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Frankfurt: Mehr Praxis für Film und Bühne

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Von: George Grodensky

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Die neue Professorin stellt sich vor.
Die neue Professorin stellt sich vor. © Hansjörg Rindsberg

Hochschule für Musik und Darstellende Kunst passt die Schauspielausbildung an. Studierende sollen besser auf den Arbeitsmarkt vorbereitet sein. Der besteht nicht mehr nur aus Theaterengagements.

Die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst stellt ihre Schauspielausbildung um. „Muss sie umstellen“, sagt Ausbildungsdirektorin Marion Tiedtke beim Pressegespräch am Dienstag. Das Studium soll nicht mehr in erster Linie aufs Theater vorbereiten. Mit den Streamingdiensten habe ein ungeheurer Boom an Filmproduktionen eingesetzt. Was Schauspielerinnen und Schauspielern einen großen Arbeitsmarkt eröffne.

Um die jungen Menschen darauf vorzubereiten, hat die Hochschule unter anderem eine neue Professur im Programm: „Schauspielpraxis für Bühne und Film“. Dafür hat die Hochschule die Schauspielerin, Filmregisseurin und zweifache Grimmepreisträgerin Brigitte Maria Bertele gewonnen. Seit Oktober arbeitet sie in Frankfurt (und sucht eine Wohnung, aber das ist eine andere Geschichte).

Bertele hat Schauspiel studiert, in Ulm, New York und Moskau. Sie war hernach an verschiedenen Stadttheatern angestellt. Das „Bedürfnis, mehr mitgestalten zu wollen“ hat sie zu einem Regiestudium an der Filmakademie Ludwigsburg verleitet. Sie hat Dokus gedreht. Aber auch Spielfilme, Krimis, Komödien. Arthousefilme, wie TV-Straßenfeger: zuletzt zwei Tatorte. „Ich wollte der fiktionalen Blase entkommen“, sagt sie.

Das „Dogma der ständigen Produktivität“ hat sie aber nachdenklich werden lassen. Sie sehnt sich nach „Zeit zu forschen, auszuprobieren, Dinge infrage zu stellen“. Einfach die Grundlagen anzupacken: „Wie entsteht eine Darstellung, die wirklich berührt und nachhaltig Spuren hinterlässt? Wie schafft man diese Momente, wegen der wir Filme lieben. Was braucht es dafür an Handwerk?“ Entsprechend freue sie sich nun „auf den theoretischen Diskurs mit einer neuen Generation an Kunst- und Kulturschaffenden“.

Zwei Jahre hat die Hochschule dafür an einer neuen Studienordnung gearbeitet, die eigentlich bereits seit den Bologna-Reformen ansteht, um die Schauspielausbildung an den 19 deutschsprachigen Instituten zu vereinheitlichen. Zum Wintersemester 2023/24 könnte sie in Kraft treten. In Frankfurt entsteht ein vierjähriges Bachelorstudium. In drei Jahren wären die Inhalte zu sehr gedrängt gewesen, sagt Marion Tiedtke.

Die Hochschule setze nun auf ein Studiojahr an den Theatern als drittes Ausbildungsjahr, also quasi ein Praxisjahr. Schülerinnen und Schüler erhalten Rollen am Landestheater Marburg, am Schauspiel Frankfurt, am Staatstheater in Mainz. Bald auch am Nationaltheater Mannheim.

Außerdem setzt sie mehr auf Eigenarbeit, auf Film und Mikrofonsprechen, sodass Absolventinnen und Absolventen nach dem Studium nicht nur im Theater arbeiten können, sondern auch im Audio- oder Filmbereich. Das ist bislang zu kurz gekommen. Film etwa war auf Workshops beschränkt. Nun soll er, nachdem gewisse Grundlagen etabliert sind, studienbegleitend sein.

Denn nicht nur sind neue Chancen vor der Kamera entstanden. Es verschwinden auch die festen Stellen bei den Theaterensembles. Etwa ein Viertel bis ein Fünftel der Plätze hätten Theater in den vergangenen Jahren einsparen müssen, sagt Tiedtke. Junge Schauspielerinnen und Schauspieler müssen also zwangsläufig verstärkt vor die Kamera treten.

Dafür müssen sie Körpersprache und Ausdruck anpassen, erklärt Brigitte Maria Bertele, ihr Spiel vom Ausfüllen einer großen Bühne in eine Darstellung für die Kamera kondensieren. Film und TV-Produktionen müssen mit ihren Drehtagen haushalten. Am Set gibt es immer weniger Zeit zu proben, etwas auszuprobieren, Figuren zu entwickeln wie es bei Theaterproben möglich ist. Wobei auch dort die Probezeiten abnähmen.

Schauspielende müssen sich also selbst vorbereiten auf ihre Rollen, die Charaktere ergründen, sogar das Geflecht der Figuren vorbereiten. Etablierte Darstellerinnen und Darsteller müssten das auch, viele bereiten sich mit Coaches vor, sagt Bertele. Die kosten aber Geld, das die frischen Absolventinnen und Absolventen womöglich nicht so locker sitzen haben. Das Rüstzeug dafür muss also das Studium liefern, unentgeltlich.

Marion Tiedtke arbeitet an der neuen Studienordnung.
Marion Tiedtke arbeitet an der neuen Studienordnung. © Birgit Hupfeld

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