+
Petra Rossbrey (M.) und ihrer Stellvertreter Barbara Dembowski und Hauke Hummel.

Hintergrund

Petra Rossbrey: „Lebenswichtiger Neuanfang“ für die AWO 

  • schließen

Die 60-Jährige Petra Rossbrey spricht von einem „lebenswichtigen Neuanfang“ für die Arbeit des Kreisverbands. Gleich nach der Wahl setzt sie ein erstes Ausrufezeichen. Die zwei noch verbliebenen Vorstände werden kurz nach der Wahl abberufen. 

Der Neuanfang der Arbeiterwohlfahrt (AWO) dauert am Samstag fast so lange wie ein Flug von Frankfurt nach New York. Nach Monaten der Krise hat der Frankfurter Kreisverband der AWO am Samstag die 60-jährige Petra Rossbrey zur neuen Vorsitzenden seines ehrenamtlichen Präsidiums gewählt. 

Die Juristin erhält am Nachmittag 58 Stimmen der 67 Delegierten. Sie ist die einzige Kandidatin. „Es ist eine Herkulesaufgabe“, sagt sie. Und dass sie alle wieder auf die Arbeit der 100 Jahre alten AWO stolz machen möchte. Schließlich hätten Vorstandsmitglieder das Vertrauen der Mitglieder, Mitarbeiter und der vielen Ehrenamtlichen „egoistisch verplempert“ und die AWO für „persönliche Zwecke benutzt“.

Nach der knapp vierstündigen Wahl des elfköpfigen Präsidiums und von zwei Revisoren kündigt Rossbrey an, dass sie gleich um 19 Uhr ihre erste Präsidiumssitzung abhalten würden. Sie bittet die Pressevertreter, die als Zeichen des Neuanfangs nicht wie nach der ersten gescheiteren Wahl Mitte Januar draußen in der Kälte, sondern drinnen im Warmen dabei sein dürfen, sich noch eine Stunde zu gedulden.

Viele unschöne Neuigkeiten gab es in den vergangenen Monaten über die AWO Frankfurt. Das soll sich jetzt ändern.

Und dann verkündet Rossbrey um 20.40 Uhr eine Nachricht, auf die viele schon lange gewartet haben: Die zwei verbliebenen Vorstandsmitglieder Panagiotis Triantafillidis und Jasmin Kasperkowitz sind abberufen worden. „Triantafillidis hat zudem ab sofort Hausverbot in allen Einrichtungen des AWO-Kreisverbands.“ Das gelte für alle Personen, die Gegenstand staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen seien.

Wenige Minuten später sagt sie beim Interview vor der Kamera des Hessischen Rundfunks: „Panagiotis Triantafillidis wird nicht mehr für die Arbeiterwohlfahrt tätig sein. Was mit Frau Kasperkowitz passiert, werden wir später entscheiden.“ Kasperkowitz war unter anderem wegen ihres 80 000 Euro teuren Dienstwagens in die Kritik geraten. Vor acht Monaten ging bei der Staatsanwaltschaft Frankfurt eine anonyme Strafanzeige gegen führende Personen der AWO-Kreisverbände Wiesbaden und Frankfurt ein. Seitdem wurde die Liste der Vorwürfe immer länger. Es geht unter anderem um überhöhte Rechnungen, sehr hohe Gehälter, teure Dienstwagen und Grundstücksdeals. Mitte Januar wurden schließlich mehrere Wohnungen und Büros durchsucht. Die Frankfurter Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Betrugs- und Untreueverdachts gegen mehrere Verdächtige.

Das Gremium

Das ehrenamtliche Präsidium der AWO Frankfurt wurde am Samstag bei der Kreiskonferenz neu gewählt.

Die Vorsitzende ist Petra Rossbrey, ihre zwei Stellvertreter sind Barbara Dembowski und Hauke Hummel.

Die sieben Beisitzerinnen und Beisitzer des Präsidiums sind nach Anzahl der meisten Stimmen: Rudi Kraus , Susanna Bornmann, Herbert Stelz, Barbara Schwarz, Egidius Planz, Heinz-Jürgen Rudnick und Elsbeth Muche.

Einen festen Platz im Präsidium hat Ahmed Abdelhamed vom AWO-Jugendwerk.

Als Revisoren , die die Arbeit der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft überprüfen sollen, wurden Hans-Jürgen Bosinger und Rudi Strohmayer gewählt. rose

Die Stadt Frankfurt stellte ebenfalls Strafanzeige. Es geht auch um Zuschüsse der Stadt für die Betreuung geflüchteter Menschen. Das neue Präsidium will laut Rossbrey innerhalb der nächsten 14 Tage zwei neue Vorstände berufen. Es gebe bereits mehrere Kandidaten. Das werde eine Lösung für die nächsten Monate sein. „Wir wollen die neuen Vorstände sorgfältig aussuchen“, sagt Rossbrey. Zudem kündigte sie an, dass das neue Präsidium sich in den nächsten Wochen ein umfassendes Bild über die AWO-Krise machen wolle. Aufklärung sei die oberste Priorität. „Das ist ein Neuanfang“, betont sie.

