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Frankfurt: Menschen aus dem Sozial- und Erziehungsdienst demonstrieren

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Von: George Grodensky

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Die Demo endet an den Unikliniken mit einem Schulterschluss mit Pflegekräften.
Die Demo endet an den Unikliniken mit einem Schulterschluss mit Pflegekräften. © Peter Jülich

Mehr als 2000 Erzieherinnen und Erzieher aus Kitas, Beschäftigte aus der Sozialarbeit und den Betreuungseinrichtungen für behinderte Menschen laufen am Donnerstag laut durch die Frankfurter Innenstadt. Sie kämpfen für bessere Arbeitsbedingungen und mehr Geld

Der Protest ist schon von Weitem zu erkennen, da hat sich der Demozug am Donnerstag Vormittag noch gar nicht formiert. Der Hof des Frankfurter Gewerkschaftshauses an der Wilhelm-Leuschner-Straße ist voller Menschen, auch links und rechts des Gebäudes stehen sie. Und ein paar müssen vorne aufpassen, dass sie nicht aus Versehen auf die Straße schwappen. Gut, dass die Demonstrierenden sich damit auskennen, Gruppen anzuleiten. Es sind Erzieherinnen und Erzieher aus Kitas, Beschäftigte aus der Sozialarbeit und den Betreuungseinrichtungen für behinderte Menschen. Heute sind sie allerdings nicht so freundlich, wie man sie aus ihren Einrichtungen eigentlich kennt. Sie sind sauer.

Die Gewerkschaft Verdi hat zum Streik aufgerufen. Es ist nicht der erste Einsatz in diesem Tarifkonflikt. Aber heute sind besonders viele gefolgt. Aus dem Main-Taunus- und Hochtaunuskreis, aus Frankfurt, Offenbach, Kreis Offenbach. Aus Hanau und Osthessen. Besonders viel Lärm macht der Besuch aus dem Main-Kinzig-Kreis. Ein Indiz dafür, wie groß der Unmut ist.

„Es ist schön, dass wir so ein klares Signal an die Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber aussenden“, sagt Gewerkschaftsfrau Kristin Ideler. Seit Jahren seien die Beschäftigte in der Kinder- und Jugendarbeit besonders belastet. Eine entsprechende Honorierung gebe es nicht, nicht einmal Antworten auf die Forderungen der Beschäftigten.

„Es ist nicht zu erkennen, dass sich auf der Arbeitgeberseite etwas bewegt.“ Deshalb will Verdi vor der nächsten Verhandlungsrunde den Druck verstärken. Verhandelt wird nächste Woche in Potsdam. Ideler warnt: „Wenn die Arbeitgeber nächste Woche nichts Substanzielles vorlegen, weiten wir die Streiks aus.“ Dann wären auch mehrtägige Ausstände vorstellbar.

Entsprechend ist die Musik aus dem Lautsprecherwagen kämpferisch. „Hol den Vorschlaghammer“, singt die Gruppe „Wir sind Helden“, als der Zug sich in Bewegung setzt. Mehr als 2000 nehmen teil, schätzt Verdi. Sie laufen zum Paulsplatz, dann über den Römerberg bis zur Uniklinik in Niederrad – zu einem solidarischen Schulterschluss zum „Tag der Pflege“ mit den Klinikbeschäftigten, die sich mit ähnlichen Sorgen plagen. Fachkräftemangel, schlechte Arbeitsbedingungen, wenig Gehalt.

„Die Westen sind alle“, meldet ein Demobetreuer dem Gewerkschaftssekretär Ferhat Taysi. Der kann immerhin noch ein Päckchen Trillerpfeifen verteilen. Hätte er es bloß gelassen.

„Wie ist die Stimmung?“, ruft Taysi der Menge zu. Es schallt zurück: laut. Was die Menschen genau sagen, geht unter im Getriller. Zumal noch eine Sambagruppe der Oberurseler Werkstätten vorbei zieht. Irgendjemand hat eine Vuvuzela dabei. Verschmitzt bricht Taysi das letzte Päckchen Ohropax an.

