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Polizei stürmt Moschee nach Fehlalarm – „Sie hätten sehen können, dass nichts los war“

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Von: Timur Tinç

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Mohammed Seddadi, Vorsitzender der Abu-Bakr-Moschee in Hausen.
Mohammed Seddadi, Vorsitzender der Abu-Bakr-Moschee in Hausen. © Monika Müller

Eine anonyme Nachricht wegen eines angeblichen Amoklaufs löst einen Großeinsatz aus. Die Abu-Bakr-Gemeinde kritisiert das Vorgehen der Polizei.

Frankfurt – Mohammed Seddadi ist am Samstag immer noch ganz aufgewühlt. „Ich fühle mich erniedrigt“, sagt der Vorsitzende der Abu-Bakr-Moschee im Frankfurter Stadtteil Hausen. Tags zuvor war es zu einem Polizeigroßeinsatz in der Moschee gekommen. Ein Fehlalarm, wie sich später herausstellen sollte. „Über eine Notruf-App wurde ein gerade stattfindender Amoklauf in der Moschee gemeldet.

Der Mitteiler behauptete, das bereits eine einstellige Zahl von Personen verletzt worden sei und sich eine niedrige zweistellige Zahl von Menschen noch in der Gewalt des Täters befänden“, teilte die Polizei auf FR-Anfrage mit. Mehrere Streifen und das Überfallkommando der Polizei rückten aus. Die Maßnahmen seien in so einem Fall verbindlich festgelegt, hieß es. Eine Evakuierung gefährdeter Personen könne dabei „lageabhängig hinter der Suche nach aktiv handelnden Tätern zurücktreten“.

Polizei nach Großeinsatz in der Kritik: „Sie hätten sehen können, dass nichts los war“

Um 18.01 Uhr am Freitag kamen die ersten Beamtinnen und Beamte auf das Gelände. Seddadi befand sich zu dem Zeitpunkt zu Hause, sein Vize- Vorsitzender Mounir El Horchi war vor Ort. Diesen trafen die Polizistinnen und Polizisten auch kurz darauf im Eingangsbereich der Moschee an. „Sie haben mich gefragt, ob es Verletzte gibt, weil es hier eine Geiselnahme gegeben haben soll“, berichtet El Horchi.

Er habe versucht, ihnen sofort zu erklären, dass alles in Ordnung sei, da er sich seit eineinhalb Stunden in der Moschee befinde und gerade mehrere Kurse für Kinder stattfänden. Seine kleine zweijährige Tochter rannte zwischen den Polizistinnen und Polizisten herum. „Sie hätten sehen können, dass nichts los war, wenn da Kinder spielen“, findet er.

Die Einsatzkräfte könnten sich in so einem Fall jedoch nicht alleine auf die Aussage eines Einzelnen verlassen und hätten daher weitere Räume der Moschee betreten müssen, teilte die Polizei mit. „In einen Raum, in dem sich Kindern aufhielten, blickte der Einsatzleiter selbst hinein und forderte die Kinder auf, in diesem zu bleiben.“

Großeinsatz in Moschee in Frankfurt: „Die haben uns nicht wie Opfer, sondern wie Täter behandelt“

El Horchi hatte in der Zwischenzeit die Tür zum Vorstand aufgeschlossen. Plötzlich habe ihn einer der Beamten angeschrien, dass er nun sofort raus solle. „Ich habe erklärt, dass ich vom Vorstand bin“, sagt El Horchi. Dann sei ihm gedroht worden, dass er sonst festgenommen würde, und er ging raus. Seine Tochter blieb in der Moschee. Auch seine anderen Kinder befanden sich gerade in Kursen.

Der Imam, Mohamed Belmokadem, wollte aus dem Waschraum gerade die Treppen nach oben laufen, als ein Beamter eine Waffe zückte und Belmokadem damit zum Stehenbleiben zwang. „Gut, dann bleibe ich hier“, habe er gesagt, erzählt er Samstag und zeigt, wie er die Griffe des Treppengeländers festgehalten hat. Gegen 18.10 Uhr kam dann Seddadi, der direkt um die Ecke wohnt, auf das Gelände. „Ich habe versucht zu helfen und ihnen erklärt, dass ich der Vorsitzende bin“, erzählt Seddadi, der außerdem Mitglied der Kommunalen Ausländerinnen- und Ausländervertretung sowie Sozialbezirksvorsteher in Hausen und Mitglied der SPD ist.

