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Vor Gericht wird letztlich die Entscheidung über das Sorgerecht fallen. In vorigen Instanzen wurde gegen die Mutter entschieden.

Justiz

Frankfurt: Mutter versteckt Sohn vor dem Jugendamt

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Polina Lopatko musste ihren vierjährigen Sohn ins Ausland bringen, weil das Jugendamt ihr seine Erziehung nicht zutraue.

Polina Lopatko kann seit einiger Zeit nicht begreifen, was in Frankfurt mit ihrem jüngsten Kind gemacht wird. Die 39 Jahre alte Mutter von drei Kindern muss am 21. August vor das Oberlandesgericht und läuft Gefahr, dass man ihr ihr Kind, das sie vier Jahre lang alleine großgezogen hat, wegnimmt – zu Unrecht, wie sie sagt. Zum einen sei das so, weil die erhobenen Vorwürfe nicht mit den sonst üblichen Arten der Kindeswohlgefährdung zu tun hätten. Zum anderen, weil die Realität eine ganz andere sei, als sie das Jugendamt in ihren Vorwürfen zeichne.

Zunächst muss man aber die Geschichte von Lopatko vor Augen haben. Mit 19 Jahren kam die Frau aus der Ukraine nach Bremen. Dort lebte sie 15 Jahre lang, bekam mit ihrem damaligen Partner zwei Kinder und arbeitete in verschiedenen Bildungs- und sozialen Einrichtungen mit Kindern.

Frankfurt: Mutter floh mit ihren drei Kindern ins Frauenhaus

Irgendwann endete die damalige Beziehung, und sie lernte einen neuen Freund kennen. Als sie schwanger wurde, habe ihm das gar nicht gepasst. Er habe versucht, die Schwangerschaft teilweise gewaltsam zu beenden, so formuliert es Lopatko. Der Vater und seine Familie hätten immer größeren Druck auf sie aufgebaut, und es sei zu körperlichen Übergriffen gekommen. Schlussendlich hielt es die 39-Jährige nicht mehr aus und floh vor circa drei Jahren mit ihren Kindern ins Frauenhaus nach Wiesbaden.

Doch dort konnten sie nicht lange bleiben, weil die Stadt Bremen nicht für die Miete aufkam. So landeten die Mutter und ihre heute 14, 13 und vier Jahre alten Kinder in Frankfurt. Vom Sozialamt wurde die Familie in einem Hotel in der Allerheiligenstraße untergebracht. Die Unterbringung war mehr schlecht als recht. Zu viert sei man erst auf ein, nach einer Intervention im Jugendamt auf zwei kleine Zimmer beschränkt gewesen, es habe Mäuse gegeben und gegenüber seien öfters nackte Frauen aus dem Rotlicht zu sehen gewesen. Am kleinen Tisch hätten sie essen, basteln, malen und spielen müssen.

Kindsvater meldet sich und will das Kind sehen

Die Mutter hat trotzdem versucht, das Leben für ihre Kinder so angenehm wie möglich zu machen. Spaziergänge sowie Zoo- und Museumsbesuche halfen dabei, nicht nur im Hotel zu hocken. „Ich hatte nicht das Gefühl, dass meine Kinder unglücklich sind“, sagt Lopatko. Trotzdem wollte sie die nicht kindgerechten Wohnumstände beenden. Mehr als zwei Jahre gelang dies nicht. Sie wandte sich an das Jugendamt, nahm Familienhilfe an – alles in der Hoffnung, eine Wohnung zu bekommen.

Auch der Kindsvater ihres jüngsten Sohnes meldete sich wieder und wollte das Kind gern sehen. Lopatko wollte eine verbindliche Umgangsregelung und stellte einen Antrag vor Gericht. Als es zu der Verhandlung über das Umgangsrecht kommen sollte, sei sie informiert worden, dass es noch eine zweite Verhandlung geben sollte. Diesmal um das Sorgerecht für ihren vierjährigen Sohn. Auf der Klägerseite stand das Jugendamt. Die Vorwürfe: Defizite im sprachlichen Bereich, ein auffälliges Verhalten des Vierjährigen und ein fehlendes Durchsetzungsvermögen der Mutter, um das Kind zu bändigen. Lopatko spricht von einem großen Bewegungsdrang ihres Sohnes. In langen Wartesituationen gehe er schon mal neugierig durch offenstehende Türen – auch in Ämtern. Auch im Freien wolle er sich bewegen, aber er wisse, dass die Straße beispielsweise gefährlich sei und er sie nicht betreten dürfe.

Die erhobenen Vorwürfe seien übertrieben. Gesetzlich ist festgeschrieben, dass Kinder vor Gewalt, Missbrauch und Vernachlässigung geschützt werden müssen – notfalls durch Inobhutnahme. Die dreifache Mutter versteht nicht, wieso die erhobenen Vorwürfe ebenfalls mit Kindeswohlgefährdung gleichzusetzen sind.

Junge wird nicht körperlich misshandelt

Bei ihrem jüngstem Sohn ergab ein Gutachten, dass der Vierjährige nicht körperlich misshandelt wird. Auch das Jugendamt schreibt 2018 in einer Stellungnahme, dass „die psychologische Untersuchung keinen Hinweis“ ergeben habe, dass eine Kindeswohlgefährdung vorliege. Ein weiteres Gutachten eines Psychologen aus Kassel vom Mai dieses Jahres empfiehlt hingegen die sofortige Inobhutnahme des Kindes. Gründe seien die unzureichende Wohnsituation, die psychische Instabilität der Kindsmutter und die Verhaltensauffälligkeiten des Kindes. Daraufhin sollte der Sohn der Mutter vorerst weggenommen werden, und es wurde ein gemeinsames Reiseverbot für Sohn und Mutter erlassen.

Doch Polina Lopatko kam diesem Vorhaben zuvor. Weil sie ein ungutes Gefühl bei den Behörden hatte, brachte sie ihren Sohn im Mai für den polizeilichen Zugriff unerreichbar zu ihren Eltern ins Ausland. Erst danach erhielt sie die Aufforderung, nicht mit dem Kind das Land zu verlassen. Seit fast drei Monaten ist das Kind nun dort, fragt nach der Mutter, und die 39-Jährige ist hin- und hergerissen.

„Haben wir noch eine Chance, als Familie in Ruhe in Deutschland zu leben? Meine Kinder machen hier ihr Abitur. Es ist Heimat für sie.“ Auf der anderen Seite bestehe die Gefahr, dass ihr kleiner Sohn ohne sie im Ausland aufwachse. Ob sie den Behörden je wieder vertrauen wird und das Kind zurück nach Deutschland holt, erscheint aktuell unwahrscheinlich.

Lopatkos ältere Kinder sind nicht von Inobhutverfahren betroffen. Beide sind gut integriert in der Stadt, besuchen erfolgreich Gymnasien, gehen in Sportvereine oder zur Musikschule. „Die beiden zeigen doch, dass ich eine gute Mutter bin.“ Lopatko kritisiert das Jugendamt massiv. Ihren Aussagen werde kein Glauben geschenkt, oder es gebe erst gar keine mündliche Anhörungen. Das Jugendamt kommentiert den Fall nicht.

Zumindest die Wohnsituation der Familie hat sich verbessert. Lopatko ist es aus eigener Kraft gelungen, eine Wohnung zu finden. Dort lebt sie nun mit ihren beiden großen Kindern. Nur der kleine Bruder fehlt.

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