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Rollstuhlball an der Sossenheimer Dunant-Schule. Für die einen ist es ein wildes Durcheinander. Für die anderen ein wichtiger Schritt zu mehr Toleranz und Verständnis.

Frankfurt

Mehr Bewegung für Gesundheit und Toleranz

  • George Grodensky
    vonGeorge Grodensky
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In der Europäischen Woche des Sports entdecken die Frankfurterinnen und Frankfurter die unterschiedlichen Sportangebote ihrer Stadt. Auch die Schulen sind in Bewegung, etwa beim inklusiven Rollstuhlball.

Im Herzen von Europa…“ So singen sie stets, die Fußballfreunde der Stadt. Allerdings: Im gleichen Herzen blühen auch ganz andere Sportarten. „Die Europäische Woche des Sports beginnt bei uns“, sagt zum Beispiel Theo Roos von der Frankfurter Turn- und Sportgemeinschaft FTG am Mittwochvormittag in Rödelheim. Dazu breitet der junge Mann einladend die Arme aus und geleitet den Besuch zur Gymnastiktruppe.

Roos ist hauptamtlicher Leiter des Jugendsports der FTG. Gut, am Vormittag ist kein Jugendlicher zu sehen. So ist das in einem Verein, sagt Roos und grinst. „Es gibt viele Aufgaben.“ Seine ist es, Wegweiser über Zu- und Abgänge zum Gelände am Rebstöcker Weg 15 aufzustellen. Falls jemand kommt, der sich nicht auskennt.

Schließlich ist Europäische Woche des Sports. Unter dem Motto „be active“ sollen sich die Menschen bewegen und Vereinsangebote kennenlernen. Die Koordinatoren wie der Sportkreis Frankfurt haben ein Riesenprogramm erstellt, mehr als 200 Angebote gibt es in den Stadtteilen.

Sven Ziegel erklärt die regeln von Rollstuhlball. Foto: Renate Hoyer

Dort sind sie erfinderisch. Wegen der Pandemie hat die FTG ohnehin ihr komplettes Kursangebot an die frische Luft verlegt. Bis Mitte Oktober bleibt der Sport im Garten, auch die Ferienspiele, danach zwingen Dunkelheit und Wetter zurück in die Hallen. Eine Gratwanderung, sagt Roos. Der Klub möchte vielen die Teilnahme ermöglichen, die Menschen sollen aber sicher sporteln, mit Abstand. „Wir werden das Programm entzerren und die beliebten Kurse öfter anbieten, damit die Hallen nicht zu voll werden.“ Im Frühling sollen die Kurse schnell wieder an die frische Luft.

Dort steht Sven Ziegel und sinniert. Drei Stufen führen zur kleinen Turnhalle der Henri-Dunant-Schule in Frankfurt-Sossenheim. Die Grundschule an der Schaumburger Straße ist neu gebaut, die kleine Halle befindet sich im alten Teil, den sich die Dunant- mit der Edith-Stein-Schule teilt. Drei Stufen, eigentlich fallen sie kaum auf. Die Kinder springen mit einem Satz drüber, die Lehrer schreiten majestätisch hinauf. Nur Sven Ziegel steht etwas ratlos davor.

Aktiv sein

#BeActive nennt sich die große Bewegungskampagne der Europäischen Kommission. Noch bis kommenden Mittwoch, 30. September, gibt es in Frankfurt mehr als 200 Mitmachangebote zu entdecken, bei Vereinen und weiteren Sportanbietern, auch in den Schulen.

Der Sportkreis Frankfurt bietet in der Fabriksporthalle Fechenheim, Wächtersbacher Straße 80, zum Beispiel Pickleball an, eine anfängerfreundliche Mischung aus Tennis, Tischtennis und Badminton. Die Frankfurter Hip-Hop-Szene trifft sich am Freitag, 25. September zu Tanzworkshops und Vorführungen. Am Samstag treten Calisthenics-Athleten aus ganz Deutschland und Europa gegeneinander an. Am Sonntag ist Roller Derby Schnuppertag des Bembel Town Roller Derby RSV Frankfurt.

Die Footballer der Frankfurt Pirates stellen sich am Samstag, 26. September, ab 13 Uhr vor im Brentanobad, Rödelheimer Parkweg. Gezeigt wird ein kurzer Trainingsablauf mit anschließendem Workshop. Auch die Cheerleaderinnen sind dabei.

Der Rollstuhl-Sport-Club baut am Wochenende ebenfalls im Brentanobad einen Mitmach-Parcours auf.

Eintracht Frankfurt hat auch eine Tennis-Abteilung. Am Alfred-Pfaff-Weg 1 stellt sie sich am Sonntag, 27. September, 14-18 Uhr vor. Info und Anmeldung unter https://beactive-frankfurt.de/

Ziegel ist Rollstuhlfahrer, sehr sportlich zwar, Trainer in mehreren Vereinen, aber doch kein Freund von Treppen. Heute ist der 36-Jährige als Übungsleiter des Rollstuhl-Sport-Clubs (RSC) Frankfurt vor Ort. Abteilung Breitensport. Auch das bietet die Europäische Woche des Sports: Schnupperkurse für die Schulen. Zum Glück hat Ziegel einen laufenden Ko-Trainer dabei. Sven Schipper. Der hilft, auch beim Ausladen der 27 Rollstühle.

