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Just a girl: US-Sängerin Pink auf ihrer „Beautiful Trauma“-Tournee mit 159 Konzerten rund um die Welt.

Konzert im Waldstadion

Pink in Frankfurt: Die starke Frau löst Rollenbilder auf 

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Sängerin Pink zeigt sich ihren 43.000 Fans im ausverkauften Frankfurter Waldstadion als Vorbild – und als ganz normale Frau.

Ein volles Fußballstadion, eine begeisterte Menschenmenge, eine gewisse Analogie zwischen Sport und Showbusiness: Was junge Menschen mit außergewöhnlichem Talent aus sich machen können, während die Welt zuschaut. Und eine tiefe Verbeugung vor Ms. Alecia Beth Moore, genannt Pink, immer noch original mit Ausrufezeichen: P!nk.

In den Frankfurter Sonnenuntergang hinein schwebt die 39 Jahre alte Sängerin am Montagabend an einem Klettergerüst, einer Art Kronleuchter, turnt eine wettbewerbsreife Kür und singt dabei „Get The Party Started“, einen ihrer ganz frühen Hits. Zu dem Song hat beim Liverpooler Pink-Auftritt vor wenigen Tagen eine Zuschauerin ihr Baby geboren. 

Frankfurt: Pink singt trotz Klimmzügen sauber

Ja, es gibt viele Möglichkeiten, eine Party zu beginnen, das hier ist nicht die schlechteste. Und keine Ahnung, wie das geht, mitten in einer Reihe von Klimmzügen ein Lied sauber zu singen, vor 43.000 Menschen, aber wenn es jemand kann, dann diese Kraftfrau aus Pennsylvania.

Die triumphale Rückkehr von Pink ins Frankfurter Waldstadion 

In Reihe 17, Gegentribüne, ist eigentlich alles wie immer, wenn Rock im Waldstadion ist: Du sitzt denen im Weg, die noch mal schnell rausmüssen (also: allen), bevor’s losgeht (oder auch: während es losgeht), du hörst anfangs nur Schlagzeug und Stimme (mit Echo, wir sind in einem Fußballstadion) – aber halt, etwas ist anders. 

Etwas wurde von diesem Ort verbannt, vor gut zehn Jahren, nachdem Eintracht Frankfurt versucht hatte, farblich irgendwie weiblicher zu werden: Rosa. Nach dem anschließenden Fan-Aufstand gab es diese Farbe hier nicht mehr. Es handelt sich somit um die Rückkehr von Pink ins Frankfurter Waldstadion. Vorübergehend. Aber triumphal.

Pink in Frankfurt: Keine Pole-Dance-Stange mehr 

Neue Songs wechseln sich mit älteren ab, „Beautiful Trauma“, „Just Like a Pill“, „Who Knew“. Die tänzerischen Elemente rücken gegenüber Pinks früheren Auftritten in der Festhalle etwas in den Hintergrund – es gibt keine Pole-Dance-Stange mehr (bekannt aus den Erotik-Nachtklubs, die in jedem Fernsehkrimi der 00er Jahre vorkommen mussten). Dafür viel Akrobatik. Und jede Menge Kraft, nicht nur körperlich. Die starke blonde Frau ist angetreten, die Schwächeren zu ermächtigen, ihre neueren Lieder handeln davon, ihre Ansagen noch mehr, übertragen von zwei herzförmigen Großleinwänden: Sei du selbst, sei ruhig anders, du bist schön, du wirst geliebt.

Es ist die machtvolle Inszenierung eines Megastars, der sich überhaupt nicht so gibt wie eine Lichtgestalt, sondern wie ein ganz normales Mädchen, das zu einer ganz normalen Frau geworden ist. Zwei Stunden lang liegt der Fokus zu 100 Prozent auf Pink, aber ihre Band stellt sie vor, während sie bescheiden ein Lied singt, das noch nicht mal ihr eigenes ist, sondern von der Kollegin Gwen Stefani geliehen, bezeichnender Titel: „I’m Just a Girl“.

