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Im August 2018 kam ein Fahrradfahrer bei einem Unfall in Frankfurt ums Leben. Dafür muss sich nun eine Lastwagenfahrer verantworten.
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Das Landgericht Frankfurt.

Attacke vorm Supermarkt

33 Messerstiche vor Supermarkt in Bornheim: Landgericht Frankfurt fällt Urteil

  • Stefan Behr
    vonStefan Behr
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Im Oktober vergangenen Jahres hatte ein 43-Jähriger seine Ex-Freundin mit 33 Messerstichen getötet. Das Landgericht wertet den Angriff vor einem Bornheimer Supermarkt nicht als Mord.

  • Ein Mann tötet seine Ex-Freundin mit 33 Messerstichen.
  • Das Landgericht Frankfurt wertet die Attacke als Totschlag.
  • Der Täter nimmt das Urteil emotionslos entgegen.

Das Landgericht hat den 43 Jahre alten Sam M. wegen Totschlags an seiner 24 Jahre alten Ex-Freundin Günay Ü. zu einer Freiheitsstrafe von zwölf Jahren verurteilt. Er hatte am späten Abend des 10. Oktober 2019 die Krankenschwester vor einem Supermarkt in Bornheim mit 33 Stichen regelrecht abgeschlachtet – mit einem Küchenmesser, welches das Opfer selbst dem Täter unmittelbar zuvor in dem Markt gekauft hatte. „Sie sind ganz knapp an den Mordmerkmalen vorbeigesegelt“, so der Vorsitzende Richter Jörn Immerschmitt in seiner Urteilsbegründung. Um zu verstehen, warum das so ist und warum die Frau ihrem gewalttätigen Ex-Freund auch noch die Tatwaffe kaufte, muss man die Vorgeschichte des Verurteilten kennen.

Urteil wegen Totschlags in Frankfurt: Die Vorgeschichte des Verurteilten

Als er ein kleines Kind ist, flüchtet Ü.s Familie, die im kurdischen Widerstand aktiv ist, aus der Türkei nach Schweden. Im Gegensatz zu seinen sieben Geschwistern, die beruflich oder akademisch reüssieren, kriegt Sam M. nicht die Kurve. Schulisch läuft es miserabel, bessere Leistungen zeigt der junge Mann im Fitnessstudio, auch dank Unterstützung durch Dopingmittel. Bald kommen Drogen dazu. 1996 erschießt Sam M. im Streit einen seiner Brüder und wird zu einer Haftstrafe verurteilt. Lange sitzt er nicht ein. Bereits 1999 ist er wieder frei. Spätestens als er im Drogenrausch seine Mutter anschießt, hängt der Familiensegen schief. Mehrere Lehren bricht der junge Mann ab, ebenso diverse Drogentherapien. 2011 beschließt er, sein Leben zu ändern, und zwar in Deutschland.

Tatsächlich gelingt es ihm hier, seinen Drogenkonsum deutlich zu steigern und in Kassel eine Freundin zu finden. Die hat von dem Nichtsnutz zwar bald die Nase voll, er aber zögert das Beziehungsende immer wieder hinaus, indem er androht, sich umzubringen. Anfang 2018 macht die Frau aus Kassel dem Schrecken dann doch ein Ende und wirft M. hinaus. Der beschließt, Deutschland zu verlassen. Am Frankfurter Flughafen erleidet er einen drogeninduzierten Zusammenbruch und wird ins Markus-Krankenhaus eingeliefert.

Urteil wegen Totschlags in Frankfurt: Ständige Drohung mit Suizid

Hier lernt er Günay Ü. kennen, die als Krankenschwester in der Akutpsychiatrie arbeitet. Was immer die junge Frau an M. gefunden haben mag, sie findet es bald nicht mehr, denn die Beziehung artet schon bald in regelmäßige Prügel aus. Trennungsversuche kontert M. mit der aus Kassel bewährten Suizidandrohungsmasche. Ü. nimmt die Drohungen anfangs ernst.

Aber irgendwann nutzt sich jede Masche ab. Im Herbst 2019 ist endgültig Schluss, sie schmeißt ihn raus, er beginnt sie zu stalken. Auch am Tatabend lauert er ihr auf dem Weg von der Arbeit auf, beginnt zu betteln und droht einmal mehr, sich umzubringen. Ü. hat das zu oft gehört und schlägt sarkastisch vor, dann müsse sie ihm wohl ein Messer besorgen.

Urteil wegen Totschlags in Frankfurt: „Eine tragisch-fatale Fehleinschätzung“

Richter Immerschmitt nennt es „eine tragisch-fatale Fehleinschätzung“ von beiden Seiten. Ü. glaubt, ihr Ex reiße nur wie üblich sein Maul auf. M. glaubt, die Frau werde ihm angesichts seines drohenden Freitodes verzeihen und ihn wieder aufnehmen. Als sie ihn stattdessen verspottet, rastet er aus.

Zwar sei die Frau laut Urteilsbegründung in diesem Moment arg- und wehrlos gewesen – eigentlich ein Mordmerkmal. Aber M. habe diese Arglosigkeit nicht ausgenutzt. Hätte er das getan, hätte er sie wahrscheinlich von hinten angegriffen – und auch nicht direkt vor dem Supermarkt, in Anwesenheit vieler Zeugen. Er habe spontan „aus Frust und Wut“ gehandelt – nach Ansicht der Kammer keine niederen Beweggründe, die ebenfalls eine Verurteilung wegen Mordes gerechtfertigt hätten.

Zwar leide M. unter einer dissozialen Persönlichkeitsstörung, er sei aber dennoch voll schuldfähig. Nach der Tat hatte der Täter übrigens versucht, sich selbst das Leben zu nehmen. Das aber eher halbherzig: Der Schnitt am Hals war bloß oberflächlich, die Schnitte an den Pulsadern ebenfalls nicht ausreichend. Das Urteil nimmt er emotionslos entgegen. (Stefan Behr)

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