Justiz

Frankfurt: Messerangriff wegen umgestellter Schuhe

  • Stefan Behr
    vonStefan Behr
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Navid R. steht wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung vor dem Landgericht in Frankfurt. Gleich zwei Messerattacken sollen auf sein Konto gehen.

wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung muss sich Navid R. seit Freitag vor dem Landgericht verantworten.

Am frühen Nachmittag des 10. August 2018 geriet der heute 27-Jährige mit einem Zimmernachbarn in der Asylbewerberunterkunft in Schwalbach aneinander. Dieser hatte den Flur geputzt und dabei – offenbar verbotswidrig – R.s vor der Tür stehende Schuhe umgestellt. Laut Anklage packte R. den Nachbarn beim Schlafittchen, zerrte ihn in die Küche und verletzte ihn dort mit einem Küchenmesser, Klingenlänge: 20 Zentimeter. Sein Kontrahent erlitt Schnittwunden an Unterarm und Bauch und eine Durchtrennung des „ellenseitigen Handstreckmuskels“. Ein Mitbewohner schritt schließlich ein und nahm R. das Messer ab. Soweit der mutmaßliche Hergang des versuchten Totschlags.

Der Vorwurf der gefährlichen Körperverletzung bezieht sich auf ein anderes Ereignis: In der Nacht auf den 2. Juni 2019 griff R. beim bier- und wodkaseligen Grillabend an der Wörthspitze in Nied seine Mitgrillenden an – aus Gründen, die die Anklage zwar nennt, aber nicht wirklich nachvollziehbar erklären kann. Für einen von diesen endete der Abend mit Stichen in den Rücken, die Arme und den Oberkörper.

Bis vor kurzem hatte R. noch sämtliche Tatvorwürfe geleugnet, aber nachdem ihm sein Verteidiger im Gefängnis nochmal die Beweislage erläutert hat, besinnt er sich und gibt zu, dass sich der versuchte Totschlag so zugetragen haben könnte, ihm fehle aber jegliche Erinnerung daran. Am Grillabend hätte er sich lediglich gegen zwei Bekannte gewehrt, die ihn zuvor verprügelt hätten.

Dolmetscher soll Blödsinn übersetzt haben

Glaubt man R., dann haben sich Gott und die Welt gegen ihn verschworen. Beim Haftprüfungstermin vor dem Amtsgericht habe der Dolmetscher bewusst Blödsinn übersetzt, um ihn in den Knast zu bringen, sagt er. Der Dolmetscher bestreitet das. Der psychiatrische Forensiker, der R. im Gefängnis untersuchen sollte, sagt vor Gericht, R. habe die Begutachtung verweigert. R. bestreitet das. Die Schule in der afghanischen Hauptstadt Kabul hat R., wie er erzählt, mit Abitur und Atheismus abgeschlossen. Vor allem letzteres habe ihn selbst im engsten Verwandtenkreis – bei seinen sieben Geschwistern – extrem unbeliebt gemacht.

Seit er 2015 vor Frömmelei und Bürgerkrieg nach Deutschland geflohen sei, warte er vergebens auf die Anerkennung seines Asylantrages. Er wandere beinahe jeden Abend in den Wald, um sich dort der Schwermut hinzugeben und sich „hinzusetzen und zu weinen“. Der Versuch, sich umzubringen, indem er seinen Kopf gegen Bäume schlage, habe außer Kopfweh nichts gebracht. Den Gedanken, ins Wasser zu gehen, habe er nach reiflicher Überlegung verworfen. Der Strafkammer präsentiert er Narben an seinen Unterarmen, die er sich selbst beigebracht haben will. Wegen seiner Schwermut sei er schon länger in Behandlung, habe starke Psychopharmaka verschrieben bekommen. An die Namen der Medikamente erinnert er sich nicht, aber „Baldrian“ sei auf jeden Fall dabei.

Mehr Angaben zu seinen Depressionen will R. nicht machen. Seine Begründung: Die „ärztliche Schweigepflicht“ verbiete ihm das. Aber er kündigt an, dass er sich sämtlichen Fragen stellen wolle, die der Sachverständige habe. Zumindest übersetzt das der Dolmetscher so. Zeit genug wäre vorhanden: Der Prozess ist bis Ende des Monats terminiert.

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