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Die „Fridays for Future“ haben Geschäfte auf der Zeil blockiert.

Fridays for Future

Frankfurt: Parolen statt Shopping

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Beim globalen Klima-Aktionstag der „Fridays for Future“ blockieren Hunderte Menschen Geschäfte auf der Zeil. Normales Einkaufen ist an einigen Stellen unmöglich.

Um kurz nach 14 Uhr tönt ein Jubeln über die Zeil, leise erst, dann immer lauter. Langsam fährt vor dem Kleidergeschäft Primark auf der Zeil ein Rollgitter herunter. Der Laden schließt, mittags, am Freitag vorm ersten Advent. Obwohl die Innenstadt rappelvoll ist mit Leuten, die wegen der besonderen Rabatte am „Black Friday“ auf Schnäppchenjagd sind. Die vielen jungen Leute, die sich mit Protestschildern und Fahnen vor den Laden gestellt haben, sind begeistert. Sie beginnen rhythmisch zu klatschen und rufen eine Parole mit, die irgendwer anstimmt: „Es gibt kein Recht ein SUV zu fahren!“

Den Geschäftsbetrieb auf der Zeil zu stören, das war das Ziel, das die Frankfurter „Fridays for Future“ sich für diesen Freitag gesetzt hatten. Überall auf der Welt und in mehr als 500 deutschen Städten sind an diesem globalen Aktionstag der Protestbewegung wieder Menschen auf der Straße, um kurz vor der UN-Klimakonferenz in Madrid für mehr Klimaschutz zu demonstrieren.

Die Frankfurter Ortsgruppe hatte angekündigt, offensiver zu werden. Um an die Verantwortung großer Konzerne für die Emission klimaschädlicher Gase zu erinnern, werde man kreative Blockaden veranstalten, damit auf der Zeil nicht normal konsumiert werden könne. Und gegen 14 Uhr herrscht auf der Einkaufsmeile tatsächlich etwas Chaos. Nicht nur vor dem Primark, auch vorm Einkaufszentrum „MyZeil“ und einer McDonald’s-Filiale sammeln sich Aktivistinnen und Aktivisten, um Einkaufswillige am Reinkommen zu hindern. Und teilweise gelingt das auch. Rund um den Brockhausbrunnen ist kaum ein Durchkommen. Etwa 10 000 Menschen beteiligen sich laut den Veranstaltern an den Protesten, die Polizei spricht von 2500.

Zwei Stunden zuvor, gegen 12 Uhr an der Bockenheimer Warte. Hunderte haben sich versammelt, um gemeinsam in Richtung Zeil zu ziehen, zeitgleich gibt es einen zweiten Treffpunkt am Zoo. Junge und alte Menschen sind gekommen, Eltern mit Kinderwagen und Senioren mit Gehstock. Fahnen von Attac, der IG Metall und den Jusos sind zu sehen, auf Schildern sind Sprüche zu lesen wie „Autos zu Kuchenblechen“ oder „Advent, Advent, die Erde brennt“. Die Stimmung ist bestens. Als zu Beginn vom Lautsprecherwagen der alte Queen-Klassiker „Don’t stop me now“ tönt, wird getanzt und mitgewippt.

Hunderte auf Demos

Dann eröffnen zwei Leute von den „Fridays for Future“ die Kundgebung. „Seit einem Jahr streiken wir“, ruft eine junge Frau, die sich als Natalie vorstellt. „Seit 30 Jahren ist bekannt, welche Auswirkungen die aktuelle Politik haben wird.“ Und trotzdem werde nicht gegen den Klimawandel gehandelt, vielmehr herrsche offenbar die neoliberale Hoffnung, der Markt werde das regeln. Das Klimapaket der Bundesregierung, ruft Dominik, Natalies Mitstreiter, sei ein „ausgestreckter Mittelfinger“ an alle Menschen und Tiere, die jetzt schon an der globalen Erwärmung litten. „Wir müssen alle handeln, und zwar jetzt, wir haben keine Zeit mehr.“ Es brauche einen „Systemwechsel“.

Und dann kommt Joachim Curtius ans Mikrofon, Professor am Institut für Atmosphäre und Umwelt der Goethe-Universität. Curtius kritisiert die kürzlich beschlossene „Klimaallianz“ des Frankfurter Magistrats. Das Paket enthalte keine konkreten Zielvorgaben, das sei „absolut traurig“. Dabei müsse schnell etwas passieren, so Curtius: Das Wachstum des Verkehrs am Flughafen müsse gestoppt werden, es brauche eine starke CO2-Bepreisung und ein Ende der Massentierhaltung. Wenn die Menschheit weitermache wie bisher, werde der Planet sich bis zum Ende des Jahrhunderts um bis zu vier Grad erwärmen – mit apokalyptischen Folgen. Frankfurt, fordert Curtius unter Applaus, müsse sofort den Klimanotstand ausrufen.

Danach setzt die Demonstration sich lautstark in Bewegung. Hunderte ziehen über die Bockenheimer Landstaße, die Taunusanlage und den Willy-Brandt-Platz in Richtung Innenstadt. Gegen 14 Uhr wälzt sich der Protest durch die Hasengasse in Richtung Zeil. An der Einmündung zur Einkaufsstraße bleibt der Lautsprecherwagen stehen und spielt laute Musik ab. Und die Masse der Demoteilnehmer, durch den inzwischen eingetroffenen zweiten Zug vom Zoo auf mehrere Tausend angewachsen, verteilt sich.

Gerangel im „MyZeil“

Innerhalb weniger Minuten entsteht eine unübersichtliche Situation: Menschen haken sich unter und hindern Passanten daran, auf der Zeil weiterzugehen. Junge Menschen klettern auf den Brockhausbrunnen, schwenken eine Fahne der „Fridays for Future“ und feuern die Menge mit Parolen an. Vor mehreren Geschäften bilden sich Menschentrauben, um die Eingänge zu blockieren. Kurz nachdem am Primark das Rollgitter runtergefahren ist, stürmt eine große Gruppe junger Leute mit dem Schlachtruf „A, Anti, Anticapitalist“ das Einkaufszentrum „MyZeil“. Erschrockene Einkäufer springen zur Seite, Security-Mitarbeiter versuchen so ruppig wie erfolglos, die Menge aufzuhalten. Minutenlang ist der Eingang zum Zentrum dicht, hier und da kommt es zu Rangeleien mit Kunden, die nicht verstehen, warum man sie am Einkaufen hindern will. Aber im Großen und Ganzen bleibt die Lage friedlich. Die Polizei beschränkt sich darauf, die Situation zu beobachten und zu filmen.

„Ich hätte nicht gedacht, dass so viele Leute kommen“, sagt Dominik Ullrich zufrieden. Der 17-Jährige ist einer der Sprecher der „Fridays for Future“ und betont, die Aktionen richteten sich nicht gegen die Kunden. „Wir richten uns gegen die Großkonzerne, die unter miesen Bedingungen in anderen Ländern produzieren.“ Trotzdem wäre es schön, wenn die Menschen ihre Konsumhaltung überdächten – und ihren Einfluss auf die Klimaerwärmung. Gegen 16 Uhr sind die meisten Blockaden beendet, die Aktivistinnen und Aktivisten zerstreuen sich, es kehrt so etwas wie Normalität ein. Die „Fridays for Future“ verkünden stolz via Twitter, man habe die Zeil erfolgreich „lahmgelegt“.

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