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Frankfurt: Noch ein Date mit der Ringelnatter

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Von: Thomas Stillbauer

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Rainer Berg im Garten des Stadtwaldhauses.
Rainer Berg im Garten des Stadtwaldhauses. © Christoph Boeckheler

30 Jahre lang hat Rainer Berg das Stadtwaldhaus geleitet und den Wald erklärt. Jetzt widmet er sich anderen Plänen. „Der Fluglärm ist das größte Manko im Wald“

Eine Unverschämtheit ist das ja schon. Dass die Stadt ihre Leute in solch jungen Jahren in Rente gehen lässt. Gerade hängt Rainer Berg elastisch überm Treppengeländer im ersten Stock des Stadtwaldhauses und fotografiert ein Plakat, das im Parterre auf dem Boden liegt. Dann federt er die Treppe herunter, offenes Lächeln, Begrüßungsfaust ... bitte? 1959 geboren? 30 Jahre lang Leiter des Bildungs- und Informationszentrums im Stadtwald?

Respekt. Das Pensionärsalter sieht man ihm nicht an. Offenbar hält das jung: mit der Natur leben, Kindern und Erwachsenen den Wald näherbringen. Aber das trifft sich gut. „Jetzt bin ich fit“, sagt Rainer Berg, „jetzt will ich was erleben.“ Von September an hat er Zeit dafür. Viel Zeit.

Zwei Eichhörnchen jagen einander zeternd um einen Baum hinterm Haus herum, ein rotes und ein dunkles. „Viele glauben, unsere einheimischen Hörnchen würden verdrängt“, sagt der studierte Biologe, „dabei ist das alles eine Art.“ Die Grauhörnchen, die in England den roten zu schaffen machen, gebe es hier nicht.

Man kann viel lernen vom gebürtigen Bornheimer. Dass das Reh nicht die Frau vom Hirsch ist. Dass niemand Tannenzapfen auf dem Waldboden findet, weil die Tanne ihre Zapfen nicht fallen lässt. Dass Libellen nicht stechen, weil sie keinen Stachel haben. „Eine Libelle kann höchstens beißen. Aber nicht den Finger ab.“

Solche Dinge immer wieder zu erklären, ohne darüber zu verzweifeln, das gehört zur Arbeit eines Stadtwaldhauschefs. Verzweifeln sowieso nicht, dazu ist er viel zu entspannt. Aber die hartnäckige Unwissenheit etwa über Wespen (und welches Chaos eine einzelne Wespe in einer Rotte Wildschweine oder einer Gruppe Menschen verursachen kann, wobei nie die Wespe schuld ist, sondern immer das Schwein oder der Mensch) brachte ihn einst dazu, das Insektenfest zu gründen. Es gehörte in diesem Jahr auch zum Jubiläumsprogramm für den 650 Jahre alten Stadtwald. Würdiger Zeitpunkt, um in Rente zu gehen.

Angefangen hat alles mit einer Zeitungsanzeige. Nein, eigentlich viel früher. Vom Wochenendhaus der Familie im Vogelsberg aus ging der 13-Jährige auf Streifzüge. „Da bin ich Waldläufer geworden“, sagt er, und später Biologe, längst nicht der einzige in der Familie; der Bruder etwa ist Bienenwissenschaftler. Im Studium verdiente sich Berg mit Führungen für Senckenberg etwas dazu. „Das Vermitteln hat mir gefallen. Ich wollte Allroundbiologe sein. Die ganze Natur verstehen.“

Dann die Zeitungsannonce: Leiter des Stadtwaldhauses gesucht. Damals gab es noch gar kein Stadtwaldhaus. Das musste erst noch aus dem Rohbau wachsen und Gestalt annehmen, vor allem inhaltlich. „Ein Stadtwaldhaus war was ganz Neues.“

Zur Person

Rainer Berg, 63, hat 30 Jahre lang das Frankfurter Stadtwaldhaus und die Fasanerie an der Isenburger Schneise geleitet. Der studierte Biologe, Vater einer Tochter und eines Sohnes, Großvater zweier Enkelkinder, tritt in dieser Woche in den Ruhestand.

