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Frankfurt-Marathon: Der Vorsprüher

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Von: Thomas J. Schmidt

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Götz Grammerstorff zieht mit seinem „Handwagen“ die blaue Linie.
Götz Grammerstorff zieht mit seinem „Handwagen“ die blaue Linie. © Monika Müller

Götz Grammerstorff markiert die Marathonroute mit blauer Farbe: Eine Woche vor dem eigentlichen Marathon absolviert er seinen eigenen Lauf.

Götz Grammerstorff hat seinen Marathon schon fast beendet: „Am 3. Oktober haben wir begonnen mit der Markierung. Heute sind die Innenstadt und Sachsenhausen dran“, sagt der 42-jährige Verkäufer. Mit seinem kleinen Wägelchen läuft er zügig die 42,195 Kilometer des Frankfurt-Marathon ab, an diesem Sonntag eben die Innenstadt und Sachsenhausen. „In Sachsenhausen müssen wir einmal gegen die Fahrtrichtung gehen“, weist er an diesem Morgen vor Beginn die beiden Stadtpolizisten auf Probleme der Strecke hin. Ja okay, er solle vorher Bescheid geben, dann fährt das Polizeifahrzeug vor dem Tross und nicht wie sonst hinter ihm.

Der Tross: Das sind Mitarbeiter des Rennveranstalters Jo Schindler im Audi – sie kennen die Strecke ebenfalls und haben massig Spraydosen mit blauer Farbe im Kofferraum –, das Polizeifahrzeug und eben Grammerstorff. Er steckt die erste Spraydose in die Halterung seines Wägelchens, spannt sie fest und marschiert los vom Start-Ziel-Tor am Messeturm, das bereits aufgebaut ist, Richtung Innenstadt. Er geht zügig, „wir machen keinen Spaziergang!“. Grammerstorff ist Sportler. Dreimal hat er schon am Frankfurt-Marathon teilgenommen, und der Lauf am kommenden Sonntag ist der zweite Marathon, bei dem er den Sportler:innen mit seinen blauen Linien auf dem Asphalt den Weg weist.

Hat Grammerstorff Lieblingsabschnitte? „Ja. in Schwanheim ist es immer wunderschön. Da lachen die Leute und freuen sich, wenn ich komme. Sie stehen ja auch während des Laufs überall an den Straßen.“

Höchste Zeit

Hingegen seien die Innenstadt und Sachsenhausen eher „Stadt“: „Da hupen die Autofahrer schon mal, wenn wir die Kreuzung blockieren müssen.“ So wie wenig später, als ein Auto sich partout zwischen dem Führungs-Audi und dem Straßenfärber hindurchdrängen will, um von der Mainzer in die Taunusanlage abzubiegen. „Bitte weiterfahren“, ertönt nach einigen Sekunden der Megafonruf der Polizei. Das war höchste Zeit. Dann biegt der Tross selbst rechts ab in die Taunusanlage. Hier, an der Abbiegung und anderen kritischen Stellen, ändert Grammerstorff sein Vorgehen: Die Striche werden dichter gesetzt, in kürzerem Abstand, und sie sind selbst nur noch etwa einen Meter lang.

„Das ist Gefühlssache“, sagt der ehrenamtliche Helfer von Schindlers Veranstaltungsteam. „Auf geraden Strecken lasse ich 20 bis 30 Meter Platz zwischen einem Farbstreifen.“ Der dann allerdings auch 1,5 bis zwei Meter lang sein kann. Grammerstorff muss nur am Bremshebel des Wägelchens ziehen, dann fließt die Farbe. Auch am Renntag wird er im Einsatz sein. „Nicht als Läufer“, bedauert er. Er ist beim „Kehrwagen“ dabei, der die Letzten auf der Strecke aufsammelt.

Zunächst jedoch geht es jetzt von der Taunusanlage durchs Taunustor, gegen die Fahrtrichtung der Einbahnstraße. Von hinten schnauft einer der beiden Stadtpolizisten heran und sichert den Tross schließlich vorne mit einer roten Kelle. Das Stück Einbahnstraße war zu kurz, um einen aufwendigen Positionswechsel der Fahrzeuge zu bewerkstelligen. Schon etwa 100 Meter weiter biegt der Tross links ab in die Neue Mainzer Straße.

Fünf bis sieben Stunden werde er wohl unterwegs sein, schätzt Grammerstorff, als der Tross an einer roten Ampel halten muss. „Insgesamt, mit allen Vorbereitungen, sind es sicher 15 bis 20 Stunden.“ Dabei geht nicht immer alles so, wie er es sich gewünscht hat. Etwa am vorigen Sonntag: „Um sieben Uhr aufgestanden, aus dem Fenster gesehen, alles nass!“ Der Regen hat den Arbeitseinsatz verhindert, denn auf nassem Asphalt haftet die Farbe nicht.

Dass es erst der zweite Marathon ist, den Grammerstorff „markiert“, lag an der Pandemie, die das Großereignis zweimal verhindert hat. Schon 2018 saß der Hobbyläufer mit einigen der Veranstalter beim Apfelwein und hat leichtsinnig gesagt, dass er das gerne mal machen würde. „Die haben sich gefreut, denn der Job war gerade frei. 2019 war mein erster Marathon, jetzt 2022 ist der zweite mit dem Handwagen!“

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