1. Startseite
  2. Frankfurt

Frankfurt: Meister demokratischen Bauens gestorben

Erstellt:

Von: Claus-Jürgen Göpfert

Kommentare

Der Architekt Tassilo Sittmann ist mit 94 Jahren gestorben. Martin Weis
Der Architekt Tassilo Sittmann ist mit 94 Jahren gestorben. Martin Weis © Martin Weis

Der Architekt Tassilo Sittmann hat unter anderem die Frankfurter Nordweststadt entworfen. Ein Nachruf

Er blieb seiner Geburtsstadt Frankfurt ein Leben lang treu. Die von ihm entworfenen Bauten wollen dem Menschen dienen, wollen einfach und praktisch sein. Der Architekt Tassilo Sittmann wird für immer mit der Nordweststadt verbunden sein, dem Frankfurter Stadtteil, den er vor mehr als 60 Jahren gemeinsam mit Walter Schwagenscheidt entworfen hatte. Am Ende ragte Sittmann in seinem hohen Alter aus einer anderen Zeit in die Gegenwart hinein. Jetzt ist der Meister des demokratischen Bauens mit 94 Jahren gestorben.

In jungen Jahren, 1952, hatte er gemeinsam mit seinem Lehrmeister Schwagenscheidt in Frankfurt ein Architekturbüro gegründet. Schwagenscheidt war Ende der 20er-Jahre Mitarbeiter des legendären Stadtbaurats Ernst May gewesen und hatte am Konzept des Neuen Frankfurt mitgewirkt. In kurzer Zeit waren damals Siedlungen mit mehr als 12 000 Wohnungen entstanden. Schon da träumte Schwagenscheidt von einer „Raumstadt“: Eingebettet in großzügiges Grün, sollten die Menschen in Häusern verschiedenster Größen und Grundrisse leben. Als 1959 die Kommune den Wettbewerb für die Nordweststadt ausschrieb, griffen Schwagenscheidt und Sittmann auf die Idee der „Raumstadt“ zurück.

Freilich: Ideal und ungetrübt konnten sie ihre Pläne nicht verwirklichen. Sie gewannen nur den dritten Platz im Wettbewerb. Und hatten es vor allem der Unterstützung des damaligen Planungsdezernenten Hans Kampffmeyer (SPD) zu verdanken, dass sie am Ende zum Zuge kamen. Allerdings verwässerten Wohnungsbaugesellschaften die Ideen der Architekten. Und doch lassen die Hochhäuser und auch die Villen des Stadtteils mit ihrer lockeren räumlichen Anordnung im Grünen noch den Traum der beiden ahnen.

Die Handschrift Sittmanns findet sich deutlich in einzelnen Bauten. Sie wollen den Menschen nicht dominieren und einschüchtern, sie wollen nicht auftrumpfen, sondern nützlich sein, hell und licht. Im evangelischen Kindergarten, Ernst-Kahn-Straße 18, der im Auftrag des Evangelischen Regionalverbandes 1964 entstand, war das deutlich abzulesen. Auch an der Kirche Cantate Domino an der Ernst-Kahn-Straße, 1963 bis 1966 verwirklicht. Sie kommt äußerlich sehr bescheiden daher, schmuck- und nahezu fensterlos. Doch der karge Innenraum entfaltet im Tageslicht, das durch ein verglastes Dach fällt, seinen besonderen Zauber.

Wenige Jahre später folgte noch das evangelisch-reformierte Gemeindezentrum am Gerhart-Hauptmann-Ring in der Nordweststadt, eine Gruppe von einzelnen, schlichten Gebäuden in verschiedenen Größen mit Vielzweckräumen. Oberste Maxime auch hier: der menschliche Maßstab.

Es gibt noch andere Orte, an denen der Architekt Sittmann Spuren hinterließ. Sein Denken und seine Philosophie zeigen sich an den Kernbauten der Deutschen Buchhändlerschule in Frankfurt, die 1961/62 auf dem baumbestandenen Campus an der Wilhelmshöher Straße in Seckbach wuchsen. Auch hier einfache, schmucklose Bauwerke, die aber gerade dadurch Charme besitzen.

Und Tassilo Sittmann konzipierte in den 70er Jahren einen Spielplatz, ganz bewusst als „Muster“ für antiautoritäre Erziehung. Am Scheffeleck in Frankfurt, im Auftrag der Stadt und des Vereins „Mehr Platz für Kinder“. Hier konnten sich die Kinder aus Brettern, Seilen, Säcken ihre eigene Welt mit „Höhlen“ und „Wigwams“ bauen, in einer „Lehmbatzenecke“ so richtig einsauen und in einer Wassermulde baden. So war das vor 50 Jahren.

Auch interessant

Kommentare