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Frankfurt: Nur kein Stillstand im Ruhestand

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Von: Steven Micksch

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Ida Martala nimmt Maß und versucht, alle sieben Kegel abzuräumen. Spiele halten fit und lockern den Alltag auf.
Ida Martala nimmt Maß und versucht, alle sieben Kegel abzuräumen. Spiele halten fit und lockern den Alltag auf. © Rolf Oeser

Die Frankfurter Senioreneinrichtung August-Stunz-Zentrum bietet den Bewohnerinnen und Bewohnern viele Aktivitäten. Egal ob Disko mit Rammstein, Bankkegeln oder Burlesque-Show. Selbst der Garten hinterm Haus bietet Ungewöhnliches.

Die Stimmung im Speisesaal des August-Stunz-Zentrums ist an diesem Abend ausgelassen. „In München steht ein Hofbräuhaus“, stimmt der Sänger an, der gleichzeitig das Akkordeon bedient. Die überwiegend älteren Menschen im Raum schunkeln teilweise mit und antworten mit „Eins, zwei, g’suffa“. In der Seniorenpflegeeinrichtung wird Oktoberfest gefeiert. Stilecht zum Anlass gibt es Bier, aber auch Ebbelwei, Wasser und andere alkoholfreie Getränke. Die Tische im Saal sind geschmückt mit blau-weißen Servietten, es sieht bayrisch aus im Raum, und ein paar gebastelte Flugdrachen hängen von der Decke.

Veranstaltungen wie diese lockern die täglichen Routinen im August-Stunz-Zentrum auf. Die Aktivitäten sind etwas, worauf Zentrumsleiterin Sabine Kunz wert legt. Die 59-Jährige erinnert sich noch an eine Wanderung vor vielen Jahren, als sie in viele glückliche Gesichter ob des Ausflugs blickte – aber auch in ein enttäuschtes. „Ich habe mich wochenlang auf den Ausflug gefreut, aber worauf freue ich mich jetzt?“, hatte eine Bewohnerin gefragt. Kunz verstand damals, dass es mehr geben muss als nur ein paar Highlights im Jahr. Und so ist der Monatsplan der Einrichtung gespickt mit täglichen Programmpunkten. Mal vertraut, mal ganz neu.

„Wir planen auch mal eher ungewöhnliche Aktivitäten“, sagt die Zentrumsleiterin. Es gibt eine jährliche Burlesque-Show, fünf Mal im Jahr Disko mit Liedern von Marianne Rosenberg bis Rammstein, Ausflüge zum Arboretum in Eschborn, Konzertbesuche oder ab nächstem Jahr ein Nähstübchen. Dazu kommen regelmäßige Aktivitäten wie die Zeitungsrunde, Gedächtnisspiele, Gymnastik, Bingo oder das Bankkegeln.

An diesem beteiligen sich an diesem Herbsttag elf Männer und Frauen. Die Spielleitung übernehmen zwei Betreuungsassistenten. Ziel ist es, die sieben Kegel, die auf einer Bank, die man aus dem Sportunterricht kennt, stehen, herunter zu werfen. Dazu nutzen die Anwesenden einen gehäkelten Ball, der an einem Haken an der Decke befestigt ist. Dass in dieser Runde keine Person das Spiel zum ersten Mal spielt, merkt man schnell. Zwar gibt es durchaus unterschiedliche Techniken, doch gekonnt sieht es bei allen aus. So auch bei Frau Deichert, die alle Kegel abräumt. Die anderen Männer und Frauen applaudieren. Danach hat sie einen weiteren Versuch auf die sieben Kegel. Am Ende wird sie Dritte. „Bin ich schon wieder dran?“, fragt eine Frau im Rollstuhl. „Das geht schnell hier“, erwidert einer der Assistenten. Während des Spiels läuft Musik aus der mobilen Musikanlage. Diese sei fast immer mit dabei, erklärt Kunz. Dann fragt die Heimleiterin in die Runde: „Sie kommen doch alle zum Oktoberfest nachher, oder?“ Eine Frau fragt: „Was gibt’s denn zu trinken?“ „Wasser.“ „Dann komm ich nicht.“ Gelächter in der Runde.

209 Pflegeplätze bietet die Einrichtung im Frankfurter Stadtteil Ostend, die bereits seit 66 Jahren besteht. 48 Plätze sind mit Menschen in der Neurophase F belegt. Das bedeutet, sie brauchen nach Unfall oder Krankheit mit neurologischen Schädigungen medizinisch-aktivierende Behandlungspflege. 24 von ihnen liegen im August-Stunz-Zentrum im Wachkoma. Alle Zimmer, die derzeit im Haus zur Verfügung stehen, seien belegt. Die Nachfrage ist hoch.

Manche Einrichtungen nehmen keine neuen Bewohner:innen mehr auf. Es fehlt vor allem am Personal. In der Einrichtung im Ostend gibt es 170 Vollzeitstellen, die sich etwa 240 Angestellte teilen. Die Bewohnerschaft ist zwischen 23 und 105 Jahre alt.

Mykola Reva ist erst seit Juli im Zentrum. Zuvor hat er in der Ukraine gelebt, musste aber wegen des Krieges fliehen. Eine Angestellte, die Russisch spricht, übersetzt für ihn. Er fühle sich bereits gut integriert im Haus. Mit Bewohnerin Ida Martala bilde er ein gutes Tandem, weil sie sich auch sprachlich austauschen können. Doch auch der Rest der Bewohnerschaft freut sich über Revas Anwesenheit. Der ehemalige Berufsmusiker unterhält die Menschen mit Akkordeon, Klavier und demnächst auch einer Mundharmonika. „Es ist gut. Für ihn und für uns“, sagt Martala. Wenn er nach dem Frühstück oder Mittagessen nicht musiziere, würden einige schon fragen, warum er nicht spiele. Reva sagt, die Musik lenke ihn von negativen Gedanken ab. Er habe 20 Jahre Trompete im Militärorchester der Sowjetunion gespielt, war unter anderem in Potsdam stationiert.

Beim Gang durch das Haus zeigt Sabine Kunz die beiden Gebäudeteile A und B. Der jüngere wurde Mitte der 80er Jahre angebaut, der ältere ist mehr als 60 Jahre alt. Die Flure sind farblich unterschiedlich gestaltet, um Orientierung zu bieten. Die Namensschilder neben den Zimmertüren sind mit orangefarbenen Blättern versehen. Die meisten Zimmer sind Einzelzimmer, doch es gibt auch 24 Doppelzimmer. Diese werden zum allergrößten Teil von Menschen bewohnt, die keine Liebesbeziehung haben: Freundschaft im Pflegeheim. Vorbei an der Abschiedsecke im Erdgeschoss, wo Raum für Andachten und Trauer ist, geht es durch eine Tür in den weitläufigen Garten hinter dem Haus. Es gibt Bänke und sogar Hühner. „Es muss immer mal was Neues sein. Nach drei Jahren kennt man jedes runtergefallene Blatt“, sagt Kunz.

Beim Oktoberfest wird zünftig gefeiert und gesungen.
Beim Oktoberfest wird zünftig gefeiert und gesungen. © Rolf Oeser
Das Federvieh erfreut alle im Stunz-Zentrum.
Das Federvieh erfreut alle im Stunz-Zentrum. © Rolf Oeser

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