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Viele Rundungen, viele Löcher, viel Lehm: Nach Presse und Rundfunk kommt das Publikum.

Kultur

Frankfurt: Logen im Mousonturm gegen das Coronavirus - „praktisch null Infektionsrisiko“

  • Meike Kolodziejczyk
    vonMeike Kolodziejczyk
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Das Künstlerhaus Mousonturm in Frankfurt gestaltet seine Räumlichkeiten pandemiegerecht um. Es gibt einen Bau im Bau.

Frankfurt - Es hat etwas Organisches und Surreales, wirkt archaisch und gleichzeitig futuristisch, es erinnert an Waben, Kokons und ein wenig an Schweizer Käse. In den Löchern sitzen und stehen Menschen, höchstens zwei pro Loch, respektive Loge. Sie lehnen sich hinaus, streichen über die raue Textur des sie umgebenden Gebildes und blicken raus auf das Oval, das eingefasst ist von der geschwungenen Rundmauer und nun die Bühne des Frankfurter Mousonturms bildet, wie eine Arena. So kommt sich auch Matthias Pees, Intendant des Künstlerhauses, ein bisschen vor „wie ein Zirkusdirektor“. Und was er der Öffentlichkeit am Donnerstagmittag präsentiert, ist durchaus eine Attraktion.

Mousonturm in Frankfurt reagiert auf Corona-Krise

Der Theaterraum des Mousonturms ist komplett neu gestaltet, ja regelrecht transformiert worden. Der Bau im Bau ist die Reaktion auf die Corona-Krise, die im Frühjahr das Kunst- und Theatergeschehen nahezu vollständig zum Erliegen gebracht hat – und weiterhin massiv beeinträchtigt. Als es im März zum Lockdown kam, sei man zunächst in „Schockstarre“ gefallen, sagt Pees, und habe dann aber im April, „als wir realisiert haben, dass diese Pandemie nicht nur ein paar Wochen dauern würde“, begonnen darüber nachzudenken, wie sich die Wiedereröffnung des Mousonturms gestalten könnte. Statt an den sich ständig wandelnden Hygieneauflagen für öffentliche Veranstaltungen zu verzweifeln, sollte ein Raum für ein neuartiges, zeitgemäßes Theatererlebnis ersonnen werden.

Die größte Schwierigkeit sei dabei gewesen, das Vertrauen des Publikums wiederzugewinnen, und zwar nicht nur in das Theater als gesundheitlich unbedenklichen Ort. Es sollte auch Vertrauen aufgebaut werden, dass hier nicht nur der kümmerliche Überrest des Mousonturms aus Vor-Corona-Zeiten wieder aufmache. Es ging darum, in der Krise einen „völlig neuen Erlebnisraum“ zu schaffen – für das Publikum wie für die Künstlerinnen und Künstler.

Corona in Frankfurt: Lösungen für Theater in Zeiten der Krise

Die Idee war ein Logentheater, ein „leicht amorpher und atmender“ Rundbau. Die Pläne wurden entwickelt von Benjamin Foerster-Baldenius und Florian Stirnemann vom Berliner Architekturkollektiv „Raumlaborberlin“ und der Bühnenbildnerin Barbara Ehnes. „Wir haben uns schon von Referenzbauten inspirieren lassen“, sagt Ehnes. „Es gibt natürlich das klassische Shakespeare-Theater“, führt Stirnemann aus, „aber es ging uns auch darum, ein modernes Theater für die heutige Zeit zu entwerfen, das nicht nur Kulisse, sondern vor allem ein Statement ist“.

Ein bisschen wie Waben, Kokons, Blubberblasen oder Schweizer Käse: Das Architektur-Kollektiv „Raumlaborberlin“ hat die Transformation des Theaterraumes gewagt.

Und da steht es nun, das Statement, fünf Meter hoch, 17,5 Meter tief, 9,5 Meter breit. Für 38 Zuschauerinnen und Zuschauer bietet der Bau Platz, 19 separate Logen mit jeweils zwei Sitzen und kleinen Tischchen reihen sich rundherum, im zweiten Stock gibt es vier weitere Kabinen für die Technik. Die Holzkonstruktion des Baus wiegt etwa sechs Tonnen, darauf wurden Schilfrohrmatten befestigt. Acht Tonnen Lehm wurden aufgetragen. „Lehm ist gewissermaßen das Diametrale zu Plexiglas“, sagt Benjamin Foerster-Baldenius. Der gesamte Bau ist „komplett recyclebar“.

Logen im Mousonturm sollen etwa sechs Monate bleiben - je nach Dauer der Corona-Pandemie

Denn er wird nicht auf ewig im Theaterraum des Mousonturms bleiben, sondern vorerst nur für sechs Monate, je nach Dauer der Pandemie auch länger. Danach wird er vollständig entfernt, die Materialien sind schon verplant und werden eingesetzt für den Bau eines Hauses. Dass dieses architektonische Kunstwerk, das in nur zwei Monaten, im Juli und August, im Saal des Mousonturms hochgezogen wurde, irgendwann einfach abgerissen wird, lässt die beiden Architekten relativ kalt. „Wir sind Schmerzen gewohnt“, witzelt Foerster-Baldenius, das „Raumlaborberlin“ realisiere viele temporäre Bauten. „Wichtig ist, dass und wie man sich daran erinnert.“

Nun geht es erst mal los mit dem Programm, wobei das „Gesamterlebnis“ nicht erst mit der Aufführung beginnt, sondern schon vorher. „Die Zuschauerinnen und Zuschauer kommen etwa eine Dreiviertelstunde früher“, erläutert Intendant Pees, „und bekommen dann ein partizipatives Programm“. Die Servicekräfte, die normalerweise im Mousonturm hinter der Theke stehen, rollen mit Servierwägelchen an die Logen und bieten Speisen und Getränke an. Es ist entfernt wie im Flugzeug, nur viel bequemer und irgendwie abgehobener. „Gelassenes Ankommen“, nennt Pees das.

Corona in Frankfurt: Jede Loge hat einen Zugang

Da jede Loge einen Zugang hat, „gibt es praktisch null Infektionsrisiko“, solange die einzelnen Gästepaare unter sich bleiben. Wer mit anderen Kabinen Kontakt aufnehmen will, kann ein Dosentelefon ordern und den Draht zu den Nachbarn herstellen.

Das Projekt, das schlicht und doch erhaben „der Bau“ genannt wird, hat alles in allem 215 000 Euro gekostet und wurde zu hundert Prozent über Fördergeld finanziert. Zu den Unterstützern zählen die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien mit dem „Bündnis internationaler Produktionshäuser“ sowie das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst im Fonds „Innovativ neu eröffnen“.

„Im urbanen Raum ist alles im Wandel“, resümiert Barbara Ehnes. „Meint ihr, der Bau bröselt, oder ist er vielleicht doch für die Ewigkeit gebaut?“ Das hänge ganz von der Kunst ab, die darin entstehe, antworten die beiden Architekten. Die spannende Frage bleibe nämlich: „Wie arbeiten die Künstlerinnen und Künstler in diesem Raum?“ Das wird sich von der kommenden Woche an zeigen.

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