Bei Ankunft auf dem Paulsplatz schallt der Demo „A Hard Days Night“ entgegen, in dem Lied singt Beatle John Lennon vom Schuften wie ein Hund. Das kennen die Demonstrierenden nur zu gut. Ihnen geht es nicht einfach darum, mehr Geld zu bekommen. Das auch, als Wertschätzung ihrer Leistungen. Aber vorrangig fordern sie Entlastung, mehr Personal für die Einrichtungen und mehr Zeit für Qualität in der pädagogischen Arbeit.

„Vor- und Nachbereitungszeiten, wie sie für Lehrerinnen und Lehrer schon lange selbstverständlich sind“, sagt Ulrike Bräutigam, Personalrätin der Stadt Hanau. Eine Kita sei eine Bildungseinrichtung, keine Betreuung. Doch Entwicklungsdokumentation, Elterngespräche, Elternarbeit, Planung und Reflexion von pädagogischer Arbeit sollen „so nebenher“ im Alltag laufen. „Eine Katastrophe im System und eine unglaubliche Belastung für die Kita-Fachkräfte.“

Auf dem Papier würden Zeiten für die pädagogische Arbeit existieren, führt Bräutigam aus. „In der Praxis fallen sie unter den Tisch, weil zu wenig Personal da ist.“ Ebenso gehe es den gesetzlich vorgeschriebenen Pausenzeiten. Und: „Eine fragwürdige Interpretation der Aufsichtspflicht ist gelebter Alltag.“ Da müsse sich niemand wundern, dass es Nachwuchsprobleme gebe.

„Wie soll man sich für diesen tollen Beruf entscheiden, wenn man befürchten muss, mit 40 ausgebrannt, krank und demotiviert zu sein?“ Die Rahmenbedingungen hätten sich seit den 70er Jahren verschlechtert, während die Ansprüche aus Politik und Elternschaft an die pädagogischen Fachkräfte gestiegen seien.

Der Fachkräftemangel sei krass, sagt auch Ingrid Hutzenthaler, Fachberaterin im Bundesprogramm Sprachberatung. Die Geduld der Erzieherinnen und Erzieher schwinde. In der Coronazeit seien sie besonderen Gefahren ausgesetzt gewesen. Als es noch keinen Impfstoff gab, hätten sich viele Corona eingefangen, teilweise mit langwierigen Erkrankungen als Folge.

„Jetzt will die Landesregierung die Gruppen vergrößern. Man kann aber nicht permanent über dem Limit arbeiten.“ Gerade für die sprachliche Bildung der Kinder brauche es Zeit. Gespräche mit den Kindern, in denen sie lernen, wie sie ihre Bedürfnisse ausdrücken können. Eine Strategie der Sprachförderung bestehe darin, erst einmal zu beobachten und zuzuhören. „Auch dafür brauche ich Zeit.“

Zeit, die es im Alltag kaum noch gibt. „Die Kolleginnen und Kollegen sind erschöpft“, sagt Kristin Ideler. Nach zwei Jahren Corona mit unglaublichem Mehraufwand im Tagesgeschäft gebe es kein Durchschnaufen, keine langsame Rückkehr zur Normalität. Statt dessen komme jetzt noch als Zusatzaufgabe dazu, Kinder und Jugendliche aus der Ukraine zu integrieren. Dabei sei es natürlich schön, dass ukrainische Fachkräfte schnell Arbeit fänden, unbürokratisch. „Aber auch die müssen erst einmal eingearbeitet werden.“

Arbeitsbedingungen und Gehalt müssten besser werden, das sei der einzige Weg dem Fachkräftemangel zu begegnen, folgert Ideler. „Kinder und Jugendliche sind die Zukunft.“ Und das ganz konkret. Wie man sie behandele, so werde sich die Gesellschaft künftig entwickeln. Daran möchte Verdi auf dem Paulsplatz auch dauerhaft erinnern, ohne etwas zu beschädigen natürlich. Mit Straßenkreide sollen die Demonstrierenden Forderungen hinterlassen, die im besten Fall die Stadtpolitik jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit liest. Gut, es ist nur Kreide, bei der derzeitigen Trockenheit werden die Parolen aber schon ein Weilchen da sein. „Mehr Personal, weniger Verwaltung“, steht da. „Wertschätzung, Anerkennung“. „Mehr Geld und Fachkräfte“. „Modernes Equipment“.

