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Das gewohnte Bild am Rennsonntag: Marathonläufer passieren in Frankfurt die Alte Oper. 

Großes Interview 

Frankfurt-Marathon: Jo Schindler kündigt Video-Neuerung an 

Frankfurt Marathon-Veranstalter Jo Schindler zu merkwürdigen Weltrekorden, dem veränderten Schwerpunkt seines Rennens, der neuen Rolle von Katharina Steinruck und dem Debüt von Homiyu Tesfaye.

Herr Schindler, am Wochenende lockt Frankfurt wieder mehr als 25 000 Teilnehmer zum ältesten Stadtmarathon auf deutschem Boden. Vor dem Startschuss am Sonntag ist Marathon in aller Munde. Erst bricht Eliud Kipchoge die magische Marke von unter zwei Stunden, dann rennt Brigid Kosgei bei den Frauen zum neuen Weltrekord. Haben Sie auch gejubelt?
Na klar. Ich finde es natürlich toll, wenn der Marathon medial besondere Aufmerksamkeit erhält, und das passiert meist dann, wenn es besondere Leistungen gibt. Wobei ich den Marathon nicht nur auf den Spitzensport beschränke, sondern auch die große Masse an Breitensportler sehe. Der erste Blick der Öffentlichkeit geht aber auf die Rekorde.

Sie haben schon häufiger gesagt, dass Sie nichts von Läufen unter Laborbedingungen halten. Bei Kipchoges Fabelzeit waren 41 Tempomacher auf der Strecke, dazu hat ein Führungsfahrzeug grüne Laserlinien auf den Asphalt geworfen. Ist das noch ihre Welt?
Nein, ich sehe das kritisch. Wobei ich in der Bewertung zwischen dem Läufer und der Veranstaltung unterscheide: Kipchoge hat eine historische Leistung erbracht, weil er es geschafft hat, 42,195 Kilometer in 2:50 Minuten je Kilometer zu laufen. Trotzdem ist das Drumherum seiner Leistung für mich nicht beispielhaft, da hierbei die internationalen Wettkampfregeln verletzt wurden. Ich finde es schade, dass für den Läufer, der in einem normalen Rennen unter zwei Stunden bleibt – und ich bin überzeugt, dass wir das noch erleben werden – immer ein Makel bleiben wird. Weil es bereits einen gab, der das geschafft hat – wenn auch nicht regelkonform. Das wissen aber dann nur noch die Spezialisten.

Die Strecken in den Großstädten sind schwer vergleichbar: In New York wird vermutlich nie jemand unter zwei Stunden laufen können, so lange es über die großen Brücken geht.
Marathonstrecken sind unterschiedlich. Es ist nicht wie im Stadion bretteben, sondern es geht rauf und runter, es kann regnen, schneien, windig sein oder die Läufer müssen, wie unlängst bei der WM in Doha, wegen der Hitze in der Nacht laufen. Auch wenn die Bedingungen nirgendwo identisch sind, ermöglichen die Regeln eine gewisse Vergleichbarkeit: In dem es keine Punkt-zu-Punkt-Strecke sein darf, nur ein gewisses Gefälle erlaubt ist sowie Verpflegung und Anzahl der Tempomacher – um nur einiges zu nennen – genauestens geregelt ist. Somit bestehen Regeln, um einen gültigen Marathonrekord aufzustellen. Die sind bei Kipchoge in Wien nicht eingehalten worden.


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In Frankfurt ist Wilson Kipsang vor acht Jahren nur um vier Sekunden am Weltrekord vorbeigeschrammt, später war Weltrekordhalter Patrick Makau am Start. Warum kann Frankfurt diese Rekordjagd nicht mehr mitmachen?
Mit der Bildung der World Marathon Majors als Zusammenschluss von sechs Rennen (Tokio, Boston, London, Chicago, Berlin und New York; Anm. d. Red.) und dem dort ausgeschütteten Preisgeld ist es für alle anderen Veranstalter im Grunde nicht mehr möglich, die absoluten Topleute zu verpflichten. Wir können zwar darauf hoffen, dass ein unbekannter Youngster wie damals Wilson Kipsang bei uns durchstartet, aber wir werden in absehbarer Zeit keinen Weltrekord in Frankfurt erleben. Die großen Namen werden wir mit unseren Möglichkeiten einfach nicht verpflichten können, denn diese Preis- und Antrittsgelder können wir nicht zahlen.

Was müssten Sie für Eliud Kipchoge denn so alles in allem auf den Tisch legen?
Er ist schon dafür bekannt, dass er für das Erreichen seiner Ziele auch gewisse Einbußen in Kauf nimmt. Als er 2018 in Berlin den Weltrekord gelaufen ist, hatte er bessere Angebote von anderen Herbst-Marathons vorliegen. Dennoch lief er in Berlin, denn er wusste, dass er dort die besten Bedingungen für den Weltrekord vorfinden wird. Ich nehme mal an, dass man alles in allem unter 400 000 Euro nicht weg käme.