Er habe auch erklärt, dass in der gesamten Moschee Kameras angebracht seien, die alles aufzeichneten und er der Polizei die Aufnahmen zeigen könne. Zwei Beamten hätten ihn jedoch zurückgehalten. Einer habe ihn sogar zweimal geschubst und soll ihm gesagt haben, dass ihm das Hausrecht entzogen worden sei. Auch El Horchi kam hinzu, doch sie wurden beide nicht gehört und nicht zum Einsatzleiter gelassen. „Die haben uns nicht wie Opfer, sondern wie Täter behandelt“, sagt El Horchi. Die Polizei sagte, „dass keine weiteren Personen in einer derartig unklaren Lage in einen abgesperrten möglichen Gefahrenbereich vorgelassen werden, versteht sich von selbst“.

Frankfurt: Schwerbewaffnette Polizisten in Moschee nach vermeintlichem Notruf

In der Zwischenzeit waren sechs schwerbewaffnete Beamte in das erste Stockwerk nach oben gelaufen. Wie die Kamerabilder auf Seddadis Handy zeigen, saß ein junges Mädchen vor dem rundlichen Raum, als es die Beamten erblickte. Was drinnen passierte, war nicht zu sehen, da es der einzige Raum ist, wo es keine Kameras gibt, um die Privatsphäre der Mädchen und Frauen zu schützen.

Seddadi wurde im Nachgang von den Mädchen erzählt, dass Waffen auf sie gerichtet worden seien und sie die Hände hätten hochnehmen müssen, während die Räume durchsucht worden seien. Die Polizei hingegen teilt mit, „zu keinem Zeitpunkt wurden die Menschen, um deren Schutz es der Polizei ging, mit Schusswaffen bedroht“. Gegen 18.13 Uhr stand für die Polizei fest, dass es sich um eine Falschmeldung gehandelt haben muss.

Obwohl El Horchi die Beamtinnen und Beamten gebeten habe, die Schuhe beim Betreten der Räume oben auszuziehen, hätten diese sie anbehalten. In Moscheen müssen normalerweise alle Besucherinnen und Besucher die Schuhe ausziehen, um die Teppiche sauber zu halten. Im Anschluss mussten alle mit Dampfsaugern gereinigt werden. Gegen 18.30 Uhr, so Seddadi, habe er dann mit dem zuständigen Einsatzleiter sprechen können, der sich für „die Unannehmlichkeiten“ entschuldigt habe.

Frankfurt: Vorgehen der Polizei für Gemeinde nicht begreiflich

Für Seddadi ist das Vorgehen der Polizei jedoch nicht begreiflich. Er findet es richtig und gut, dass die Polizei bei einer Bedrohungslage sofort ausgerückt ist. Aus seiner Sicht hätte sie jedoch erkennen müssen, dass keine Gefahr bestand. Auch hätten er und sein stellvertretender Vorsitzender angehört werden müssen. Auch die Behandlung der Gemeindemitglieder sei nicht korrekt gewesen. „Ich brauche jetzt Seelsorger. Wie soll ich den Mädchen sagen, dass sie zu uns in die Moschee kommen sollen?“, fragt er sich.

Am Samstagmittag war bereits der Migrationsbeauftragte des Polizeipräsidiums, Nassif Khalil, sowie mehrere Mitglieder der KAV und Mitarbeiter des Amts für multikulturelle Angelegenheiten in der Moschee. Khalil zeigte Verständnis für Seddadi und warb auch für Verständnis, dass die Polizei von einer Gefahrensituation hätte ausgehen müssen. Die Polizei teilte mit, dass die interne Aufarbeitung bereits begonnen habe. Am Sonntagabend besuchte der Frankfurter Polizeipräsident Stefan Müller die Gemeinde. Die Polizei hat Strafanzeigen wegen des Missbrauchs von Notrufen und dem Vortäuschen einer Straftat eingeleitet. (Timur Tinc)

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