Ein traditionelles Medium bewirbt derweil Marianne Hübinger von Kita Frankfurt. Ein Buch soll in nächster Zeit von Kita zu Kita reisen. Der Titel: „Die unendliche Geschichte des Personalmangels.“ Mehrere Bücher, für mehrere Regionen. In allen Einrichtungen sollen die Mitarbeitenden hinein schreiben, was sie trotz der ungünstigen Bedingungen alles im Alltag erreichen. Und was sie erreichen könnten, wenn genügend Personal da wäre. „Das wird ein Bücherberg“, flachst Hübinger. Der am 20. September bei der Landesregierung ankommen soll.

Verena Herfen, 39, Erzieherin:
Verena Herfen, 39, Erzieherin: © Tauber
Peter Röger,38, Heilerziehungspfleger: „Es muss sich etwas ändern, so dass die Arbeitgeber den Arbeitnehmern was bieten können. Mein persönlicher Grund ist: Ich habe seit einem halben Jahr die Zusage, dass ich hausintern einen anderen Job habe, sobald eine Nachfolge für mich gefunden wurde. Seit einem halben Jahr wird gesucht und es wurde niemand gefunden und es liegt einfach daran, dass wir zu wenige Fachkräfte haben und die Arbeitgeber nichts bieten, dass man sich auf diesen Job bewirbt.“
Peter Röger,38, Heilerziehungspfleger: „Es muss sich etwas ändern, so dass die Arbeitgeber den Arbeitnehmern was bieten können. Mein persönlicher Grund ist: Ich habe seit einem halben Jahr die Zusage, dass ich hausintern einen anderen Job habe, sobald eine Nachfolge für mich gefunden wurde. Seit einem halben Jahr wird gesucht und es wurde niemand gefunden und es liegt einfach daran, dass wir zu wenige Fachkräfte haben und die Arbeitgeber nichts bieten, dass man sich auf diesen Job bewirbt.“ © Tauber
Gabi Feuerbach, 55, Erzieherin: „Wir sind heute hier, weil es kaum noch Erzieher gibt, kaum noch Menschen, die diesen Beruf erlernen wollen, was sehr traurig ist. Es werden Erzieher gesucht wie Sand am Meer und man muss den Beruf einfach attraktiv machen -schon bei der Ausbildung anfangen – und den Beruf. Mehr Personal wäre schön; manche arbeiten jahrelang alleine. Mehr Geld ist auch wichtig; das Leben ist teuer und wird immer teurer, und mehr Anerkennung.“
Gabi Feuerbach, 55, Erzieherin: „Wir sind heute hier, weil es kaum noch Erzieher gibt, kaum noch Menschen, die diesen Beruf erlernen wollen, was sehr traurig ist. Es werden Erzieher gesucht wie Sand am Meer und man muss den Beruf einfach attraktiv machen -schon bei der Ausbildung anfangen – und den Beruf. Mehr Personal wäre schön; manche arbeiten jahrelang alleine. Mehr Geld ist auch wichtig; das Leben ist teuer und wird immer teurer, und mehr Anerkennung.“ © Tauber
Rolf Schneider, 63, Sozialpädagoge: „Ich bin hier, weil ich als Fastrentner solidarisch mit den jungen Menschen bin, die diesen Beruf gewählt haben im Sozial- und Erziehungsdienst, weil ich über die vielen Jahrzehnte, die ich das selber schon mache, festgestellt habe, dass sich unsere Arbeitsbedingungen immer wieder verschlechtert haben und dass wir in der Bezahlung weiter hinterherhinken zu anderen Berufsgruppen. Wir haben mit dem TVÖD einen Tarif bekommen, der sehr unattraktiv ist.“
Rolf Schneider, 63, Sozialpädagoge: „Ich bin hier, weil ich als Fastrentner solidarisch mit den jungen Menschen bin, die diesen Beruf gewählt haben im Sozial- und Erziehungsdienst, weil ich über die vielen Jahrzehnte, die ich das selber schon mache, festgestellt habe, dass sich unsere Arbeitsbedingungen immer wieder verschlechtert haben und dass wir in der Bezahlung weiter hinterherhinken zu anderen Berufsgruppen. Wir haben mit dem TVÖD einen Tarif bekommen, der sehr unattraktiv ist.“ © Tauber

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