Das Planungsteam, darunter Forstamtsleiter Werner Ebert, schaute sich Einrichtungen in den Niederlanden und in Süddeutschland an, entwickelte Ideen. Stereolupen, zum Beispiel. Damit kann man Fundstücke, die man von draußen mitbringt, stark vergrößert anschauen. Wenn man weiß, wie es geht, sagt Berg und unterdrückt ein Grinsen. „Die Leute lesen in Ausstellungen nichts und wollen sich nicht helfen lassen. Da muss man dann geschickt sein.“ Sich an die Stereolupe nebenan stellen und rufen: „Na, das ist ja ein Ding, schauen Sie mal hier!“ Und auf die Art den Leuten zeigen, wie’s funktioniert. Ein gutes Mittel beim außerschulischen Lernen für Kinder übrigens: „Viele kriegen hier richtig viel mit, ohne zu merken, dass sie gerade was gelernt haben.“

Ein Flugzeug brüllt über dem Stadtwaldhausgarten. Nicht das erste heute. Berg schweigt, bis das Getöse nachlässt. „Darüber beklage ich mich aus Prinzip nicht“, sagt er. Weil er sich daran gewöhnt hat? „Ich wollte mich nie daran gewöhnen.“ Der Fluglärm sei das große Manko am Stadtwaldhaus. Und am Stadtwald. Man stelle sich dieses Paradies ohne Krach vor. „Manche Leute haben gesagt: Hier komme ich nicht mehr her, da kann ich auch gleich zum Flughafen gehen.“

Andere kämen immer wieder. Eine alte Dame habe beim 50. Besuch 50 Euro gespendet und beim 100. Besuch 100. Ein Herr nutzt die Bibliothek. Familien bringen Picknick mit und beobachten, was sich am Teich tut. Ein Lieblingsort auch für Rainer Berg. Als das Haus wegen der Corona-Pandemie geschlossen war, installierte er mit seinem Sohn eine Wildkamera am Wasser. Und wen sie alles einfing! Der Bussard kam, Waschbär, Graureiher, der Fuchs, jede Nacht. Reineke ließ sich sogar nachmittags blicken, um aus dem Becken zu trinken, solange keine Besucher da waren.

Nachfüllen musste Berg den Teich in diesem Sommer. So viele Tiere sind davon abhängig, auch die Bienen und Wespen. Ein Stück weiter entfernt hat der Jacobi-Weiher so wenig Wasser wie selten zuvor. „Jedes Jahr neue Minusrekorde“, sagt Berg. Der Klimawandel sei den Fachleuten natürlich schon bei der Planung des Stadtwaldhauses bekanntgewesen. „Es gab schon vor 25, 30 Jahren die gleichen Berichte wie heute.“ In den 1980er Jahren sei der saure Regen noch als große Bedrohung empfunden worden; als er unter Kontrolle war, ging das Thema Waldsterben wieder unter. Dennoch sei ein Solardach fürs Stadtwaldhaus geplant gewesen, bemerkenswert für jene Zeit. „Es fiel dann dem Rotstift zum Opfer.“ Die Stadt wollte sparen. Am falschen Ende, wie wir heute wissen. „Uns war klar, dass der Umweltgedanke viel präsenter werden muss“, sagt Berg. Das zeigten schon frühe Schadstoffmessungen im Wald an den Spieltagen der Eintracht. Jede und jeder Einzelne könne etwas bewegen, macht er den Menschen Mut. „Die Fridays for Future haben es doch gezeigt.“

Was hat der Rentner vor? „Mit meiner Frau reisen, Anfang September geht es los. Wir sind Skandinavienfans.“ Viele Tiere fotografieren, den Enkeln einen Dachsbau zeigen. Tausende Dias bearbeiten. Und auch gelegentlich beim Stadtwaldhaus vorbeischauen. Dort sind noch zwei Verabredungen offen. „Die Ringelnatter habe ich hier nicht zu Gesicht bekommen – und den Gartenschläfer auch nicht, in 30 Jahren!“ Er lacht. Schön, wenn noch Herausforderungen bleiben nach einem ziemlich sinnvollen Berufsleben.

Einmal, erzählt er, habe ihn ein Gärtner im Palmengarten angesprochen. Der junge Mann sagte, den Beruf habe er nur aus einem Grund ergriffen: Weil Rainer Berg ihm einst, als er noch ein Bub war, im Stadtwaldhaus faszinierende Geheimnisse der Natur verriet. Kann sein, dass es die Morgensonne ist, aber vielleicht glitzert da auch ein Tränchen im Auge des Biologen.

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