In der Halle wendet sich das Blatt, da ist Ziegel in seinem Element. Die Jungen und Mädchen der Klasse 1a kämpfen dagegen mit dem ungewohnten Fortbewegungsmittel. Die meisten sitzen zum ersten Mal im Rollstuhl, und ganz einfach ist der nicht zu bedienen. Vorwärts, rückwärts, das geht, aber die Feinheiten…

„Wir können erst anfangen, wenn alle in einer Reihe stehen“, sagt Ziegel verschmitzt. Bei 23 Kindern dauert das etwas. Dann gibt er das Startzeichen fürs Wettrollen. Die Kinder lernen schnell. Ein Mädchen kippt allerdings um und verliert ein bisschen die Lust auf ihren Rollstuhl.

Ziegel kennt das Gefühl. Umso wichtiger ist es ihm, Kinder früh an das Thema Behinderung heranzuführen. Ihnen zu zeigen, wie das ist mit einem Handicap. Ein Bewusstsein erzeugen. Daran hapert es auf so mancher Ebene, die Belange derjenigen mitzudenken, die sich nicht flott auf zwei Beinen bewegen. „Kinder sind die Architekten der Zukunft.“ Bei Ziegel sehen sie, dass im Rollstuhl das Leben nicht endet, dass Rollstuhlfahrer auch Spaß haben und Sport treiben. Die 1a hat keine Berührungsängste, die Kinder fragen den Trainer aus. Warum er im Rollstuhl sitzt, zum Beispiel. „Ich habe einen Fehler im Rücken“, erklärt er. Von Geburt an ist sein zentrales Nervensystem in der Wirbelsäule unterbrochen. „Das ist wie ein dickes Stromkabel, das die Befehle des Gehirns weiterleitet.“ Die Beine erreicht es nicht.

Die Henri-Dunant-Schule arbeitet inklusiv. „Aber wir hatten erst einen Rollstuhlfahrer“, sagt Eleonore Schwab, Konrektorin und Klassenlehrerin der 1a. Es sei etwas anderes, über Inklusion zu sprechen, als die Probleme einfach mal am eigenen Leibe zu spüren, erklärt sie, warum die Schule das Angebot des RSC nutzt. Eine Fragerunde am Anfang der Einheit verrät, dass nur ein Kind Kontakt zu einer Person im Rollstuhl hat.

Der gesamte Jahrgang kommt im Laufe der Europäischen Woche zum Rollstuhlsport, und die Trainer des RSC touren auch zu anderen Schulen in der Stadt. Samstag und Sonntag bauen sie einen Parcours im Brentanobad in Rödelheim auf. Mit Basketball, Rampen, Wippen, Bordstein-Simulationen. Im öffentlichen Raum habe sich zwar einiges getan, sagt Ziegel, barrierefrei sei er aber bei weitem nicht. 90 Prozent der Geschäfte zum Beispiel seien nur über Stufen zu erreichen. Da haben die Dunant-Kinder noch einiges zu verändern.

Bei der Gymnastik der FTG haben derweil alle ihre Matten ausgerollt. Sie müssen keine Reihe bilden, sie verteilen sich im Halbkreis vor der Bühne. Kleine Farbtupfer auf der grünen Wiese am Biegwald zwischen Bockenheim und Rödelheim.

Gut für den Rücken: Gymnastik im Sportgarten der FTG in Rödelheim.

Die Sonne scheint, eine leichte Brise geht, von der Bühne schwebt Musik heran, in der Ferne rauscht die A648 wie ein Meer. Beinahe kämen Urlaubsgefühle auf, wenn es nur nicht so anstrengend wäre. „Jetzt geht’s in den Vierfüßerstand“, kommandiert Lucie auf der Bühne. Schulter-Ellenbogen-Handgelenk bilden eine Linie. Dann strecken die Sportlerinnen und Sportler abwechselnd die Beine aus.

Bewegung ist wichtig, findet Renate Fein. „Sonst wird man unlustig“, sagt die 69-Jährige. Seit zehn Jahren ist sie Teil der FTG-Familie. Ein-, zweimal die Woche sportelt sie mit. Sehr anstrengend fand sie die Übungen nicht, sie gehe mit einem guten Gefühl nach Hause. „Locker und leicht.“

Udo Schoeler sieht das genau so. Solange es nicht nass ist, seien die Kurse im Freien eine gute Sache. Man könne auch zu Hause Gymnastik machen. „Aber in der Gruppe ist das viel angenehmer.“ Kurt König ist das einzige Nicht-Vereinsmitglied der Gruppe. Noch. Der 68-Jährige nutzt die Woche, um sich Gymnastikkurse anzuschauen. 30 Jahre hat er im Ausland gelebt. Nun ist er in die Heimat zurückgekehrt und will sich bewegen. „In meinem Alter braucht man das.“

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