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Bauen

Frankfurt: Plädoyer für ein Umdenken in der Baukultur

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Stadtsoziologin Carola Scholz (Grüne) will eine längere Lebenszeit für Frankfurts Städtische Bühnen und mehr Ökologie beim Bauen - etwa durch Recycling-Beton.

Die Würfel sind gefallen: Die Römer-Koalition von CDU, SPD und Grünen hat entschieden, das es einen Neubau der Städtischen Bühnen in Frankfurt geben soll. Ein Jahrhundert-Projekt mit geschätzten Kosten von 900 Millionen Euro, das heftige Diskussionen auslöst.

Die alte Theater-Doppelanlage am Willy-Brandt-Platz aus dem Jahr 1963 würde also abgerissen werden. Aber sind die Würfel tatsächlich gefallen? Die Frankfurter Stadtsoziologin Carola Scholz plädiert im Gespräch mit der FR dafür, diese Entscheidung für Neubau noch einmal kritisch zu überdenken.

Die Grüne, die Anfang der 90er Jahre planungspolitische Sprecherin ihrer Fraktion im Römer war, fordert ein grundsätzliches Umdenken in der Baukultur. Um Ressourcen zu schonen, müsse insgesamt „die Lebensdauer von Gebäuden deutlich verlängert“ werden.

Aus ökologischen Gründen sollte aus Sicht der Fachfrau „die Entstehung von Bauabbruchabfällen so weitgehend wie möglich vermieden werden“ – „durch Erhaltung bestehender Bausubstanz“. Scholz, früher Referatsleiterin im Städtebauministerium in Nordrhein-Westfalen, fordert Kommunen wie Frankfurt auf, Strategien zu entwickeln, wie der Verbrauch von Ressourcen reduziert werden kann.

Das riesige Theatergebäude von 1963 ist verwinkelt. 

Bauen müsse bis 2050 klimaneutral werden. Das stehe im Einklang mit einem Grundsatzantrag für eine „Bauwende“ in Deutschland, den die Bundesversammlung der Grünen in Bielefeld am 16. November 2019 beschlossen hatte.

Scholz setzt sich für eine Quote für den Einsatz von Recyclingbeton bei neuen Hochbauten ein. Das könnte gerade in einer Stadt wie Frankfurt am Main von Bedeutung sein, in der die Neubautätigkeit immens ist und immer neue Hochhäuser entstehen. Ökologische und umweltschonende Baustoffe müssen aus Sicht der Grünen billiger werden. Neue, schadstofffreie Baumaterialien sollten entwickelt und künftig ausschließlich eingesetzt werden.

Scholz, die früher auch Geschäftsführerin der Bauministerkonferenz der Bundesländer war, bringt also eine neue, kritische Stimme in die Debatte um die Zukunft der Städtischen Bühnen ein. Die Frage ist, welches Gehör sie noch finden wird. Die Politiker der Römer-Koalition träumen längst von einem architektonisch spektakulären Neubau, mit dem sich international Renommee für die Stadt gewinnen lässt.

Tatsächlich hat die städtische Stabsstelle zur Zukunft der Bühnen die Weichen recht eindeutig in Richtung Neubau gestellt. Michael Guntersdorf, der Leiter der Stabsstelle, machte in einem Interview mit der FR deutlich, dass das Gebäude der Theaterdoppelanlage baulich „am Ende“ sei. Für die bald 60 Jahre alten technischen Anlagen gebe es keine Ersatzteile mehr, was die Fachleute der Städtischen Bühnen zu ständiger Improvisation zwinge.

Guntersdorf bereitet bereits einen internationalen Architektenwettbewerb für den Neubau der Bühnen vor. Doch zuvor müssen die zerstrittenen Politiker der Römer-Koalition sich auf einen Ort oder Orte für die neuen Theater einigen. Derzeit sind die Standpunkte noch weit voneinander entfernt.

Die CDU plädiert für einen Neubau der gesamten Bühnen im Osthafen auf dem städtischen Grundstück Mayfarthstraße 14 am Wasser. Die SPD will zumindest einen Teil der Bühnen unbedingt am Willy-Brandt-Platz neu errichten. Und für die Grünen kommt sogar nur der Brandt-Platz als Ort der Bühnen in Frage.

Diese verschiedenen Ausgangspositionen noch vor der Kommunalwahl im Frühjahr 2021 zu einem Beschluss zusammenzuführen, wird kaum gelingen – ist aber auch von einigen der politisch Handelnden auch gar nicht gewollt.

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