LockDownVorstimmung04_021120
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Am Samstag geht es tagsüber auf der Zeil recht entspannt zu. Und fast alle tragen Masken.

Rundgang in Frankfurt

Noch mal schnell genießen

  • George Grodensky
    vonGeorge Grodensky
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Am Samstag vor dem neuerlichen Lockdown treibt es viele Menschen in Frankfurt in die Sonne hinaus. Hamsterkäufe gibt es kaum.

Alle tragen Masken am letzten Wochenende vor dem neuerlichen Lockdown. Na gut, fast alle. Nördlich des Frankfurter Alleenrings sind es vor allem junge Männer, die ihren Mund-Nasenschutz verkehrt oder gar nicht angelegt haben. Weiter im Süden herrscht Gleichberechtigung. Viele Maskenverweigerer sind am Samstag zwar nicht unterwegs, sie sind aber geschlechtermäßig gleichmäßig verteilt. Wenigstens das.

Die zweite gute Nachricht: Das Klopapier ist noch nicht ganz vergriffen. Zumindest der große Supermarkt nahe dem Polizeipräsidium hat noch welches. Eine Mitarbeiterin bringt Nachschub aus dem Lager. Zwischen Käse- und Fleischtheke entspinnt sich ein Wortgefecht. Die eine Seite empfiehlt, die Mitarbeiterin möge nicht alles voreilig preisgeben, sie habe doch bereits eine Palette hervorgezaubert. Die andere Seite klärt auf, dass das dreilagig gewesen sei, jetzt folge das Vierlagige.

Genau hinsehen, das tut eine Kundin auf der Suche nach Küchenpapier. Ohne Erfolg. „Das ist aus“, sagt die Mitarbeiterin. Viel mehr los als an einem normalen Samstag ist nicht im Markt. Die Hamsterkäufe sind, so scheint es, bereits unter Dach und Fach. „Gestern und vorgestern, da war es richtig voll“, sagt die Frau an der Kasse. Der Mann aus dem Tabakwarenladen kann das bestätigen. Ob der Andrang mit dem Lockdown zu tun habe? Er schüttelt den Kopf. Am Ende des Monats kauften immer mehr Menschen als sonst ein. Auch Schnickschnack. „Das Geld ist dann da.“

Mainufer ist voll von Ausflüglern

Ein junges Paar zieht derweil zufrieden mit einem Paket Toilettenpapier von dannen. Er finde das gut, dass die Rollen nur begrenzt zu haben seien, sagt der Mann. „Dann kann keiner horten.“ Ein paar Meter weiter sind die Horden bereits da gewesen. In der Drogerie auf der anderen Straßenseite ist das Regal für Toilettenpapier leer. „Es ist wieder genauso schlimm wie zu Jahresbeginn“, sagt eine Verkäuferin und seufzt.

Die Trinker am Kiosk an der Miquelallee sitzen vor dem Haus, so wie immer, Pandemie oder nicht. Hauptsache, es regnet nicht. Sie blinzeln in die Sonne. Wie es geht? Muss ja. „Heute ist wenig los“, findet der Straßenmusiker in der U-Bahn-Unterführung. Er hat sein Akkordeon beiseitegelegt für eine kleine Zigarettenpause. Es läuft nicht und „ab Montag wird es sicher noch weniger“. Dabei hat das schöne Wetter viele Menschen aus den Häusern getrieben. Die Plätze vor den Cafés in der Innenstadt sind fast alle belegt. Das Mainufer ist voll von Ausflüglern. Auch die Trinker vor der Kleinmarkthalle sind alle da. An Stehtischen parlieren sie übers Weltgeschehen, über Outfits und Ambitionen.

Und Corona? Es sei doch alles dazu gesagt, wehrt eine junge Frau ab. Überhaupt will an diesem sonnigen Tag kaum jemand mit der Presse reden. Die Zeit ist zu kostbar an diesem letzten Wochenende vor dem Lockdown. Entsprechend enttäuscht ist ein Grüppchen, das auf dem Markt auf der Konstablerwache den Weinstand nicht findet. „Wir wollten unbedingt noch mal raus und genießen“, sagt eine der Frauen.

Eine junge Frau aus Hofheim ist dagegen zufrieden. Sie ist zu Besuch in der großen Stadt. Sie hat einen Fotokurs belegt und übt nun: Straßenfotografie mit Menschen. Zwei Demos haben bereits ihren Weg gekreuzt. Auch an Römer und Hauptwache ist sie fündig geworden. Ein bisschen mulmig habe sie sich gefühlt wegen des Virus. Doch auf der Jagd nach dem richtigen Motiv spült das Adrenalin die Bedenken fort.

Die ganze Nacht wach gelegen

Die Zeil zeigt heute ihr freundliches Gesicht. Nichts erinnert an den Vorfall in der Nacht, als Jugendliche und eine Polizeistreife aneinandergeraten waren. Die Einkaufsmeile ist gut besucht, bietet aber dennoch etwas, das in Vor-Corona-Zeiten kaum möglich schien: Platz zum Flanieren. Im Kaufhaus von Clemens und August Brenninkmeijer an der Konstablerwache herrscht reger Betrieb. Viele Leute kämen, um sich zu vergewissern, dass der Betrieb auch in den kommenden Tagen geöffnet bleibe, erzählt eine Dame an der Kasse.

Zum Einkaufsbummel gehört zwingend der Besuch im Caféhaus. Sevil Erdinc-Cakici freut das. Zum ersten Mal seit langem ist sie wieder im Stress. Die Wochen zuvor war ihr „Roseli“ an der Weißadlergasse zu 50 Prozent ausgelastet. Die ganze Nacht habe sie wach gelegen und über den neuerlichen Lockdown gebrütet. Nun will sie Speisen zum Mitnehmen anbieten. Zumindest solange sie nicht drauflege.

Take-away-Kunst, das wäre vielleicht eine Idee für die Frankfurter Museen. Ab Montag haben sie vorerst geschlossen. Gleichwohl bilden sich am Samstag keine Schlangen. Die Kulturbeflissenen sind wohl schon im Lockdown. Doch, doch, hier sei viel mehr los als sonst, beteuert die Dame am Empfang des Museums für Moderne Kunst. Immerhin ist der Eintritt frei. Wie an jedem letzten Samstag im Monat. Auf der anderen Straßenseite fallen sich zwei Frauen jauchzend in die Arme. „Wir haben uns schon so lange nicht mehr gesehen“, entgegnet die eine den verwunderten Blicken der Passanten.

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