Wie groß ist ihr Budget für die Elite?
Genau das, was wir theoretisch dafür ausgeben müssten (lacht).

Und deshalb setzen Sie statt schnellen Männern lieber auf flotte Frauen?
Wir haben mit Meskerem Assefa, Valary Aiyabei und kurzfristig auch Lonah Salpeter eine Gruppe von Läuferinnen am Start, die bereits 2:20 Stunden oder sogar darunter gelaufen sind. Mit der von Wilson Kipsang gelaufenen Zeit (2:03:42; Anm. d. Red.) haben wir die viertschnellste Strecke weltweit, während wir mit der Bestzeit bei den Frauen von 2:20:36 (Meskerem Assefa 2018; Anm. d. Red.) weiter hinten rangieren. Deshalb liegt es auf der Hand, am Streckenrekord der Frauen zu basteln – darauf liegt unser Augenmerk im Spitzensportbereich, um mal unter die 2:20 Stunden zu kommen.

In Chicago ist Brigid Kosgei einen Fabelweltrekord von 2:14:04 Stunden gelaufen und hat mal eben den Weltrekord von Paula Radcliffe vor 16 Jahren in London pulverisiert. Wie kann das eine zweifache Mutter schaffen?
(überlegt). Es gab Interviews mit ihr, in denen sie gesagt hat, dass sie sich in den Jahren nach der Geburt ihrer Kinder voll auf den Sport konzentrieren konnte, weil ihr Mann Haushalt und Kinderbetreuung übernommen hat – was in einem patriarchisch geprägten Land wie Kenia eher ungewöhnlich ist. Sie ist ein großes Talent und wird sicher gute Trainer gehabt haben, die sie unter ihre Fittichen genommen haben…


Erstmals Videos nach Zieleinlauf bei Frankfurt-Marathon 


Skeptiker erwähnen lieber den Manager Frederico Rosa, von dessen Kundenstamm aus Kenia immer wieder Läufer mit Blutdopingmittel aufflogen. Darunter waren immerhin die zweimalige Chicago-Siegerin Rita Jeptoo, die Rio-Olympiasiegerin Jemima Sumgong und der dreimalige Weltmeister Asbel Kiprop.
Das habe ich natürlich auch verfolgt. Ich denke, dass der Weltrekord nach ihren im Frühjahr gelaufenen Zeiten nicht völlig überraschend kommt. Da ich von den entsprechenden Kontrollen bei ihr ausgehe, kämen die Fakten sicher auf den Tisch, wenn es etwas zu beanstanden gäbe. Es wäre natürlich ein Desaster für den Laufsport insgesamt, wenn eine weitere Athletin aus diesem Kreis als Dopingsünderin entlarvt würde.

Wie geht ihr Sportlicher Leiter Christoph Kopp mit einem argwöhnisch beäugten Manager wie dem Italiener Rosa um?
Wir meiden ihn nicht grundsätzlich, aber wir schauen uns bestimme Leute genauer an und laden gewisse Athleten nicht ein. Das handhaben wir bei anderen Managements übrigens genauso.

Jo Schindler. 


Zur Person

Jo Schindler lenkt bereits seit 18 Jahren die Geschicke für den Frankfurt Marathon. Der gebürtige Regensburger hat in der Mainmetropole längst seine zweite Heimat gefunden, hat den ältesten deutschen Stadtmarathon zur zweitwichtigsten Veranstaltung nach Berlin entwickelt. Rund 25 000 Teilnehmer werden sich auch in diesem Jahr am Wochenende an der Frankfurter Messe zu allen Läufen versammeln.

Was erwarten Sie von ihren Spitzenläufern am Sonntag abgesehen davon, dass sie hoffentlich sauber laufen?
Zunächst einmal ist mir wichtig, dass wir ein spannendes Rennen erleben. Ich halte nichts davon, einen einsamen Athleten vorneweg rennen zu haben. Am besten bleibt die Gruppe lange zusammen, und mit einer 2:05er oder 2:06er Zeit wäre ich bei den Männern zufrieden.

Zuletzt war Arne Gabius mehrmals die dominierende Figur in Frankfurt. Ihn konnten Sie nicht zu einem Start bewegen.
Er hatte mehrmals den Wunsch geäußert, dass er gerne einmal den New York Marathon laufen würde. Das hat er in diesem Jahr früh für sich entschieden und kommuniziert. Ich finde das nur verständlich.

Welche Rolle spielt Katharina Steinruck, frühere Heinig, in Ihrem Konzept?
Wir sehen ‚Katha‘ durchaus als Gesicht dieses Rennens. Sie ist uns mehr verbunden, als nur einmal im Jahr hier zu starten. Sie lebt und arbeitet in Frankfurt und sie ist auch Schirmherrin unseres Skylinerunner-Teams, bestehend aus 30 Botschaftern, die den Kontakt zur Marathon-Community intensivieren. ‚Katha‘ will sich für die Olympischen Spiele 2020 qualifizieren und muss dafür unter 2:29:30 Stunden bleiben. Sie wird auf heimischen Straßen beste Bedingungen vorfinden, um ihr Ziel zu erreichen.

