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Offener Antisemitismus bei „Querdenken“-Demo in Frankfurt

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Von: Sabine Schramek

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Die Demo aus dem „Querdenken“-Milieu zog am Samstag durch die Frankfurter Innenstadt.
Die Demo aus dem „Querdenken“-Milieu zog am Samstag durch die Frankfurter Innenstadt. © Sabine Schramek

Knapp 5000 sogenannte Querdenker aus ganz Europa demonstrieren in der Frankfurter Innenstadt. Pressevertreter werden beschimpft. Es gibt Antisemitismus.

Frankfurt – Im Grüneburgpark schreien unaufhörlich Affen aus einem Lautsprecher, die sich mit „Tatort“-Erkennungsmusik und aus dem Hintergrund mit monotonem Trommeln abwechseln. „Als Nächstes kommt der Säbelzahnvirus“, erklärt der Moderator, der auch darauf hinweist, dass man „Polizisten nicht verprügelt und auch keine Nazi-Antifanten“. Er plaudert weiter und ermuntert dazu fotografiert zu werden.

„Der Staatsschutz kennt mich schon und hat in seinem Abschlussbericht sogar meinen Namen richtig geschrieben.“ Das Westend ist voller Polizeieinsatzwagen, ein Wasserwerfer steht an der Ecke Reuter- und Grüneburgweg bereit. Verschiedene „Querdenker“-Gruppierungen aus mehreren Ländern Europas haben zum „Million March“ aufgerufen.

Zum Teil sind es dieselben Teilnehmer:innen, die am 23. Januar mit 50 000 Teilnehmer:innen in Brüssel gegen Corona-Maßnahmen demonstriert haben. Dort kam es zu heftigen Ausschreitungen, der Sitz des Europäischen Auswärtigen Dienstes wurde angegriffen, mehr als 230 Menschen festgenommen, drei Polizist:innen und zwölf Demonstrant:innen wurden verletzt.

Querdenker-Demo in Frankfurt: Moderator fragt, ob „jemand von der Judenpresse da ist“

In Frankfurt treffen sich nach Polizeiangaben 5000 Teilnehmer:innen, die „Frieden“ und „Freiheit“ schreien und Affen schreien lassen. Trommler:innen aus Bayern mit Dirndl, Schweizer:innen, die große Kuhglocken klingen lassen, Trommler:innen, die als Indianer:innen verkleidet sind, Trommler:innen ganz in Weiß und Trommler:innen aus Frankreich machen mit unterschiedlichen Rhythmen gegeneinander ohrenbetäubenden Lärm. „Nazis!“, schreien sie Gegendemonstrant:innen und Pressevertreter:innen an. In ihrer Mitte läuft der Ex-AfDler und Trump-Fan Heinrich Fichtner. Eine Frau trägt ein Schild mit der Aufschrift „FCK RTHSCHLD“ auf der einen Seite und auf der Rückseite „EntNATOfizierung. Yeah!“. Der Moderator hatte am Park noch zynisch gefragt, ob „jemand von der Judenpresse da ist. Ich wäre für ein Interview bereit“. Danach beschimpft er die „Lügenpresse“.

Die umgekehrte Deutschlandflagge, die als Symbol von Reichsbürger:innen gilt, weht im Wind, ein Mann trägt einen überdimensionierten Aluregenschirm, ein anderer ist in Alu gehüllt. Von einem Kopf pusten Seifenblasen. „Demokratie“ steht neben einer Deutschlandflagge mit Banane. Karikaturen von Politiker:innen mit einem Maschinengewehr sind über und unter der Schrift „Mit uns werden Kriege wahr“ zu sehen, „The Great Reset“ ebenso wie „Für die Abschaffung des Kammerzwangs“ und „Impfen kann tödlich sein“, „Trommeln verbinden Deutschland“, „Ihr Gemüse ungespritzt! Und Ihr Kind?“ oder „Free Julian Assange – Kriegsverbrecher genießen Freiheit. Enthüllungsjournalisten droht die Todesstrafe“.

Querdenker-Demo in Frankfurt: Querdenker versuchen Objektive mit Flaggen abzudecken

Das „Q" der amerikanischen Verschwörungsgruppe QAnon wir auf dem T-Shirt getragen, ein Banner lautet „Politik und Medien Hand in Hand – das schadet unserem Land!“. Fotograf:innen werden als „Lügenpresse“, „dumme Säue“ und „Dreckspack“ beschimpft, von unzähligen Teilnehmer:innen gefilmt und fotografiert. Einige versuchen, sich zwischen sie zu drängen, greifen in Kameras und umkreisen sie. Mit Flaggen versuchen sie, Kameraobjektive der Journalist:innen abzudecken, schwingen einen Rucksack und zielen damit auf Kameras.

Gleichzeitig propagieren sie ihre eigenen Medien, die „die Wahrheit“ zeigten und machen Werbung für „freie Presse“. Auf einer Strecke von sieben Kilometern wird getrommelt und gepfiffen, zwischendurch heulen Sirenen und schreien Affen. Für ihre Telegram-Videos wird rhythmisch geklatscht. Zurück im Grüneburgpark fällt ein Sänger von der Minibühne, das Trommeln geht weiter. Nach insgesamt sieben Stunden kehrt Ruhe ein, die Polizei rückt ab.

Am heutigen Montag wollen sie wieder die Innenstadt durchwandern. Mangels Teilnehmer:innen verzichten sie seit Wochen auf die Märsche zwischen Dienstag und Freitag in Frankfurt. Auch samstags waren kaum mehr als 200 Teilnehmer:innen in den letzten Wochen unterwegs. Die erhoffte Million aus ganz Europa ist ebenfalls gescheitert. (Sabine Schramek)

Im März 2022 gab es gegen eine Querdenker-Demo in Frankfurt Widerstand.

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