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Blick auf Steinbach: Hier, im Nordwesten von Frankfurt, soll eigentlich ein neuer Stadtteil entstehen. 

Wohnungsbau

Neuer Stadtteil im Nordwesten Frankfurts droht zu scheitern

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Die Pläne der Stadt Frankfurt für einen neuen Stadtteil im Nordwesten stoßen auf viele Hindernisse. Die Nachbargemeinden lehnen Frankfurts Ausdehnung ab und auch der Regionalverband bekennt sich nicht zum Projekt.

Nur mit Verdichtung bestehender Quartiere alleine ist dem Mangel an bezahlbarem Wohnraum in Frankfurt am Main nicht beizukommen. Deshalb muss ein neuer großer Siedlungsschwerpunkt außerhalb der Stadt entwickelt werden. Im Sommer 2017 hatten noch alle drei Parteien der Frankfurter Römer-Koalition, also CDU, SPD und Grüne, hinter dieser Einschätzung gestanden. So kam es damals zu dem Plan, im Frankfurter Nordwesten beidseits der Autobahn A5 einen neuen Stadtteil für 30 000 Menschen zu bauen.

Zwei Jahre später ist die Ernüchterung im Frankfurter Rathaus groß. Das Milliardenprojekt droht zu scheitern. Eigentlich streitet nur noch der sozialdemokratische Planungsdezernent Mike Josef engagiert für das Vorhaben. Die nordwestlichen Nachbargemeinden wie Steinbach und Oberursel, an die Frankfurt näher heranrücken würde, aber auch der Hochtaunuskreis mobilisieren Widerstand. Vom hessischen Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) ist keine Unterstützung im Kampf gegen den Wohnungsmangel zu erwarten: Frankfurt müsse sich selbst eine politische Mehrheit für das Projekt in der Regionalversammlung organisieren, lässt Al-Wazir verlauten.

Während die Grünen im Frankfurter Römer schweigen, gibt der neue CDU-Fraktionsvorsitzende Nils Kößler im Gespräch mit der FR dem Wohnungsbau nur östlich der Autobahn A5 den Vorrang – also so weit wie möglich weg von den Nachbargemeinden.

Land moderiert nicht

In der Studie „Vorzugsräume Wohnen“ des Instituts für Wirtschaft (IW) Köln ist die arbeitgebernahe Forschungseinrichtung 2019 zu dem Ergebnis gekommen: „Die Probleme der Wohnungsmärkte in den Ballungszentren und des ländlichen Raums sind dabei nicht unabhängig voneinander. Hier müssen letztlich die Landesregierungen moderieren und dafür sorgen, dass es zu einem vernünftigen Interessenausgleich kommt“. 

Genau das tut die schwarz-grüne hessische Landesregierung beim neuen Stadtteil im Frankfurter Norden aber nicht. Josef hofft dennoch darauf, im Herbst zumindest eine politische Mehrheit in der Regionalversammlung Südhessen für die Frankfurter Pläne erreichen zu können. Doch die ist unter den 99 Vertretern aus Städten und Kreisen des Rhein-Main-Gebietes bisher nicht in Sicht. Der Direktor des Regionalverbandes, Thomas Horn (CDU), hatte stattdessen einen eigenen Vorschlag für ein neues Wohngebiet rund um das Main-Taunus-Zentrum an der Grenze zwischen Sulzbach und Frankfurt unterbreitet. Doch dieses Quartier lehnt wiederum der Frankfurter Planungsdezernent ab, weil es über keinerlei öffentliche Verkehrsanbindung verfügt.

Für diese Haltung bekommt Josef Lob von den Linken. „Ich finde es sehr gut, keinen politischen Deal mit dem Regionalverband zu machen“, sagt Eyup Yilmaz, der wohnungspolitische Sprecher der Linken im Römer.

Doch wie geht es weiter im Kampf um den neuen Stadtteil? Die Zeit drängt. In der rasch wachsenden Stadt Frankfurt müssen bis zum Jahr 2040 knapp 107 000 Wohnungen gebaut werden, um den zusätzlichen Bedarf zu decken. Das hält der Wohnungsmarktbericht 2018 der Stadt Frankfurt fest. Bis 2040 soll die Einwohnerzahl von heute 750.000 auf dann 840.000 steigen.

Josef treibt denn auch die Vorbereitungen für den neuen Stadtteil weiter voran. Nach den Sommerferien schreibt die Kommune jetzt die rund 100 Grundstücksbesitzer an, die es in dem etwa 550 Hektar großen Planungsgebiet gibt. Nur rund 40 Prozent der Fläche gehören der Stadt oder stadtnahen Stiftungen. Die Kommune will deshalb mit den Flächeneigentümern darüber sprechen, ob sie ihre Grundstücke für den neuen Stadtteil verkaufen wollen. Ob sie sie überzeugen kann, ist freilich ungewiss.

Ein weiteres gravierendes Hindernis also für das umstrittene neue Siedlungsgebiet. Die nächste ungelöste Frage: Wie lässt sich die immense Trennwirkung der vielbefahrenen A5 überwinden, die mitten durch den neuen Stadtteil führen würde? Die heute sechsspurige Trasse soll bald auf acht Spuren ausgebaut werden.

„Wir müssen letztlich zwei getrennte Quartiere östlich und westlich der Autobahn entwickeln, die dazu in der Lage sind, sich jeweils selbst zu tragen“: So sieht es der Planungsdezernent. Dennoch gibt der Sozialdemokrat die Vorstellung nicht auf, die Autobahn großflächig zu überbrücken. Als Vorbild dienen ihm die „grünen Brücken“ über Verkehrswege, die er unlängst bei einer Reise mit dem Frankfurter Städtebaubeirat in der französischen Metropole Paris kennengelernt hatte.

Unterirdische Lösung

Für die Linken ist dagegen klar: Die Autobahn muss komplett, auf einer Länge von mehreren Kilometern unter die Erde verlegt werden. „In Hamburg gibt es eine sieben Kilometer lange unterirdische Stadtautobahn, daran können wir uns orientieren“, sagt Linken-Sprecher Yilmaz.

Die unterirdische Lösung schlagen die Linken auch für ein weiteres großes Hindernis vor: die mächtigen Überland-Starkstromleitungen, die heute durch das künftige Siedlungsgebiet führen. Bisher gilt noch die Regelung des Landesentwicklungsplans, dass 400 Meter rechts und links der Leitungen keine Wohnungen gebaut werden sollen. Bliebe es dabei, könnte nur ein Bruchteil der von Frankfurt geplanten 11 000 Wohnungen entstehen. Minister Al-Wazir hat erst kürzlich im Gespräch mit der FR betont, dass er grundsätzlich an dieser Vorschrift festhalten möchte.

Die FR-Serie

Kaum eine Stadt in Deutschland wächst derart rasant wie Frankfurt. In ein paar Jahren könnte die Metropole am Main 800.000 Einwohner haben. Doch bewältigt Frankfurt diese Entwicklung überhaupt? Wo sollen alle diese Menschen wohnen, wie gelangen sie zur Arbeit, wenn die Straßen immer voller werden, und droht das Umland von Frankfurt aufgefressen zu werden?

Diesen Fragen geht fr.de* bis Mitte Oktober in der Serie „Frankfurt wächst“ nach. Jede Woche beleuchten wir eine provokante und sehr zugespitzte These. Diese Woche etwa: „Die Häuser sind noch nicht hoch genug.“ Heute geht es besonders um die immer schwieriger werdende Suche nach Flächen, auf denen neue Wohnungen entstehen könnten. 

*fr.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

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