Aktion gegen Vermüllung auf dem Opernplatz, mit dem Improvisationstheater „Improglycerin“.
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Aktion gegen Vermüllung auf dem Opernplatz, mit dem Improvisationstheater „Improglycerin“.

Frankfurt

Frankfurt: Müll sammelt sich in den Einkaufsstraßen

  • Stefan Behr
    vonStefan Behr
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Frankfurts Parks und Grünanlagen präsentieren sich ungewöhnlicherweise wie frisch geleckt. Der Unrat sammelt sich auf den Geschäftsmeilen.

Wussten sie, dass man von dem Geld, das die Stadt jährlich für die Müllbeseitigung ausgibt, sieben öffentliche Fitnessanlagen bauen kann?“, fragen die Schauspieler des Improvisationstheaters „Improglycerin“ am frühen Freitagabend auf dem Opernplatz ihr Publikum. Rosemarie Heilig, Dezernentin für Umwelt und Frauen, die mit ein paar anderen Zuschauern auf der Treppe der Alten Oper sitzt, weiß das vermutlich. Die anderen wohl eher nicht.

Nun kann man die Auffassung vertreten, es gebe Schlimmeres als Müll, der auf der Gass herumliegt, etwa öffentliche Fitnessanlagen. Aber selbst solche Griesgrame müssen zugestehen, dass der Müll in Frankfurt in Zeiten der Seuche unerfreuliche bis bedrohliche Formen angenommen hat. Vor allem nach sonnigen Tagen präsentierten sich Teile des Anlagenrings als eine Art halboffizielle Schuttabladestelle. Parkbesucher schienen sich einen Sport daraus zu machen, die Reste ihres Mittagsmahls nicht in die gähnend leeren Mülleimer, sondern rund um die Parkbank zu platzieren, auf der das große Fressen stattgefunden hat. Noch schlimmer sah es am Mainufer aus, das wegen der auf dem Asphalt zerdepperten Bierflaschen phasenweise zur No-Ride-Area mutierte.

Nun sollte es daher eigentlich ein Leichtes sein, über die Müllmengen zu berichten, die an diesem Samstag Frankfurts Parks und Freiflächen verunzieren. Aber es ist wie verhext: Ausgerechnet an diesem Samstag präsentiert sich die Stadt, als hätten über Nacht die Schweizer die Macht übernommen. Kein Müll, nirgends.

Selbst der Opernplatz, einer in den vergangenen Wochen äußerst beliebten Müllsammelstelle, den die Stabsstelle „Sauberes Frankfurt“ nicht ohne Grund als Bühne für ihre freitägliche Theaterperformance gewählt hatte, wirkt am Samstag wie frisch geleckt. In Ermangelung gefallenen Laubs blasen Laubbläser mit ihren Krachschleudern Glasscherben dahin, wo sie hingehören: zum Unrat. Am Mainufer waren die Glasbläser offenbar zuvor schon aktiv gewesen. Jedenfalls ist es erstmals seit langer Zeit wieder möglich, den Uferweg als Radfahrer nicht im Slalom zu befahren. Und selbst der Rasen im Garten der St.-Peter-und-Paul-Kirche, auf den fast schon aus alter Tradition ein jeder auf den Rasen schmeißt, was er gerade bei sich trägt, wirkt beinahe englisch. Lediglich der Pappmantel eines Sixpacks (ausgerechnet „Corona“!) liegt da herum, die Glasflaschen selbst aber sind unzerschlagen und in Reih und Glied ebenso akkurat wie pfandsammlerfreundlich vor dem Papierkorb aufgestellt.

In der Goethestraße liegt enorm viel Müll herum

Geschäftsleute dokumentieren Müll in der Schillerstraße.

Da wirkt es schon beinahe beruhigend, dass wenigstens in der Goethestraße enorm viel Müll herumliegt. Unklar ist, ob es sich dabei um Überreste des Proviants handelt, den die Schlangestehenden vor den Flagshipstores zu Boden fallen lassen, weil sie befürchten, der Gang zum Mülleimer könne sie den Platz in der Reihe kosten. Oder ob die Müllabfuhr sich einfach auf die Grünanlagen konzentriert. Oder es sich am Ende gar um eine konzertierte Vermüllungsaktion von Kritikern der deutschen Klassik handelt. Denn auch in der Schillerstraße lässt sich dieses Phänomen beobachten. „An einem sonnigen Einkaufssamstag“, beschwert sich ein lokaler Gewerbetreibender per E-Mail bei der FR noch am selben Tag, „lässt man die Kunden in der Schillerstraße durch eine Müllhalde laufen. Die Ladenbesitzer sind erschüttert, wie die Stadt sich zu diesen schwierigen Zeiten entwickelt. Wie sollen den hier Umsätze erzielt werden? Durch den Dreck will doch keiner gehen!“ Dazu liefert der Schreiber ein paar Beweisfotos, bei deren näherer Betrachtung der neutrale Betrachter zu dem Urteil „unschön“ kommen muss. Aber Schiller- und Goethestraße sind an diesem Tag die unrühmlichen Ausnahmen.

Wer’s sauber mag, soll halt in den Ostpark gehen. Selbst hier, wo sich die Disziplinen Grillen & Liegenlassen in der Vergangenheit beinahe schon zur Kunstform entwickelt haben, herrschen selbst am Abend noch surreale Zustände. Tatsächlich halten sich alle an das Grillverbot. Und die, die hier picknicken, räumen nach dem Verzehr ihren Dreck weg.

Es ist zum Verzweifeln. Die vermüllten Frankfurter Freiflächen zeigen sich ausgerechnet und wie zum Hohn an dem Tag, an dem man über ihre Vermüllung berichten will, als Oasen der Sauberkeit. Neigte man zu Verschwörungstheorien, könnte man glauben, dass Bill Gates höchstpersönlich seit Freitagnacht müllklaubend durch die Frankfurter Parks geistert und das Geld, das ihm die Stadt dafür zahlt, in den Bau von jährlich sieben öffentlichen Fitnessanlagen investiert. Andererseits: Was hätte Gates davon? Der Gedanke ist vermutlich Müll. Immerhin etwas.

Das Dezernent für Umwelt und Ordnung ist wegen der Vermüllung in Frankfurt verzweifelt. Sie flehen die Bürger um mehr Rücksicht an.

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