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Stadtforscherin Susanne Heeg trifft sich mit dem Autor am neuen Unicampus Westend, auf dem Theodor W. Adorno-Platz.
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Stadtforscherin Susanne Heeg trifft sich mit dem Autor am neuen Unicampus Westend, auf dem Theodor W. Adorno-Platz.

Göpferts Runde

Frankfurt: „Obdachlose, junge Männer und Migranten werden nicht gewollt“

  • Claus-Jürgen Göpfert
    VonClaus-Jürgen Göpfert
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Die Stadtforscherin Susanne Heeg kämpft gegen männliche Arroganz und Ausgrenzung. In Frankfurt bergen ihre Analysen politischen Zündstoff.

Nein, das Café „Sturm und Drang“ macht seinem Namen keine Ehre. Der Theodor-W.-Adorno-Platz liegt zu dieser Morgenstunde verlassen unter bleigrauem Himmel. Nur wenige Studierende queren die große marmorne Freifläche im Zentrum der Frankfurter Goethe-Universität. Corona hält die Lehrstätte im Griff, für einen Cappuccino muss niemand anstehen. Wir hocken uns mit unseren Bechern auf einen der schlichten Betonquader. Susanne Heeg streicht die braunen Haarsträhnen zurück und versucht, ihre Faszination für Städte zu erklären. „Es ist Nonsens, dass die Städte auf die Umwelt zerstörerisch wirken“, sagt sie entschlossen. Wirft ihren roten Wollmantel ab und ist schon mitten im Gespräch.

Ihr Leben als Wissenschaftlerin hat die Professorin für Geografische Stadtforschung den großen Siedlungsschwerpunkten auf der Erde gewidmet. Sie untersucht, was die Kommunen mit den Menschen machen, wem diese Räume gehören und was es bedeutet, wenn das kapitalistische Wirtschaftssystem in den Ballungszentren herrscht. „Städte sind vielfältigere und nachhaltigere Orte als das Land.“ Vor fünfzehn Jahren kam die Stadtforscherin an das Institut für Humangeografie.

Wissenschaftlerin Susanne Heeg: „Obdachlose, vor allem junge und Migranten, werden nicht gewollt“

Vorher hatte sie an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder gearbeitet, und auch im südafrikanischen Kapstadt und in der US-Metropole Boston. Ihr kritischer Blick auch auf Frankfurt am Main sorgt für Aufregung, ihre Analysen bei Podiumsdiskussionen oder in Interviews bergen politischen Zündstoff. Sie beklagt die Ausgrenzung bestimmter Menschen aus dem öffentlichen Raum. „Obdachlose, junge Leute in Gruppen, vor allem junge Männer und Migranten werden nicht gewollt.“

Die Stadt Frankfurt versuche noch immer, sie zu verdrängen: „Da gibt es leider keine positive Entwicklung.“ Die 54-jährige nennt den städtischen Raum „disziplinierend“. Das heißt: Menschen, die das Konsumieren und Flanieren beeinträchtigten, seien nicht erwünscht in der Innenstadt, aber auch in den Einkaufsstraßen etwa von Sachsenhausen. Heeg, die selbst im multikulturellen Gallus lebt, macht immer wieder die gleichen Beobachtungen. Es werde schwieriger, sich einfach so im öffentlichen Raum aufzuhalten, ohne dabei zu konsumieren, ohne Geld auszugeben. „Die Stadt will zum Beispiel verhindern, dass sich Obdachlose an bestimmten Orten aufhalten.“ Also entferne sie Sitzbänke, etwa auf Plätzen in Sachsenhausen. Auch „überschäumende junge Männlichkeit“ von Migranten werde als störend bekämpft.

Heeg: „CDU im Römer vertritt noch immer eine Politik für vermögende Gruppen“

Als die Wissenschaftlerin vor mehr als zehn Jahren begann, ihre Thesen öffentlich zu vertreten, wurde das in der Kommunalpolitik als Provokation empfunden. „Heute sind einige meiner Positionen übernommen worden.“ Heeg gehört dem Städtebaubeirat an, in dem Fachleute den Magistrat beraten. Sie beklagt allerdings, dass dieser Rat „nur begrenzt gehört“ werde. Insbesondere die CDU im Römer vertrete noch immer „eine Politik für vermögende Gruppen“, verteidige das private Eigentum als „heilig“. Viele arme Menschen freilich in Frankfurt könnten aber „gar kein Eigentum bilden“.

Die Professorin macht sich keine Illusionen über den Einfluss, den sie und das gesamte Team des Instituts für Humangeografie auf die Kommunalpolitik ausüben, „Wir sind die kritischen Stimmen, die immer wieder Fragen stellen. Und man geht ein bisschen auf uns ein.“ Namentliches Lob erfährt nur der Planungsdezernent der Stadt Frankfurt. „Mike Josef ist aufgeschlossen, auch bei Grünen und Linken gibt es Leute, die uns unterstützen.“ Doch bei der „praktischen Umsetzung“ der Vorschläge der Stadtforscher hapere es.

Zur Person

Susanne Heeg (54) wurde in Mensengesäß geboren, einer kleinen Gemeinde bei Aschaffenburg. Von 1987 bis 1992 studierte sie Soziologie, Stadt- und Regionalforschung an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main.

Von 1995 bis 2000 arbeitete sie an der Viadrina-Universität in Frankfurt an der Oder, von 2000 bis 2006 am Institut für Geografie der Universität Hamburg. 2002 absolvierte sie einen Gastaufenthalt an der Universität von Kapstadt in Südafrika, 2005 an der Universität von Boston (USA).

