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Möllner Rede im Exil: Ìdil Baydar spricht im Sonnemann-Saal des Historischen Museums - der so voll war, dass Gäste abgewiesen werden mussten.

Kampf gegen Rassismus

Frankfurt: Möllner Rede im Exil unter Polizeischutz

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Die Opfer rechter Gewalt solidarisieren sich in Frankfurt und fordern eine andere Gedenkkultur. Die Gastrednerin hatte eine Morddrohung erhalten.

Die Möllner Rede im Exil, die am Sonntag unter Polizeischutz im Historischen Museum Frankfurt stattfand, stand im Zeichen von Antifaschismus, der Neuausrichtung von Gedenkkultur und dem Empowerment der Opfer rassistischer Gewalt.

„Ich stehe hier, weil meine Oma Bahide Arslan ihr Leben für meines opferte, weil meine Schwester Yeliz Arslan nicht mehr hier sein kann, weil meine Cousine Ayse Yilmaz nicht mehr sprechen kann“, sagte Ibrahim Arslan vor rund 200 Menschen im vollen Sonnemann-Saal. Ibrahim Arslan überlebte als Kind den rassistischen Brandbombenanschlag auf das Haus der Familie am 23. November 1992 in Mölln.

Möllner Rede im Exil: Familie durfte Redner nicht mehr aussuchen

Seit zwölf Jahren engagiert er sich, damit die Geschichten der Opfer nicht vergessen werden, um rechter Gewalt eine andere Erzählung entgegenzusetzen. Bei der Möllner Rede im Exil rief er dazu auf, dass Opfer offen über rechte Gewalt sprechen, in Opferverbänden, bei Veranstaltungen, auf Demonstrationen, in Schulen. „Wir brauchen Solidarität und das Sprechen über Rassismus und Rechtsterrorismus“, sagte er. Dabei sollten die Opfer im Mittelpunkt stehen, nicht die Täter und auch nicht Politiker. „Wir können unsere Namen selbst vorlesen, niemand soll Profit aus unserem Leid ziehen“, sagte er unter schallendem Applaus. Zuvor waren Grußworte von Opfern rechter Gewalt verlesen worden, simultan übersetzt auf Türkisch und Englisch.

Die Möllner Rede war vier Jahre lang Teil der Erinnerungskultur der Stadt Mölln. Weil die Familie Arslan die Rednerinnen und Redner nicht mehr selbst aussuchen durfte, findet die Rede seitdem im Exil statt – diesmal in Frankfurt, unter Polizeischutz.

Polizei und Staatsschutz hatten die Sicherheitsvorkehrungen verschärft, nachdem die Gastrednerin Idil Baydar eine Morddrohung erhalten hatte. Es sei die achte in diesem Jahr gewesen, sagte die Kabarettistin, die in ihrem Bühnenprogramm als Figur „Jilet Ayse“ über Rassismus, Diskriminierung, Migration spricht. Die Drohung sei per SMS auf ihrem Handy eingegangen. Mit dem Wortlaut: „Wenn du am 17.11.2019 die Möllner Rede im Exil hältst, knalle ich dich ab.“ Unterzeichnet mit „SS Obersturmbannführer“.

Möllner Rede im Exil: Erinnerungen an Attentat vor der Synagoge in Halle

„Ich habe Angst, ich habe Wut, aber am allermeisten habe ich Kraft“, sagte Idil Baydar, die dafür mit Applaus gefeiert wurde. Sie gedenke nicht der „feigen Morde“ von Mölln, sondern des Heldentums von Bahide Arslan, die ihren Enkel in nasse Tücher wickelte und vor dem Feuer rettete. Auch nach dem Anschlag von Mölln seien Rassismus und rechte Gewalt Bestandteile unserer Gesellschaft, sagte sie. Vor Synagogen, Moscheen, Flüchtlingsheimen, auf der Arbeit, an Wohnsitzen würden Anschläge verübt. Jüngste Beispiele seien das Attentat vor der Synagoge in Halle und der Mord an dem Politiker Walter Lübcke in Kassel.

Ibrahim Arslan betonte seine kritische Haltung zu staatlichen Institutionen. „Wir wissen, dass es als Betroffener rechter Gewalt kein Vertrauen in staatliche Instanzen geben kann.“ Das Verfahren gegen den NSU-Komplex habe die Strukturen dahinter nicht gänzlich offengelegt. Für Aufklärung sorgten unterdessen Opferverbände, die an die Geschehnisse erinnerten und die Opfer als Hauptzeugen in den Mittelpunkt rückten. „Wir sind die Opfer und die Betroffenen und keine Statisten.“ Sein größter Wunsch sei es, der Gesellschaft „unsere Geschichten zu erzählen“ und sie damit von der „Kette des Schweigens“ zu befreien. Der Kampf gegen Rassismus und Faschismus sei ein Kampf zur Verteidigung der demokratischen Gesellschaft.

„Wir wünschen uns eine andere, antirassistische und antifaschistische Zukunft, in der weder die AfD oder andere Menschenhasser einen Platz haben“, sagte er. Für den Brandanschlag in Mölln und die weiteren Fälle rechter Gewalt gelte, „niemals vergessen, niemals verzeihen“.

Idil Baydar zählte auf: „Wir vergessen Alberto Adriano nicht. Wir vergessen Oury Jalloh nicht. Wir vergessen Burak Bektas nicht. Wir vergessen die Ermordung der Mitglieder der Familie Genc nicht und die vielen anderen, deren Namen ich noch nicht genannt habe.“

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