichtlich am Montag (24.08.2020) der Vorsitzende Richter Jörn Immerschmitt verlesen. (Von Stefan Behr)

Rubriklistenbild: © Monika Müller

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