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Frankfurt: „Man verlässt mental den Körper“

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Von: Thomas Stillbauer

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Eine Person wird von der Polizei vom Baumhaus entfernt.
Eine Person wird von der Polizei vom Baumhaus entfernt. © Peter Jülich

Ein Aktivist von „Fecher bleibt“ über die Räumung im Fechenheimer Wald, Angst in der Höhe und Mut durch Zusammenhalt.

Malek Schuhmann, der Name ist ein Pseudonym, richtig?

Ja. Ich habe lange Zeit mit im Wald gewohnt und war auch am Tag vor Beginn der Räumung dort. Ich bin aber noch rechtzeitig herausgekommen, um das Pressetelefon zu betreuen.

Das Barrio, das Protestcamp im Wald, ist geräumt. Hatten Sie erwartet, dass es so abläuft?

Ja. Wir hatten auch damit gerechnet, dass die Polizei gewaltvoll agieren wird. Es gab schon viel schlimmere Erfahrungen in ähnlichen Situationen, zuletzt im Dannenröder Forst, wo die Polizei durch rücksichtsloses Handeln mehrere Menschenleben gefährdet hat. Ich bin trotzdem schockiert davon, was Freunde gerade erleben mussten.

Was haben sie erlebt?

Es gab von Anfang an Situationen, die hätten nach hinten losgehen können.

Inwiefern?

Menschen sind vor der Polizei weggeklettert vom Baumhaus aus, höher hinaufgestiegen. Dann hat die Polizei das Baumhaus heruntergeschnitten, obwohl es noch mit den Strukturen und der Person verbunden war. Die Person hat es geschafft, sich selbst aus der Situation zu befreien. Das hätte aber böse enden können. Sicherheitsabstände bei der Rodung wurden nicht eingehalten. Das war ein großes Risiko für uns in den Bäumen, für die parlamentarischen Beobachtenden, die Presse und die Polizei selbst. Dieses verantwortungslose Arbeiten ist verstörend. Ein Mensch wurde in einer Lage zurückgelassen, die Nacht in den Baumkronen verbringen zu müssen.

Hatten die Leute in den Bäumen zuletzt überhaupt noch Kraft?

Kaum. Ich merke das bei mir, ich habe tagelang kaum geschlafen. Wir pfeifen alle aus dem letzten Loch. Die nächste Zeit wird voll damit sein, die letzten eineinhalb Jahre zu verarbeiten.

Die „Fecher-bleibt“-Bewegung war lange Zeit zusammen – jetzt ist alles, was sie dort aufgebaut hat, kaputtgeschlagen.

Das tut weh. Dieser Ort ist zu einem Zuhause geworden. Ein Ort, der zur persönlichen Entwicklung vieler Menschen, die dort waren, sehr beigetragen hat und immer noch beiträgt. Ich glaube, dass viele, die dazugekommen sind, weiter darüber nachdenken werden, was sie wirklich von ihrem Leben wollen. Der Samen, der hier in so viele Köpfe gepflanzt wurde - ich glaube, daraus wird ein wunderschöner Baum wachsen.

Wie hält man es aus bei der Kälte, in der Höhe?

Man friert halt. Und ansonsten versucht man, nicht alleine zu sein. Wir machen Musik und lenken uns irgendwie ab. Einige versuchen, Wärmflaschen am Start zu haben. Es gab ja während der Räumung für uns gar keine Möglichkeit, den Menschen irgendwas an den Baum zu bringen. Sie hatten teilweise schwere Kreislaufprobleme, kein Essen, kein Trinken, und die Polizei blockierte jede Möglichkeit, ihnen Verpflegung zukommen zu lassen.

Sich nachts abzuseilen während der Räumungsphase, das war nicht möglich?

Schon – aber dann läufst du halt irgendwelchen Polizisten in die Arme und wirst abgeführt.

Empfindet man Angst dort oben?

