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Menschenkette entlang des geplanten Baugebiets der Stadt Frankfurt fuer einen neuen Stadtteil westlich der A5.

Proteste

Kilometerlange Menschenkette gegen neuen Stadtteil Josefstadt

Gegen Wohnraumnot in Frankfurt soll auch der neue Stadtteil Josefstadt im Norden Abhilfe schaffen. Dagegen gibt es Kritik. Etwa 3000 Menschen schließen sich bei einer Protestaktion zu einer kilometerlangen Menschenkette zusammen.

Frankfurt - "Komm, Schatz, heute gehen wir demonstrieren!" Der Breite Weg im Feld zwischen Oberursel-Weißkirchen, Steinbach und dem Frankfurter Nordwesten ist beliebt für Sonntagsspaziergänge im Sonnenschein. An diesem Sonntag (15.09.2019) jedoch heißt es: protestieren statt promenieren. 

Frankfurt: Menschenkette gegen neuen Stadtteil im Norden

Die Frauen und Männer, die sich am Nachmittag an den Händen halten, ab und an eine La-Ola-Welle starten und über die Felder und Autobahn auf die Frankfurter Skyline schauen, stellen sich symbolisch der Großstadt entgegen. Sie lehnen den von Frankfurts Planungsdezernent Mike Josef (SPD) angestrebten und daher "Josefstadt" genannten Stadtteil an der A 5 für rund 30.000 Menschen ab.

Die Bürgerinitiative "Unser Heimatboden vor Frankfurt - Feld statt Beton" hat zur T-förmigen Menschenkette auf 3,2 Kilometern aufgerufen. Die Polizei spricht von etwa 3000 Teilnehmern, die Organisatoren schätzen die Zahl auf 3500. Weit mehr als 20 politische Gruppen von links bis konservativ sowie Umweltschützer haben den Aufruf unterstützt, aus dem Hoch- und Main-Taunus, aus Frankfurt und der Wetterau.

Frankfurt: Bürger protestieren gegen neuen Stadtteil

"Man muss auch mal Flagge zeigen", sagt eine Frau auf dem Weg in die sich formierende Kette zu ihrer Begleiterin und ergänzt: "Die Geschichte soll ja noch größer werden als der Riedberg." Die beiden Frauen sind aus Richtung S-Bahnhof Weißkirchen/Steinbach gekommen. Es ist 14.10 Uhr. Der Blick über die Felder lässt Richtung Steinbacher S-Bahn-Brücke eine Kette erahnen.

Auch von Niederursel kommend haben sich Menschen aufgereiht, aus Richtung Weißkirchen besteht noch Sortierungsbedarf. "Hinstellen, Lücken schließen." Offizielle und selbst ernannte Ordner nehmen die Sache in die Hand, ihren Nachbarn an die selbige.

Von 14.45 bis 15 Uhr soll die Kette stehen, und sie tut es. Pfarrer, Politiker, Paare. Die einen im T-Shirt, die anderem im Jackett. Manche halten Protestschilder. Karl-Josef Rühl als Sprecher der Bürgerinitiative steht in einem Korb im hochgefahrenen Ausleger eines Traktors und hat alles im Blick und im Griff. Zum Abschluss der Kette wird vom Traktor aus gehupt, Gregor Maibach, ebenfalls in der Bürgerinitiative, verstärkt das Signal mit einer Stadiontröte.

Mehr als 3000 Teilnehmer gegen neuen Stadtteil in Frankfurt

Später wird sich Rühl "überwältigt" vom Zuspruch zeigen. Er eröffnet die Abschlusskundgebung auf dem Fasanenhof und fordert eine vom Bürger zu zahlende Abgabe, die gegen Flächenversiegelung, für öffentliche Verkehrsmittel und sozialen Wohnungsbau eingesetzt werden solle. Die Bürgerinitiative führt ökologische Argumente gegen den von der Stadt Frankfurt geplanten Stadtteil ins Feld. "Grün statt Grau - kein Klima-Gau" ist die Veranstaltung überschrieben. Ackerflächen und Frischluftschneisen erhalten, Wohnraum durch Aufstockung und Nutzung leerstehender Immobilien schaffen, das fordern die Gegner des geplanten Groß-Stadtteils.

Eine Demonstrantin betont, dass sie die die Flächen erhalten will: "Es gibt schon so viele Hochhäuser." Die Qualität der Ackerböden betonen auch Irmela und Ralf Jäger aus Bonames. Tags zuvor haben sie noch in Frankfurt anlässlich der IAA für die Verkehrswende demonstriert, jetzt werben sie im Taunus für den Klimaschutz.

