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Kein Ort für feine Pinkel: das Café Wacker im Mittelweg. 

Nordend

Frankfurt-Nordend: Café Wacker schließt an Heiligabend

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Das Café Wacker am Mittelweg schließt nach einem Viertel Jahrhundert an Heiligabend. Anfang kommenden Jahres will eine langjährige Mitarbeiterin des Stammhauses die Räume übernehmen.

Wer diese Räume aufsucht, tritt eine Zeitreise an. Es geht zurück in eine Ära, in der es noch eine Kaffeehaus-Kultur gab – und nicht nur Filialen seelenloser Ketten. Dunkle Holztäfelung empfängt die Besucher im Café Wacker im Mittelweg, rote Lederpolster ziehen sich an der Wand entlang, ein Marmorboden kontrastiert mit kleinen runden, polierten Holztischen.

Im Zentrum prunkt eine Theke mit wunderbaren Intarsien-Arbeiten, dahinter reihen sich Messing-Schütten für allerlei Kaffeesorten. All dies wird bald verschwunden sein, denn das Café im Haus Mittelweg 47 schließt nach einem Vierteljahrhundert. Ausgerechnet an Heiligabend, also am 24. Dezember, ist Schluss.

Das Wacker ist, ohne Zweifel, ein Zentrum des kulturellen Lebens in Frankfurt (gewesen). Schriftsteller und Autoren trafen sich hier ebenso wie Übersetzer, Architekten, Designer, Universitätsprofessoren, Leute vom Film. Aber das Wacker ist kein Ort für feine Pinkel, die die Nase hochtragen. Arme Menschen, die lange vor einer Tasse Kaffee sitzen, sind hier ebenso willkommen und werden in die Wacker-Gemeinschaft integriert.

Das Wacker war und ist ganz ausdrücklich ein Ort, an dem gelesen werden soll und darf. Die Tageszeitungen kommen selbstverständlich frisch am Morgen. Wie viele Cafés mag es noch geben in Frankfurt, in denen werktäglich die „Neue Zürcher Zeitung“ ausliegt?

Seit 25 Jahren ist das Café ein beliebter Treffpunkt. 

Aber auch mit einem Buch in der Hand ist man hier willkommen und wird in Ruhe gelassen, auch mit der voluminösen Hegel-Biografie von Klaus Vieweg. Im Sommer konnte man sich zum Lesen und Träumen in den kleinen Café-Garten zurückziehen....

Natürlich wird im Wacker ganz heftig räsoniert und politisiert. Nicht nur Linke treffen sich hier. Auch konservative Publizisten, die zum Beispiel regelmäßig in der „Neuen Zürcher“ schreiben, sind Stammgäste. Man geht freundschaftlich und tolerant miteinander um. Leben und leben lassen ist das Motto.

Unbedingt muss Lena Erwähnung finden, die seit mehr als 20 Jahren im Café arbeitet und dort die Seele ist, mit den Wünschen aller Stammgäste vertraut. Ohne sie wäre das Wacker undenkbar gewesen.

Warum die Familie Zülch, die hinter den Wacker-Cafés steht, ihre Dependance im Nordend schließt, hat sie nie klar gesagt. Angelika Zülch-Busold, die mit ihrem Bruder das Unternehmen führt, hat gegenüber der FR stets bestritten, dass der Hauseigentümer für die Räume eine Mieterhöhung ausgesprochen habe.

Es gab lange Gespräche mit dem Hausbesitzer über die Zukunft und über eine Sanierung des Cafés, aber ohne Ergebnis. Tatsache ist aber auch, dass die 2019 neu eröffnete Dependance von Wacker in der Schweizer Straße nahe des Museumsufers ein großer wirtschaftlicher Erfolg ist, der das Nordend in den Schatten stellt.

Wie auch immer: Eine langjährige Mitarbeiterin des Wacker-Stammhauses am Kornmarkt will 2020 in den Räumen am Mittelweg ein neues Café eröffnen. Am 17. Januar ist dort der Start geplant. Vorher soll ausgiebig renoviert werden.

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