Waldstadion: Bastion wider die Rechtspopel

Natürlich ist sie kein ganz normales Mädchen. Scheidungskind, schweres Asthma, Drogen – Pink schaffte sich raus aus dem Mist, sang sich raus, jetzt ist sie hier und scheißt sich nichts, ihren wuchtigen Körper zu zeigen, keine zarte Ballerina, sondern die Frau, die sich traut. 

Hebefiguren mit den Tänzern: Mann hebt Frau – Frau hebt Mann. Ein Statement, auch das. „F**kin’ Perfect“ handelt davon, so wie irgendwie alle ihre Lieder, ob „Just Give Me a Reason“ oder „What About Us“ oder eben alles, was man von Pink im Radio hört, jeden Tag. Statements der Stärke.

Das Frankfurter Waldstadion ist der perfekte Ort für Pink 

Was für ein treffender Ort dafür. Das Waldstadion ist der Platz, an dem junge Männer in den vergangenen Jahren gewachsen sind wie kaum irgendwo, junge Fußballer, zwei von ihnen wurden gerade für unglaubliche Ablösesummen ins Ausland verabschiedet, Geldberge, wie sie sonst für den Bau neuer Stadtteile veranschlagt werden. Und zugleich hat sich ausgerechnet diese Arena zu einer Bastion entwickelt, in der eine breite Gegenöffentlichkeit wider die Rechtspopel sich trifft; in der internationaler Zusammenhalt gefeiert wird. So etwas ist es auch, was Pink zelebriert, nicht die Millionensummen, nein, das über sich Hinauswachsen, das Starkwerden, das Zusammenhalten.

„Time After Time“ von Cyndi Lauper ist ein emotionaler Höhepunkt des Abends, viele im Publikum haben Tränen in den Augen, als sie auf den riesigen Herzensmonitoren mitsingen: Wenn du fällst, fang ich dich. Kuscheltiere fliegen auf die Bühne, ein Paar Socken (originalverpackt) und eine selbstgebastelte Miniatur des Klettergerüsts aus dem ersten Song – mit Mini-Pink dran! Die Sängerin ist gerührt. Sie kann mal einzelne Sätze weglassen beim Singen, die Menge trägt sie. Am Ende ist auch der grandiose Gitarrist Justin Derrico besser zu hören. Von der tollen Bassistin Eva Gardner hätte man gern mehr auf der Leinwand gesehen (und mehr gehört).

Nachts um zwei kommentiert Pink auf Twitter die Ausfälle des US-Präsidenten. Die Tour kann weitergehen. 

Pink in Frankfurt und in Deutschland unterwegs

Als sie das bisher letzte Mal in der Stadt war, soll sie mit ihren Kindern im Nordend geshoppt und in Sachsenhausen „einen Exotiksalat“ gegessen haben. Deshalb empfehlen Radiosender allen, Ausschau zu halten, ob sie wieder im ganz normalen Frankfurter Leben auftaucht. Tut sie, diesmal radelnd am Mainufer in Hotpants und Sonnenhut samt ihren Kindern.  

Pinks Instagrampost zu ihrer Fahrradtour durch Frankfurt 

Aber in Berlin hat sie das Holocaust-Denkmal besucht, mit den Kids, halb Amerika diskutiert darüber. Kinderlachen sei dort sehr wohl angebracht, sagen die Vernünftigen. Exotiksalat steht seitdem nicht mehr so weit vorne auf der Skala der bemerkenswerten Pink-Aktivitäten.

In Köln ist Pink am Dom vorbeigeradelt. In Hamburg hat sie den Zoo besucht. 

Von Thomas Stillbauer

Pink: Weitere Tourtermine

Wien, 24. Juli, München, 26. und 27. Juli, Zürich, 30. Juli. Gelsenkirchen, 9. August.

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