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Frankfurt: Mehr Alkohol und Cannabis

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Von: Steven Micksch

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Die ambulante Suchtberatung des Vereins Jugendberatung und Jugendhilfe hat mehr Zulauf als noch 2020. Immer häufiger kommen auch Mütter und fragen um Rat.

Eine deutlich Zunahme beim Konsum von Cannabis und Alkohol – dies ist das Fazit der Jahresstatistik der ambulanten Einrichtung des Hilfevereins Jugendberatung und Jugendhilfe (JJ). „In der Coronakrise wurde mehr konsumiert“, sagt David Schneider, Leiter der Fachstelle Evaluation im Verein, bei der Präsentation der Zahlen in der Frankfurter Geschäftsstelle am Mittwochvormittag.

Cannabis ist dabei mit 40 Prozent das Suchtproblem Nummer 1. Alkohol kommt auf fast 28 Prozent. Betrachte man nur die Menschen, die erstmals Hilfe in den Beratungsstellen suchen, steigen die Zahlen auf 47 und 29 Prozent. Opioide spielen bei den Erstkontakten nur noch eine geringere Rolle. Lag der Anteil 2011 noch bei 44,8 Prozent, waren es zehn Jahre später nur noch 6,9 Prozent.

5663 Klientinnen und Klienten ließen sich im vergangenen Jahr in den ambulanten Einrichtungen von JJ beraten, betreuen und behandeln. Die Inanspruchnahme der Beratungsstellen sei nahezu konstant gewesen. Es gab sogar ein Plus von etwa 300 Hilfesuchenden im Vergleich zu 2020. Man bewege sich zudem auf einem Vor-Corona-Niveau.

Der Kontakt zu den Klient:innen ist nie abgerissen, berichtet Geschäftsführer Stephan Hirsch. Man habe die Angebote schnell umgewandelt und an die Pandemie angepasst. Dazu zählen ganz naheliegend Telefonate und digitale Angebotsformate, aber auch Walk and Talk, bei dem im Spazierengehen geredet und beraten wird, sowie ein Stuhlkreis unter freiem Himmel. Demnächst soll noch eine App zur Kontaktaufnahme folgen.

Bei der Betrachtung der Hilfesuchenden fällt auf: Knapp 26 Prozent sind unter 22 Jahren, vier Prozent sogar jünger als 16. „Das ist ein sozialpolitisches Problemfeld“, mahnt David Schneider. Die Betroffenen die zur Beratung kommen haben eine manifestierte Suchtproblematik, häufig mit zusätzlichen Problemlagen, wie Kriminalität, psychischen Erkrankungen aber auch Ausbildungs- oder Arbeitsplatzverlust.

Cetin Upcin, Leiter der ambulanten Dienste im Verein, erklärt: „Unsere Angebote müssen all diesen Problemebenen Rechnung tragen.“ Zudem komme nur, wer seine Erkrankung erkannt habe und die Notwendigkeit von Hilfe eingesehen habe. Dieser Schritt sei häufig der schwerste.

Deshalb nehme die Angehörigenberatung einen immer größer werdenden Stellenwert ein. 651 der Ratsuchenden waren 2021 Angehörige. Das ist ein Anteil von 11,5 Prozent an der Gesamtklientel und ein Zuwachs von vier Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Angehörigen sind zu 75 Prozent weiblich; meistens sind es die Mütter. Aber auch Partner:innen und Kinder kommen, weil sie mit den konsumierenden Familienangehörigen nicht weiter wissen. Vorwiegend geht es um Cannabis oder Alkohol.

Upcin sieht die geplante Legalisierung von Cannabis deshalb skeptisch. In die Beratungsstellen würden nicht Hobbykiffer oder Genussmenschen kommen, die mal einen rauchen, sondern Menschen, die die Kontrolle über ihren Konsum verloren haben. Jene, die durch regelmäßige und intensive Nutzung Psychosen oder andere psychische Beeinträchtigungen entwickelt haben. Stephan Hirsch macht deutlich, dass eine Legalisierung zwingend auch mit einer Stärkung der Präventionsarbeit einhergehen müsse. Ein Teil der Einnahmen aus der Kommerzialisierung des Cannabis müsse für die Finanzierung der Vorsorge und Beratung genutzt werden.

Denn schon jetzt gebe es keine flächendeckenden Angebote in Hessen oder gar Deutschland und wie die Statistik zeige, steige der Bedarf. Auch weil in Krisenzeiten der Konsum nicht zurückgehe, sondern zunehme. Das habe Corona gezeigt.

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