Frankfurt: Breites Bündnis mit Menschenkette gegen neuen Stadtteil

Der Zeitpunkt für die Protestaktion sei der richtige, sagt denn auch Oberursels Erster Stadtrat Christof Fink (Grüne) in Bezug auf die Klimaschutz-Diskussion. "Die ,Josefstadt' ist die falsche Antwort auf die Frage, vor der wir stehen." Zwar warnen die FDP-Politiker Stefan Naas (Landtagsabgeordneter, Ex-Bürgermeister Steinbach) und Mathias Geiger (Bürgermeister Eschborn) vor sozialen und verkehrlichen Problemen, die Mehrheit der vielen Redner aus Politik und Naturschutz argumentiert aber ökologisch. Und - das wird an diesem Sonntag deutlich - trifft damit den Nerv der Demonstranten.

"Es ist traurig zu sehen, wenn Böden versiegelt werden", sagt Georg Braun, Landwirt und OBG-Fraktionschef in Oberursel. Es könne nicht sein, dass Dezernent Mike Josef etwas plane und die Frankfurter Koalition ihm unter Zwang folge. Braun bekommt dafür großen Applaus und Bravo-Rufe.

Joachim Rotberg (CDU), Mitglied im Ortsbeirat 8 (Heddernheim, Niederursel, Nordweststadt) war auch dabei. Mehrere hundert Bürger trafen sich auf der östlichen Seite, also der Frankfurt zugewandten Seite der Autobahn A5, an der Mosaikschule der Nordweststadt. Für ihn war die Teilnahme an dieser Menschenkette eine Selbstverständlichkeit, gemeinsam "mit einer alteingesessenen Niederurseler Bürgerin" sei er mit dabei. "Es ist ein reger Betrieb. Wir sind gegen den Stadtteil, und das wollen wir hier mit unserer Teilnahme am Protest eben auch deutlich zeigen", sagte er.

Menschenkette gegen neuen Stadtteil an der A5 in Frankfurt

Auch Ralf Porsche, CDU-Fraktionsvorsitzender im Ortsbeirat 8 (Heddernheim, Niederursel, Nordweststadt), mischte sich unter die Teilnehmer der Menschenkette. Er berichtete unter anderem von "etlichen Menschen", die aus allen Richtungen gen Mosaikschule liefen. "Ob das jetzt das richtige Mittel ist, um den geplanten Stadtteil zu verhindern, sei einmal dahingestellt. Es ist aber sicher das richtige Mittel um seinen Protest zu zeigen. So wie die CDU es im vergangenen Jahr bereits beim Sternenmarsch getan hat", sagte Porsche. 

Bei der Kundgebung auf dem Fasanenhof sprachen Politiker wie hier der CDU-Landtagsabgeordnete Jürgen Banzer, aber auch Umweltschützer, beim Protest gegen die geplante "Josefstadt" neben der A5 in Frankfurt.

Der Landtagsabgeordnete und Vorsitzende der Hochtaunus-CDU, Jürgen Banzer, hat sich am Sonntag bei der Abschlusskundgebung nach der Menschenkette auch gegen eine Bebauung auf der Frankfurter Seite der Autobahn A5 ausgesprochen - und hat damit sogar seine Parteikollegen durchaus überrascht.

Denn bislang verfolgen die Christdemokraten im Taunus die Linie, dass sie lediglich eine Bebauung westlich der A5, also auf der Taunus-Seite, ablehnt. Dementsprechend hatten sich die Christdemokraten im Hochtaunus-Kreistag sowie in den Stadtparlamenten von Oberursel und Steinbach positioniert.

Neuer Stadtteil in Frankfurt: Überraschung bei der CDU

Der ehemalige Landrat Jürgen Banzer kritisierte am Sonntag bei der Kundgebung nicht nur, dass das geplante Wohngebiet an einer der meistbefahrenen Autobahnen Deutschlands gebaut werden solle, sondern ging in seiner Argumentation auch auf die Frage des Klimaschutzes und der Frischluftschneisen ein, die man nicht nur auf einer Seite der Autobahn sehen solle, wie er im Gespräch mit dieser Zeitung deutlich machte.

Heißt das, dass die CDU im Hochtaunuskreis nun ihre Position ändert? Eine direkte Antwort gab es darauf nicht. Jürgen Banzer verwies vielmehr auf für die Flächenplanung entscheidenden regionalen Gremien und warnte vor einem regionalplanerischen "Sündenfall". Die Belüftung der Region sei ein Thema, das gemeinsam in der Region gelöst werden müssen, sagte Jürgen Banzer. Er gehört auch dem Vorstand des Regionalverbands Frankfurt/Rhein-Main an. 

Die geplanten Protestaktionen hatten vorab die Frankfurter SPD-Landtagsabgeordnete Turgut Yüksel und die Bundestagsabgeordnete Uli Nissen kritisiert.

Von Stefanie Heil und Judith Dietermann

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