Unter den Delegierten der 34 Ortsvereine ist auch der 83-jährige Erich Schlauch, der seit 40 Jahren ehrenamtlicher Vorsitzender der AWO-Oberrad ist. „Das, was in den letzten Monaten passiert ist, ist furchtbar enttäuschend.“ Trotzdem habe er nie vermutet, dass die obere Liga sich ohne Anstand und Moral bereichert hätte. Trotzdem glaubt er daran, dass die Neuwahl an diesem Tag ein Neuanfang ist. „Es geht weiter mit der AWO.“ Ilse Kassner (69), Delegierte der AWO-Griesheim, die bei ihrer ehrenamtlichen Arbeit Flüchtlinge unterstützt, hofft, dass ein Neuanfang möglich ist. Sie habe noch eine Menge Fragen im Kopf.

37 Jahre lang war sie in der Beratungsstelle für straffällig gewordene Frauen. „Mit meinem Privatwagen sind wir dabei durch die Lande gezogen. Ich hätte nie gewagt, einen Dienstwagen zu fordern.“ Auch die überhöhten Gehälter der Vorstände hätten sie sprachlos gemacht. „Diese Art von Gier ist unglaublich.“ Im Zuge der Affäre sind bereits mehrere AWO-Funktionäre zurückgetreten, darunter der Geschäftsführer beim Kreisverband Frankfurt, Jürgen Richter, seine Frau, Geschäftsführerin beim Verband in Wiesbaden, Hannelore Richter, und der Wiesbadener Kreisvorsitzende Wolfgang Stasche. Der Chef des AWO-Bezirksverbands Hessen-Süd, Ansgar Dittmar, ist kürzlich abberufen worden.

Im vergangenen Dezember war zudem fast das komplette Präsidium des Frankfurter Kreisverbands zurückgetreten. Nur noch Rudi Kraus vom AWO-Nordend sowie die Landtagsabgeordnete Turgut Yüksel (SPD) waren übrig. Beide sind am Samstag gekommen. Yüksel sagt: „Ich trete aber nicht mehr als Präsidiumsbeisitzer an. Der Neuanfang soll mit Neuen gemacht werden.“ Rudi Kraus, der schon länger kritisch gegenüber dem Vorstand auftrat, tritt noch mal an. Und er erhält auch als einer der sieben neu gewählten Beisitzer die meisten Stimmen. „Ich bin erst in den letzten drei Jahren zum Oppositionsführer geworden.“ Er sei über sich selbst enttäuscht, dass er nicht früher aktiv geworden sei. „Die Sitzungen mit dem Vorstand waren immer einseitig, wenig Diskussionen, und mir fehlte lange der Mut rückzufragen. Wir haben einen schweren Fehler gemacht und nicht gefragt, wie die oberste Führungsetage bezahlt wurde.“

Sylvia Schenk (r.) leitete am Samstag den Kongress. Bundesgeschäftsführer Wolfgang Stadler(Mitte) ist us Berlin angereist.

Auf die Frage, ob er sich dafür einsetzen werde, dass die Mitarbeiter der AWO weiter nach dem Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst bezahlt würden, sagt er: „Klar will ich das. Aber vielleicht haben das die Vorstände versaubeutelt.“ Ein großes Thema in den letzten Wochen war die Angst, dass der Wohlfahrtsorganisation die Gemeinnützigkeit aberkannt werden könnte. Damit wären mehr als 1000 Arbeitsplätze bei der AWO Frankfurt in Gefahr. Neben Rossbrey werden am Samstag auch ihre zwei Stellvertreter Barbara Dembowski und Hauke Hummel gewählt. Rossbrey hat acht Minuten, die sieben Beisitzer des Präsidiums fünf Minuten, um sich den Delegierten vorzustellen.

 Und da die Veranstaltung sich dann doch sehr hinzieht, werden die Delegierten schon mal etwas unruhig. Da muss die renommierte Compliance-Anwältin Sylvia Schenk (SPD), die die Konferenz und die Wahl an diesem Tag leitet, immer mal streng werden.„Jetzt aber hinsetzen und nicht mehr rumlaufen“, sagt sie, während auf den Stühlen des Konferenzraumes gewählt wird. 

Oder: „Die beiden Frauen mit den Kuchen, die in der Tür stehen und reden, bitte setzen Sie sich jetzt auf Ihre Plätze.“ Ein bisschen fühlt es sich an wie in der Schule. Ein paar der Delegierten müssen schon zu den Enkelkindern und gehen bereits nach der Wahl von Rossbrey und ihren beiden Stellvertretern. Auf die Frage eines Journalisten, wie wichtig der Tag heute für die AWO gewesen sei, antwortet Rossbrey: „Lebenswichtig.“

Petra Rossbrey, neue Vorsitzende des AWO-Präsidiums Frankfurt, spricht im Interview mit der FR über ihre Aufklärungsarbeit sowie die Verunsicherung und Hoffnung bei den Beschäftigten.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare