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Mainova-Chef zur Energiekrise: „Am kritischsten wird der nächste Winter“

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Von: Christoph Manus

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Trotz der Gaskrise will der Energieversorger Mainova das mit Kohle betriebene Heizkraftwerk im Frankfurter Gutleutviertel durch ein wasserstofftaugliches Gaskraftwerk ersetzen.
Trotz der Gaskrise will der Energieversorger Mainova das mit Kohle betriebene Heizkraftwerk im Frankfurter Gutleutviertel durch ein wasserstofftaugliches Gaskraftwerk ersetzen. © Frank Rumpenhorst/dpa

Der Chef des Frankfurter Energieversorgers Mainova spricht im FR-Interview über die Angst vor noch höheren Gaspreisen, die Abhängigkeit von Gas aus Russland und die Zukunft des Kohlekraftwerks.

Herr Alsheimer, Mainova hat für viele Haushalte in Frankfurt zum 1. Juli die Gaspreise erhöht und nimmt für einige Tarife auch zum 1. August Erhöhungen vor. Ist das erst der Anfang? Worauf müssen sich Ihre Kundinnen und Kunden einstellen?

Sicherlich leider auf höhere Preise. Aus meiner Sicht zumindest für die kommenden zwei Jahre. Danach könnte sich die Lage normalisieren.

In welchem Maß könnten die Preise noch steigen?

Das ist schwer zu sagen. Zurzeit haben wir, denke ich, sehr wettbewerbsfähige Preise. Der Mainova-Grundversorgungstarif für Erdgas ist zum 1. Juli auf 11,3 Cent pro Kilowattstunde gestiegen. Im deutschlandweiten Schnitt liegen die Preise derzeit bereits bei 13,8 Cent. Wir versuchen auch weiterhin, uns bestmöglich einzudecken und faire Tarife zu bieten.

Sie müssen als Energieversorger in Szenarien denken. Was droht, wenn sich die Gaskrise, etwa durch einen (zeitweisen) russischen Lieferstopp, weiter verschärft?

Derzeit ist die künftige Entwicklung auch für uns schwer vorherzusagen. Die kritischste Zeit wird aber wohl der unmittelbar vor uns liegende Winter werden. Wir hoffen, dass nicht die schlimmsten Szenarien eintreten, die auch unsere Wirtschaft stark belasten würden. Wie gut wir durch den Winter kommen, wird nicht nur von den Temperaturen abhängen. Wichtig wäre, dass die derzeit zu knapp mehr als 60 Prozent gefüllten Gasspeicher bis dahin gänzlich gefüllt sind und das geplante Flüssiggasterminal in Wilhelmshaven im Januar fertig wird.

Den Energieversorgern soll es unter bestimmten Voraussetzungen möglich sein, Preise auch für Verträge mit Preisgarantie zu erhöhen. Rechnen Sie damit, dass es dazu kommt und Sie solche Optionen ziehen?

Ich hoffe nicht, dass es zu dieser absoluten Gas-Mangellage kommt, in der das Energiesicherungsgesetz diesen Schritt ermöglicht. Wenn ein Notfallszenario einträte, wäre dieser aber erforderlich, um das Funktionieren der gesamten Energieversorgung sicherzustellen.

Sie haben bereits den kommenden Winter angesprochen. Viele haben jetzt schon Angst, das Konto zu überziehen oder zu frieren ...

Das kann ich nachvollziehen, weil ja auch Nahrungsmittel und viele andere Produkte teurer werden. Wir können letztlich nur raten, alles zu tun, was den Energieverbrauch senkt. Also auch etwa die Heizungsanlage optimal einzustellen.

Für sehr viele Menschen wird der große Schreck erst im kommenden Jahr kommen, wenn sie die Nebenkostenabrechnung für 2022 erhalten. Was raten Sie Mieterinnen und Mietern? Jetzt schon auf Sie oder die Hausverwaltung zuzugehen und vorsorglich höhere Abschläge zahlen?

Ja, das sollen sie auf jeden Fall tun. Wir bieten das unseren Kunden auch aktiv an. In der Krise sollten zudem die Vermieter über Investitionen nachdenken. Neue Heizungen verbrauchen oft deutlich weniger Energie.

Die Linke in Frankfurt fordert „sozialere Tarife“ von Mainova, schlägt etwa vor, dass Menschen, die wenig Gas und Strom verbrauchen, überproportional belohnt werden. Was spricht dagegen?

Wir sind Händler von Energie. Wir kaufen ein und verkaufen. Die Margen sind dabei außerordentlich gering. Wir tun alles dafür, weiterhin faire Preise zu bieten. Die Preiseproblematik, vor der wir stehen, ist aber so immens, dass sie letztlich nur staatlich gelöst werden kann.

Was erhoffen Sie sich denn genau von der Bundespolitik?

Die Energieverbraucher müssen in dieser sehr schwierigen Strom- und Gaspreissituation entlastet werden. Energie darf kein Luxusgut werden. In den Energiepreisen stecken allein 25 bis 40 Prozent staatliche Abgaben, also etwa Mehrwertsteuer, Strom- und Erdgas-Steuer. Derzeit profitiert der Staat also steuerlich von den hohen Preisen. Schon deshalb wäre es angemessen, wenn er entlastend wirken würde, also die Steuern senkt.

ZUr Person

Constantin Alsheimer (53) ist seit 2009 Vorstandschef des Frankfurter Energieversorgers Mainova.

Der promovierte Jurist war zuvor unter anderem als Büroleiter des Frankfurter Kämmerers und als Geschäftsführer der Abfallverbrennungsanlage Nordweststadt tätig.

Der Energieversorger hat zum 1. Juli die Gaspreise für die Grundversorgung kräftig erhöht, zum 1. August steigen die Preise in anderen Tarifen zum Teil stark an.

Das Unternehmen mit etwa 2950 Beschäftigten gehört zu drei Vierteln der Frankfurter Stadtwerke-Holding. Für das vergangene Jahr hat Mainova ein Konzernergebnis von 165,8 Millionen Euro vor Steuern ausgewiesen. Das war ein Plus von 5,8 Millionen Euro im Vergleich zum Vorjahr. cm

Bedroht die Energiekrise Ihr Unternehmen?

Wir sehen keine existenzielle Bedrohung. Die Krise fordert Mainova, wie andere Energieversorger auch, aber außerordentlich stark. Wir sehen Risiken in der Energiebeschaffung in einem nie dagewesenen Maße. Das wird auch für uns ein sehr herausforderndes Jahr.

Wie abhängig ist Mainova von russischem Gas und russischer Kohle?

Wir kaufen an den Handelsmärkten über Großhändler. Wir besitzen keine eigenen Importverträge, so dass wir bei Gas nicht genau wissen, woraus der Mix besteht. In Deutschland war einmal etwa die Hälfte des Gases aus Russland, jetzt liegt der Anteil bei 30 bis 35 Prozent. Ich gehe davon aus, dass die Anteile bei dem Gas, das wir kaufen, ähnlich sind. Kohle erhalten wir inzwischen aus anderen Ländern.

Woher?

Wir testen aktuell eine Mischung mit Kohle aus Südafrika und aus Indonesien.

In welchem Zeitraum könnte es gelingen, den Energiebedarf in Deutschland ohne Gas aus Russland zu decken?

Das könnte schon in ein, zwei Jahren geschafft sein. Gas ist nicht allgemein knapp, der Markt für Flüssiggas ist sehr groß. Wir haben aber noch ein Infrastrukturproblem. Es fehlen Terminals und Schiffe für Flüssiggas.

Ist Flüssiggas nicht teurer als Gas aus Pipelines?

Möglicherweise schon, ja. Aber ich bin sicher: Wir werden künftig auch wieder fallende Gaspreise sehen, allerdings auf einem höheren Niveau als vor der Krise.

Was bedeutet die Krise für die Strategie von Mainova? Werden Sie noch stärker als geplant in erneuerbare Energien investieren?

Wir haben ja vor, in den nächsten fünf Jahren insgesamt 1,8 Milliarden Euro zu investieren. Neben Netzen und Erzeugungsinfrastruktur liegt dabei ein Schwerpunkt auf dem Ausbau der Erzeugungskapazitäten bei den erneuerbaren Energien. Gemeinsam mit Partnern bauen wir derzeit in Brandenburg den zweitgrößten Solarpark Deutschlands. Wir würden gerne weitere Großprojekte in diesem Bereich angehen. Regional würden wir etwa einen Windpark bei Nieder-Erlenbach umsetzen.

Eigentlich soll das mit Kohle betriebene Heizkraftwerk West im Gutleutviertel bis 2026 durch einen wasserstofftauglichen Neubau ersetzt werden, der zunächst mit Erdgas betrieben wird. Ist das trotz der Gaskrise noch geplant?

Wir halten daran fest. Für die Energiewende brauchen wir neben dem Ausbau von erneuerbaren Energien Gase. Schon wegen der möglichen Speicherfunktion von Gasen. Weiter auf Kohlekraft zu setzen, wäre für den Klimaschutz nicht zielführend. Wir wollen ein vorbildliches Kraftwerk bauen, dass so wasserstofftauglich wie möglich ist. Statt 40 Prozent Wasserstofffähigkeit peilen wir jetzt 75 bis 100 Prozent an. Klar ist aber: Bis der nötige Wasserstoff zur Verfügung steht, wird das Kraftwerk mit Erdgas betrieben.

Interview: Christoph Manus

Constantin Alsheimer, Chef des Versorgers Mainova.
Constantin Alsheimer, Vorstandschef des Frankfurter Energieversorgers Mainova, hält es für möglich, den deutschen Energiebedarf in ein, zwei Jahren ohne Gas und Kohle aus Russland zu decken. © Peter Jülich

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