Die Männer tun sich schwer, die Norm von 2:11:30 Stunden für die Olympischen Spiele zu erreichen. Sie haben jetzt Homiyu Tesfaye von Eintracht Frankfurt als Starter präsentiert, der sein Marathon-Debüt gibt. Der gebürtige Äthiopier ist in der Vergangenheit in vielerlei Hinsicht oft eigene Wege gegangen. Kann er die Überraschung werden?
Es stimmt, er ist ein bisschen sprunghaft. Er wollte am zweiten Oktober-Wochenende eigentlich zur Vorbereitung in Köln einen Halbmarathon laufen, hat diesen aber abgesagt. Ich mache da selbst für mich ein kleines Fragezeichen, lasse mich aber natürlich gerne überraschen.

Es fehlt unbestritten ein prägendes Gesicht, das den deutschen Marathon mal auf Jahre verkörpert. Könnte es Konstanze Klosterhalfen werden, wenn man mal voraussetzt, dass Sie ihre Anlagen irgendwann von der Bahn auf die Straße verlagern will?
Sie ist eine Bahnläuferin, was deutlich zu sehen ist: Sie läuft mit einem hohen Aufwand, weshalb es schwierig wäre, diesen Stil beim Marathon beizubehalten und nicht jeder gute Bahnläufer hat den Umstieg auf die Straße geschafft. Bestes Beispiel ist der 5000-Meter-Olympiasieger Dieter Baumann, dessen Wechsel auf die Marathonstrecke nicht von Erfolg gekrönt war. Ich sehe erst einmal Alina Reh (Deutsche Meisterin über 10 000 Meter; Anm. d. Red.) vor Konstanze Klosterhalfen. Umso länger die Strecke, desto besser wird sie. Aber natürlich wäre es insgesamt schön, wenn junge Mädels auf die langen Strecken gehen und dann irgendwann beim Marathon landen. Wir hoffen auf mehr deutsche Zugpferde in Zukunft. Vielleicht überrascht uns ja Gesa Krause eines Tages...

Machen Sie sich als Veranstalter Sorgen?
Nein, wir stellen sogar fest, dass der Laufsport wieder jünger wird, weil viele aufgrund eines steigenden Gesundheitsbewusstseins zum Laufen kommen. Und Marathon wird zum Ziel für jene, die sich den ‚Kick‘ beim Laufen holen wollen. Wenn man sich die Finisher-Zahlen bei den großen Rennen in Deutschland anschaut, stellen wir ein leichtes Plus fest. Natürlich laufen heute viele die 42,195 Kilometer in ihrem eigenen Wohlfühllevel, ohne wie früher im Rennen einen besonderen Ehrgeiz zu entwickeln.


Frankfurt-Marathon: Asics präsentiert Neuerung 


Viele laufen Marathon, um sich danach in den sozialen Netzwerken auszustellen. Wie tragen Sie dem Thema Digitalisierung Rechnung?
Wir waren von Beginn an in den sozialen Medien sehr aktiv, schalten dort weltweit Kampagnen und arbeiten national wie international mit Influencern zusammen. Wir versuchen, viele Daten so aufzubereiten, dass sie mit einem Klick in den sozialen Netzwerken geteilt werden können. Das beginnt mit der Anmeldung zum Rennen und hört beim Überqueren des Zielstriches nicht auf. Unsere Facebook- und Instagram-Gemeinde mit mehr als 50.000 Fans und Abonnenten ist uns sehr wichtig. Und natürlich haben wir auch eine eigene App. In diesem Jahr werden wir mit unserem Partner Asics erstmals einen kostenlosen Videodienst anbieten, der jedem Läufer zeitnah nach der Zielankunft kleine Videoclips bereitstellt.

Wie funktioniert das?
Bei den Zeitmessmatten ist eine Kamera positioniert. Wenn die Teilnehmer über die Zeitmessmatten laufen, dann kommt es zu einer Erfassung des Läufers und die Videosequenz wird dann mit den Daten der Zeitmessmatte synchronisiert. Diesen Dienst bietet ein Schweizer Unternehmen an, das seit zwei Jahren am Markt ist.

Wie oft laufen Sie noch selbst?
Ich habe mein Fersensporn besiegt – toi, toi, toi! (klopft auf den Tisch). Neulich bin ich erstmals seit fünf Jahren wieder mehr als 100 Kilometer in der Woche gelaufen, und ich will auch mal wieder einen Marathon laufen. Aber das dauert noch ein oder zwei Jahre. In der Ruhe liegt die Kraft.

Sie sind gerade 60 Jahre alt geworden: Wie lange möchten Sie noch die Geschicke des Frankfurt Marathon verantworten?
Ich habe einen wunderschönen Job, bei dem ich mein Hobby mit dem Beruf verbinden kann. Es sollte sich niemand zu früh freuen (lacht): Ich bin bis zu meiner Rente schon noch sieben Jahre da. Und dann gibt es genügend qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in meiner Agentur, die meinen Job übernehmen werden.

Interview: Frank Hellmann

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