Eine Mischung aus allen Emotionen, die es gibt. Rasende Angst. Ungewissheit, wenn du den Polizisten den Baum hochklettern siehst, du hast noch keinen Plan, durch welches Fenster der jetzt eindringt, welche Wand er dir mit der Kettensäge rausschneiden wird. Das ist einfach nur Hass, Aggression und Verzweiflung. Du siehst da so viele Uniformierte und denkst dir: Das sind doch auch alles Menschen, die sich gerade dazu entschieden haben, das jetzt durchzuziehen und gar nicht wahrnehmen, was um sie herum passiert. Irgendwann verlässt man mental den Körper und lässt alles über sich ergehen.

Wenn so viele Baumhäuser geräumt sind, am Boden alles zerstört, was bewegt Besetzer, immer noch nicht aufzuhören?

Wir halten den Prozess so lange wie möglich auf. Es endet ja auch nicht mit dieser einen Waldbesetzung wegen dieser einen Autobahn. Was wir zeigen, ist ja, dass es auch grundlegend anders geht. Wir setzen uns zusammen, übernehmen selbst Verantwortung für unsere Leben, wie wir unsere Bedürfnisse miteinander arrangieren, wie wir eine Versorgung mit Essen, Trinken, medizinischer Infrastruktur aufrechterhalten, wie wir uns Freiräume nehmen.

Wie wirkt das nach außen?

Was wir machen, hat so viele Ebenen. Wir machen aufmerksam auf den Kampf, den die Bürgerinitiative Riederwald und das Aktionsbündnis Unmenschliche Autobahn genau an diesem Ort vor 30 Jahren schon geführt haben und sehen dabei, dass diese Autobahn ja auch nur ein Teil einer total veralteten Verkehrspolitik ist, die immer noch Wälder zerstört, obwohl Pakistan zu einem Drittel überflutet ist, obwohl Australien seit Jahren brennt. Jedes Mal, wenn uns Menschen im Wald besucht haben, waren sie hinterher megaaufgeweckt und hatten eine ganz andere Energie als vorher. Oft kommen sie wieder. Eines der nachhaltigsten Dinge, die hier in anderthalb Jahren passiert ist, war, dass wir mit Mitmenschen in Kontakt waren und uns gegenseitig etwas geben konnten.

Insofern ist die Räumung, ähnlich wie in Lützerath, für „Fecher bleibt“ keine Niederlage?

Definitiv nicht. Ich fühle mich nicht, als hätte ich verloren. Egal, was die Polizei macht, was die korrupten Lobbyisten machen – die haben alle schon verloren. Diese Welt fällt auseinander.

Arbeiten Sie noch daran, den Bau des Riederwaldtunnels aufzuhalten?

Es sind jetzt auf jeden Fall viele Menschen angepisst und bringen ihre Wut und Frustration zum Ausdruck mit dezentralen Aktionen. Ich kann mir vorstellen, dass es zu weiteren Blockaden um den Bau der A66 kommen wird und dass Menschen weiterhin auf juristischer Ebene Druck machen.

Und die Gemeinschaft, die im Wald entstanden ist, bleibt?

Das geht gar nicht anders, wir haben ja über anderthalb Jahre miteinander gelebt. Wir standen vor so vielen großen Fragen und Hindernissen. Wir haben immer einen Weg gefunden, der den Menschen, die da waren, so gut wie möglich getan hat. Wir haben versucht, so viel Rücksicht wie möglich aufeinander zu nehmen. Das war wirklich schön. Wir stehen eng zusammen. Das war auch in der Räumung total wichtig. Wenn die Polizei uns abführt, in die Zellen sperrt und uns vereinzelt, soll uns das klein und allein erscheinen lassen. Aber das funktioniert nicht, wenn Menschen sich vor dem Wald versammeln, ganz laut sind und rufen: „Ihr seid nicht allein!“ Das macht was. Das ist total wertvoll, wenn alle solidarisch miteinander sind.

Interview: Thomas Stillbauer

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