Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Waren auch keine schlechten Märchenerzähler: Die Gebrüder Grimm.
+
Waren auch keine schlechten Märchenerzähler: Die Gebrüder Grimm.

Justiz

Frankfurt: Märchenstunde eines Messerstechers

  • Stefan Behr
    VonStefan Behr
    schließen

Ein angeklagter Gambier erzählt Märchen über seine vermeintliche Fluchtgeschichte und hofft auf Milde.

Frankfurt - Das Handy ist in zweierlei Hinsicht besser als der Mensch. Es lügt nicht. Und wenn es nervt, kann es stummgeschaltet werden. Abdulwahab H. kann auch auf stumm schalten, aber nur, was die Anklage betrifft, die auf versuchten Totschlag lautet. Am Nachmittag des 18. Oktober 2020 soll der 23 Jahre alte Mann aus Gambia bei einem Streit zwischen zwei Gruppen in der Niddastraße einem 24-Jährigen aus Guinea ein Messer mit solcher Wucht in den Bauch gerammt haben, dass dessen innere Organe nach außen drängten. Das sind Momente, in denen normalerweise Freund Hein vorbeischaut, in diesem Fall aber ein pensionierter Arzt, der zufällig in der Nähe war und dem Verletzten mit beherztem Eingriff das Leben rettete.

Die Auswertung von H.s Handy-Chats legt nahe, dass es sich bei ihm um einen professionellen Dealer handelt – was sein Vorstrafenregister untermauert – und der Messerstich aus einem Dauerkonflikt mit einer „Fula-Boys“ genannten Clique resultiert, die mit H.s Clique ethnische und geschäftliche Differenzen hat. H. will das weder bestätigen noch dementieren. Dafür erzählt er dem Gericht die Geschichte seines Lebens. Sie handelt von Tod und Verlust, aber auch von Hoffnung und Erlösung und zieht alle in ihren Bann.

Angeklagter Messestecher: Ein wilde Reise von Land zu Land

Er sei sechs Jahre alt und Einzelkind gewesen, als seine Eltern eines mysteriösen Todes gestorben seien. Er habe sich als Bettler und Gemüsehändler durchgeschlagen. Oftmals hätten ihn bewaffnete Araber zu Arbeit und/oder Drogenkonsum gezwungen – eines der beiden Laster ist er bis heute nicht losgeworden. Manchmal hätten ihm aber auch Wildfremde viel Geld in die Hand gedrückt und geraten, in ein anderes Land zu fliehen; etwas Besseres als den Tod finde er überall. So sei er von Land zu Land gewandert und gesegelt. Zweimal hätten ihn die Fluten des Mittelmeers verschlungen, einmal zu seinem Unmut an libysche, dann zu seiner Freude an italienische Gestade gespült. Dort habe ihn ein Ruf seiner Freunde ereilt, die mittlerweile ihr Glück in Frankfurt gefunden hätten. Dort angekommen, habe er auch zahllose Cousins und Cousinen von Nebenfrauen seines Vaters selig gefunden. Und seinen lieben Großvater im nahen Maintal.

Nun spricht wieder H.s Handy. Einer seiner „Onkel“, den er unter dem Namen „Dad“ gespeichert hat, schickte ihm eine Nachricht. Inhalt: H. solle sich schämen. Haus und Hof habe er verkaufen müssen, um ihm teure Privatschulen in Kanada und den USA zu finanzieren. Doch statt ein rechtschaffenes Leben zu führen wie sein Bruder, schlage er eine Schneise der Verwüstung durch Europa. Dennoch liebe er ihn, denn, zitiert der Onkel Darth Vader: „Ich bin dein Vater!“

Angeklagter Messestecher: Von den Eltern rausgeworfen

Selbst Staatsanwalt Daniel Wegerich, sonst eher der prosaische Typ, kämpft mit den Tränen und erzählt nun seinerseits eine Geschichte. Sie handelt von einem Angeklagten, der das Gericht bereits beim Lebenslauf belügt und es schließlich bitterlich bereut, weil so was nicht zur Strafmilderung beiträgt.

Die Geschichte ist zwar nicht so gut wie die von H., zeigt aber Wirkung. Der Angeklagte räumt ein, ein Märchen erzählt zu haben, das er erfunden habe, um seine Chancen auf Asyl zu optimieren. Seine Eltern seien quicklebendig und hätten bloß getan, was wohl alle vernünftigen Eltern getan hätten: „Die haben mich rausgeschmissen.“

Aber das ist eine andere Geschichte und soll vielleicht an einem der weiteren vier Verhandlungstage erzählt werden. (Stefan Behr)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare