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DW Dreysse (l.) erzählt, Martin Mosebach (2. v. l.) hört zu. Rechts vorne Redakteur Göpfert.

Kultur

Frankfurt: Kurzweiliger Abend mit Mosebach und Dreysse

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Keine „Beweinung“, eher zum Glucksen: Martin Mosebach und DW Dreysse lesen im Haus am Dom.

DW Dreysse gluckst heftig während der Leseprobe seines Nachbarn. Martin Mosebach lässt eine seiner Romanfiguren gerade erzählen, dass es eigentlich nur vier Baustile gegeben habe, der Rest sei abgekupfert oder unwichtig. Da hat der Architekt natürlich gut lachen, und auch die rund 160 Gäste im ausverkauften Großen Saal des Haus am Dom haben ihre Freude an dem Vortrag.

Unter dem Motto „Adrett und hübsch“ haben die Katholische Akademie und die Frankfurter Rundschau zu einer Soiree im Rahmen des Literaturfestivals „Frankfurt liest ein Buch“ geladen und den Autor des diesjährigen Buchs „Westend“ ebenso dafür gewonnen wie den renommierten Architekten Dreysse.

Als Amuse-Gueule hatte die Frankfurter Rundschau vor der Soiree an die FR-Erlebbar vor dem Saal gebeten. Dort gab es nicht nur fruchtige Cocktails im Rundschau-Grün, die sehr begehrt waren, sondern auch einen Plausch mit FR-Redakteur Claus-Jürgen Göpfert im intimen Rahmen. Der Kollege wollte im Roman eine „gewisse Trauer“ wahrgenommen haben, was der Autor so nicht stehenlassen mochte. „Sie sind Leser, deswegen haben Sie das Recht, das zu empfinden“, zeigte sich Mosebach großzügig. Ihm sei es aber keineswegs um eine „Beweinung“ des Viertels gegangen, vielmehr habe er den Wandel der Mentalität und des Stadtteils einfangen wollen.

Das Motto des Abends geht zurück auf ein Zitat von Mosebach, der zu seiner Heimatstadt befragt sagte, Frankfurt sei „adrett und hübsch“ geworden. Auf der großen Bühne fragte Moderatorin Lisa Straßberger von der Akademie wenig später, ob Mosebachs Aussage nicht eine gewisse ironische Distanziertheit in sich berge. An der FR-Erlebbar hatten Mosebach und auch Dreysse die Antwort schon gegeben – von großem Jubel über die architektonische Stadtplanung konnte da keine Rede sein. Die Stadt schaffe „ein paar Landmarken“, und überlasse den Rest sich selbst, kritisierte Mosebach. Immerhin habe der Dom als schönstes Gebäude der Stadt jetzt mit dem Dom-Römer-Areal eine Umgebung, die ihn nicht mehr verleugne.

Doch zurück zum Westend, dem titelgebenden Stadtteil des diesjährigen Romans. Auf der großen Bühne verriet Mosebach zunächst, dass er das Buch eigentlich „Das Erdbeben“ nennen wollte, weil ein kleines Beben im Roman quasi den Boden bereitet für die Liebesgeschichte, als die Mosebach sein opulentes Frühwerk sieht. Der Verlag habe da aber nicht mitgespielt. „Hätte ich mich durchgesetzt, würde ich jetzt nicht hier sitzen“, sagte der Autor, davon überzeugt, dass sein Roman nur wegen des Titels für das Frankfurter Lesefest ausgewählt wurde.

Dreysse, der nicht nur auf dem Podium im Haus am Dom, sondern auch im wahren Leben Mosebachs Nachbar im gemeinsamen Wohnhaus im Nordend ist, soll dann mal erzählen, wie das so war vor dem Krieg im Westend. „Da machen sie mich jetzt älter als ich bin“, tadelt der 1937 in Bonn geborene Dreysse, der im Alter von zwei Jahren mit seinen Eltern ins Westend zog, die Moderatorin. Doch der Architekt weiß zu berichten, dass das Westend gleich dreimal zerstört wurde: 1933 durch die Vertreibung der jüdischen Bevölkerung, 1944 durch die Bomben, 1968 durch die Spekulanten.

An der Frankfurter Studentenbewegung nahmen die Nachbarn übrigens beide nicht teil. Dreysse studierte in jenen Jahren in Paris, Mosebach fühlte sich zu jung und außerdem „angewidert“ von der Revolte. So endet „Westend“ nicht ganz zufällig vor 1968.

„Die Revolte der Studenten hat nicht mehr reingepasst, dieses Fass konnte ich in dem Buch nicht noch mal aufmachen“, erläutert Mosebach. Dafür blieb Platz für architektonische Betrachtungen, die seinen Nachbarn zum Glucksen bringen.

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