Junge Ostafrikanische Bongos sind etwas kamerascheu und sehr waldverliebt, aber einen haben wir erwischt.
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Junge Ostafrikanische Bongos sind etwas kamerascheu und sehr waldverliebt, aber einen haben wir erwischt.

Zoo 

Frankfurt: „Naturschutz bewahrt vor Pandemien“

  • Thomas Stillbauer
    vonThomas Stillbauer
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Zoo und Zoologische Gesellschaft Frankfurt warnen: Klimaschutz und Biodiversität nicht vergessen – sie sind auch wichtig, um Seuchen zu vermeiden.

Den beiden kleinen Bongos ist heute nicht so nach Gesellschaft. Die wenige Wochen alten Antilopen verstecken sich in dem Bambuswäldchen in ihrer Anlage. Ob man sie da nicht rausscheuchen könne, fragt ein Fotograf. Mehr als Scherz. Die Tierpflegerinnen darauf trocken: „Sie können es ja versuchen. Viel Erfolg. Leki ist eine richtige Mama!“

Soll heißen: Muttertier Leki wird Eindringlingen mit ihren Hörnern schon den Weg weisen. Dann warten die Fotografen lieber noch ein Weilchen. Grundsätzlich ist Lekis Sohn ja auch ganz richtig im Wald. Er heißt Forrest. Nach Forrest Gump. Aus dem Film.

Den Tieren im Zoo gehe es gut, davon ist am Dienstag die Rede. Auch wenn Corona saftige finanzielle Einbußen verursacht: Es gebe keine Engpässe bei der Versorgung, sagt Zoodirektor Miguel Casares. Sogar manch wertvoller Nachwuchs sei in der Krisenzeit geboren worden, siehe: Ostafrikanische Bongos. Von den wunderschönen braunen Streifenantilopen lebten inzwischen viermal so viele in Zoos wie im Freiland, wo sich noch höchstens 80 tummelten – weltweit. Das macht deutlich: Tieren außerhalb der Zoos geht es oft alles andere als gut.

Bongos & ZGF

Ostafrikanische Bongos leben im tropischen Bergregenwald – wenn sie noch leben. Ihr Wildtierbestand wird auf nur noch 70 bis 80 geschätzt. Im Zoo Frankfurt kam 1973 das erste Bongo-Baby Europas zur Welt. Damals gab es in dem kenianischen Nationalpark Aberdare noch mehr als 500 Bongos, heute nur noch ein Zehntel davon.
Die Zoologische Gesellschaft Frankfurt (ZGF), einst für den Betrieb des Zoos gegründet, bemüht sich seit Jahrzehnten um Naturschutz auf der ganzen Welt, besonders in Asien, Südamerika und Afrika. Zurzeit betreibt sie 30 Programme und Projekte in 18 Ländern und gleich mehrere im tansanischen Serengeti-Nationalpark.

„Wir haben so viel mit Corona zu tun, dass die anderen großen Krisen übersehen werden“, warnt Christof Schenck, der Geschäftsführer der weltweit engagierten Zoologischen Gesellschaft Frankfurt (ZGF): „Der Klimawandel und der Verlust der Artenvielfalt schreiten unvermindert fort.“ Allein die Abholzung der Wälder sorge für 20 Prozent des CO2-Ausstoßes. Damit einher gehe ein immenser Schwund der Biodiversität. Der Zusammenhang zeige sich immer klarer, sagt Schenck: „Wenn ich Natur zerstöre, Arten reduziere, bekomme ich als Rechnung mehr gefährliche Krankheiten.“ Der Raubbau an den tropischen Regenwäldern leite eine Kettenreaktion ein: weniger Tiere, also weniger Wirte für lokale Infektionen, dadurch stärkere Ausprägung der Krankheiten und am Ende der Sprung des Erregers vom Tier auf den Menschen.

„Wir haben die Büchse der Pandora geöffnet“, sagt Schenck. Sars, Ebola und weitere Seuchen hätten die Schwelle von Tier zu Mensch überschritten. Klimaforscher und Epidemiologen seien sich einig in der Prognose, dass weitere Pandemien folgen würden. „Stellen Sie sich vor, ein Virus befällt Weizen, und wer Weizen isst, stirbt daran“, konstruiert Schenk ein Beispiel. „Oder Ebola mutiert, und die Symptome treten dadurch später auf, so wie bei Corona – und plötzlich infizieren sich viel mehr Menschen.“

Ob wir die Probleme lösten, hänge stark davon ab, wie viele Freiräume wir der Natur ließen. „Es ist wichtig, dass wir Schutzgebiete einrichten.“ Die ZGF will dafür ihren Etat erhöhen und mehr investieren – und sie rät der Bundesregierung dringend, das auch zu tun. „Deutschland hat eine Riesenverantwortung, in der Welt für den Naturschutz aktiv zu werden.“ In der Serengeti etwa, einst durch den Frankfurter Zoodirektor Bernhard Grzimek bekanntgeworden, bricht gerade alles zusammen, weil keine Touristen mehr kommen – „von 100 Millionen Euro Einnahmen auf null“, sagt Schenck. Die Ranger hätten nicht mal mehr Geld für Benzin. Leichtes Spiel für die Wilderer. „Jeder Euro für die Schutzgebiete ist ein guter Euro. Wenn wir jetzt investieren, sparen wir später enorm.“ Weil nur das helfe, die Katastrophe aufzuhalten.

Jeder Euro hilft letztlich auch den Ostafrikanischen Bongos. Sie brauchen Wälder. Die zwei Kleinen im Frankfurter Zoo, Forrest und Pili, trauen sich jetzt auch ein bisschen aus dem Bambus. Sie haben riesige Ohren und tragen einen bequemen gestreiften Jogginganzug. Genau wie wir eigentlich in den vergangenen Wochen, von den Ohren mal abgesehen. „Sie sind die Botschafter“, sagt Zoochef Casares. „Die Botschaft lautet: Wir Menschen schützen diese Tiere, indem wir ihren Lebensraum schützen.“

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