Seit 2006 ist sie Professorin für Geografische Stadtforschung an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. jg

Luxuriöse Hochhäuser in Frankfurt sorgen für steigende Mietpreise umliegender Wohnungen

Zum Beispiel, wenn die Humangeografin die immer neuen Luxusinseln im Stadtgebiet beklagt. „Diese Hochhäuser mit sehr teuren Wohnungen sind eine extrem problematische Entwicklung.“ Obwohl in vielen dieser Unterkünfte gar keine Menschen lebten, sorgten die luxuriösen Türme doch dafür, „dass in ihrer Umgebung die Mietpreise immer weiter steigen, etwa bei Läden“. Heeg beobachtet auch, dass die Aggressivität im öffentlichen Raum zunimmt. Das gelte zum Beispiel dort, wo sich Fußgänger, Radfahrer und Skater begegneten, etwa auf den innerstädtischen Uferwegen am Main: „Es gibt dort nicht genügend Platz, das passt einfach nicht.“

Und doch urteilt die Forscherin, die Stadtgesellschaft sei insgesamt offener geworden. Sehr positiv erlebt sie die öffentliche Diskussion, die um alltäglichen Rassismus und um Ausgrenzung in Gang komme. Auch an der Universität in Frankfurt entstehe da positive Bewegung. „Viele kluge Frauen sind früher nicht zum Zuge gekommen wegen der männlichen Dominanz, das hat sich gebessert.“ Heeg befürwortet eine Quote, die dafür sorgt, dass Positionen im Universitätsbetrieb gleichberechtigt zwischen Frauen und Männern aufgeteilt werden. „Die qualifizierten Frauen müssen nach vorne geschoben werden.“ Wenn sie heute noch auf männliche Arroganz oder Herablassung stoße, nehme sie das als Ansporn: „Dann denke ich mir: Dir zeige ich es!“ Sie lacht jetzt befreit.

„Corona hat den Drang in die Stadt, hat die Re-Urbanisierung gestoppt“

Langsam belebt sich der Adorno-Platz. Die Wolkendecke hat sich ein wenig geöffnet, lässt einzelne Sonnenstrahlen durch. Die Menschen auf dem Universitätscampus bleiben erkennbar vorsichtig, nehmen ihre Masken nur zögernd ab. Wir sprechen über Vorbilder. Und die Wissenschaftlerin bekennt sich zur Sozialistin Rosa Luxemburg, deren 150. Geburtstag gerade gefeiert wurde. „Ich teile nicht alle ihre politischen Positionen, aber sie war willensstark und mutig.“ Ungeachtet eines „feindlichen Umfelds“ habe sie sich immer wieder öffentlich zu ihren Überzeugungen bekannt, für eine Veränderung der Gesellschaft gekämpft.

Die Professorin beobachtet gespannt, welchen gesellschaftlichen Wandel die seit fünfzehn Monaten andauernde Corona-Pandemie mit sich bringt. Vor Corona hatte sie über Jahre hinweg festgestellt, dass es viele Menschen vom Land zurück in die Städte zog. In einer Gesellschaft, in der etliche immer älter werden, sprach einiges für die Kommunen. Die bessere Versorgung, nicht nur im Gesundheitssystem. Das kulturelle Angebot. „Doch Corona hat den Drang in die Stadt, hat die Re-Urbanisierung gestoppt.“ In einer Zeit, in der viele wegen der Pandemie auf ihre oft beengten Wohnungen zurückgeworfen seien, „schätzen viele wieder den Freiraum auf dem Land“. Ob sich dieser Trend mit der Überwindung von Corona wieder umkehren wird, will Heeg noch nicht beurteilen.

Heeg über NSU 2.0: „Ich glaube an ein Netzwerk, das war auf gar keinen Fall ein Einzeltäter“

Die Stadtforscherin selbst stammt vom flachen Land, ist in der kleinen Gemeinde Mensengesäß bei Aschaffenburg geboren, die gerade einmal 1200 Einwohner:innen zählt. Dort hat sie gemeinsam mit ihren Schwestern die Häuser ihrer Eltern und Großeltern geerbt. Und wenn sie von den alten Obstwiesen erzählt, die mit zum Erbe zählen, von den Apfel- und Kirschbäumen, dann gerät Susanne Heeg durchaus ins Schwärmen. Sie hat Gefallen daran gefunden, sich um das Erbe zu kümmern. „Es ist das Machenkönnen“, sagt sie, das ihr gefällt und das ihre praktische Seite herausfordert. „Über kurz oder lang werde ich mir überlegen, dorthin zurückzuziehen.“ Das kommt ganz plötzlich und unvermittelt.

Doch erst einmal bleibt sie Frankfurt, der Universität und der wissenschaftlichen Arbeit erhalten. Es gibt noch einiges zu tun. Bis zum Ruhestand, rechnet sie vor, bleibe mehr als ein Jahrzehnt. Und die Gegenwart ist herausfordernd genug. Die Professorin geht immer häufiger als Demonstrantin auf die Straße. Sie war zum Beispiel dabei, als Menschen in Frankfurt die Aufklärung der anonymen rechtsextremen Drohschreiben unter dem Motto NSU 2.0 forderten. Auch wenn jetzt ein Tatverdächtiger festgenommen wurde, hält die Soziologin die Sache nicht für aufgeklärt. „Ich glaube an ein Netzwerk, das war auf gar keinen Fall ein Einzeltäter.“

Und auch für mehr Engagement der Politik gegen den Mangel an bezahlbarem Wohnraum hat sie demonstriert. Da erwartet Heeg einiges von der neuen Stadtregierung, die sich nach der Kommunalwahl gerade bildet. Dass die CDU erstmals seit langem nicht mehr Teil der Regierungskoalition sein soll, nennt sie „ermutigend“. Und lacht dabei ganz mädchenhaft. (Claus-Jürgen Göpfert)

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