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Frankfurt: Maximale Zusammenarbeit bei „Politik im Freien Theater“

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Von: Florian Leclerc

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Für Dramaturgin Katja Herlemann geht im Theater nichts „ohne Gemeinschaft“. Renate Hoyer
Für Dramaturgin Katja Herlemann geht im Theater nichts „ohne Gemeinschaft“. Renate Hoyer © Renate Hoyer

Die Schauspieldramaturgin Katja Herlemann hat im Leitungsteam das Theaterfestival „Politik im Freien Theater“ organisiert, das am Donnerstag eröffnet.

Katja Herlemann nippt an ihrem Wasser in der Kantine des Schauspiels Frankfurt. Mehr als zwei Jahre lang hat sie als Teil eines fünfköpfigen Leitungsteams das Festival „Politik im Freien Theater“ auf die Beine gestellt. Rund 200 Veranstaltungen der Freien Theaterszene werden an etwa 50 Orten in Frankfurt gezeigt. Die Freie Szene ist erstmals Mitveranstalterin des Festivals. „Es fühlt sich wie ein Homecoming an“, sagt Herlemann.

Bevor sie vor drei Jahren Dramaturgin am Schauspiel Frankfurt wurde, war sie Dramaturgin am Schauspiel Leipzig. Davor organisierte sie das Uraufführungsfestival Heidelberger Stückemarkt mit Gastspielen aus dem deutschsprachigen Raum und Projekte der Freien Szene in Belgien. „Dass ich einmal Dramaturgin an einem Stadttheater werde, hätte mein 20-jähriges Ich nicht für möglich gehalten“, sagt sie. Dass sie ihren Weg zu einer Bühne finden werde, hingegen schon. Katja Herlemann studierte Tanz- und Theaterwissenschaften und wuchs in einer Familie auf, in der ihre Mutter regelmäßig Klavier spielte und mit ihr übte.

Wegen der Arbeit des Vaters bei der Lufthansa zog die Familie häufig um. „Es war ein unstetes Leben. Aber vielleicht braucht man das an einem Theater“, sagt sie. Am Theater sind Verträge oft auf einige Jahre befristet.

Nach Stationen in Bochum, Antwerpen, München, Prag, Heidelberg und Leipzig sei sie heute froh, in Frankfurt zu wohnen, wo ihr Mann schon länger gelebt habe, sagt sie. Ihre fünfjährige Tochter werde im kommenden Jahr eingeschult, erzählt die 38-Jährige. Frankfurt nimmt sie als international und divers wahr. Im Gegensatz zu der 100-Quadratmeter-Wohnung in Leipzig-Reudnitz habe sie bei den Mieten im Frankfurter Westend aber kräftig geschluckt,

Bei den 200 Veranstaltungen an 50 Orten zögert Katja Herlemann, einzelne hervorzuheben. „Kaffee mit Zucker?“, sagt sie schließlich. „Laia RiCa“ haben das Stück inszeniert. „Laia RiCa“, das sind Laia Ribera Cañénguez (Text und Spiel) und Yahima Piedra Córdova (Livemusik). In 60 Minuten geht es um Kaffee, Zucker, Familiengeschichten, postkoloniale Kontinuitäten, Livemusik und Gesang - zu sehen am 30. 9., 11 Uhr und 20 Uhr, sowie am 1. 10., 20 Uhr, im Schauspiel.

„Still not Still“ von Ligia Lewis empfiehlt sie auf Nachfrage auch (6./7./8. 10., 20 Uhr, Mousonturm). Sieben Performer:innen schleudern, rutschen, fallen durch den Raum - ein Abarbeiten an den Machtstrukturen der Mehrheitsgesellschaft.

„Macht“ heißt das Motto der 11. Festivalausgabe. Alle drei Jahre gastiert die Bundeszentrale für politische Bildung mit dem Festival in einer anderen Stadt. In Frankfurt arbeitet die Bundeszentrale mit dem Schauspiel, dem Mousonturm und der Festival-AG, einem Netzwerk der Freien Szene, zusammen. Neben Katja Herlemann für das Schauspiel sind Marcus Droß (Mousonturm), Jan Philipp Stange (Festival-AG) sowie Milena Mushak und Anne Pfaffenholz (Bundeszentrale für politische Bildung) im Leitungsteam.

Eine Jury hat aus 400 Inszenierungen eine Auswahl aus 14 Theaterstücken und Performances getroffen. In allen geht es um unterschiedliche Ausprägungen von Macht, um Machtkritik, Empowerment.

Das Theaterprogramm ist aber nur ein Teil des Festivals, „ein Festival im Festival“, wie Katja Herlemann sagt. Zusätzlich gibt es Audiowalks, Ausstellungen, Stadtführungen, Diskussionen, Vorträge, Filmvorführungen, Literaturgespräche, Kunstaktionen, Workshops. „Es ist eine Einladung an die Bürgerinnen und Bürger, etwa kennenzulernen, was sie sonst vielleicht nicht entdeckt hätten“, sagt sie. Das Festivalzentrum ist auf dem Campus Bockenheim. Am 1. 10. findet von 15 Uhr an ein Ukraine-Tag im Haus am Dom statt.

Den Prozess, das Festival zu organisieren, beschreibt Katja Herlemann als „maximale Kollaboration“. Das Aufstellen eines Konzepts, die Bewerbung, das Hearing bei der Bundeszentrale für politische Bildung in Berlin. Die wöchentlichen Treffen, die pandemiebedingt meist über Zoom stattfanden. Das Sichten von Hunderten Inszenierungen. Die Ausweitung der Zuständigkeiten mit Produktionsleitungen und Assistenzen. „Im Theater geht nichts ohne die Gemeinschaft, alle Projekte benötigen die Kollaboration“, sagt Herlemann. Auch die Kunstform Theater zeichne sich durch das gemeinsame Erleben aus, wenn Publikum und Darsteller:innen im Theaterraum aufeinanderträfen.

Wenn „Politik im Freien Theater“ vorbei ist, steht für Katja Herlemann die Wiederaufnahme von „Wickie und die starken Männer“ (20. 11.) bevor. Als Dramaturgin verantwortet sie auch die Inszenierung von „Mein Lieblingstier heißt Winter“ nach Ferdinand Schmalz (24. März). Das internationale Theaterfestival „Theater der Welt“, das vom 29. Juni bis 16. Juli 2023 in Frankfurt und Rhein-Main stattfindet, organisiert sie aber nicht mit. Herlemann lacht erleichtert auf: Ein Festival pro Spielzeit umzusetzen, sei Aufgabe genug.

Das komplette Programm

www.bpb.de/pift2022

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