Bahnunterführung statt Schranke an der Oeserstraße.  
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Bahnunterführung statt Schranke an der Oeserstraße.  

Bahnunglück

Frankfurt: Mahnwache in Nied

Nach dem Todesfall am Bahnübergang Oeserstraße gründet sich eine Initiative gegen die Bahnschranke.

Vor zweieinhalb Wochen wurden am Bahnübergang Oeserstraße ein 16-jähriges Mädchen getötet und zwei Menschen schwer verletzt. Die Schranke war nicht geschlossen. Seither erinnern Blumen und Kerzen an das tragische Unglück. Jetzt fanden sich 200 Nieder zur Mahnwache zusammen. Sie kamen mit Schaufeln, Spaten und Mistgabeln in der Hand. Oder mit Bollerwagen, Grabkerzen und Blumen.

Männer, Frauen und Kinder stehen einzeln mit 1,5 Meter Abstand in mit Kreide aufgemalten Kreisen auf dem Parkplatz der Niddahalle. Sie sind traurig und fassungslos. Sie sind einem Aufruf der „Bürgerinitiative Nied: Die Schranke muss weg!“ gefolgt.

„Der Bahnübergang ist eine furchtbar gefährliche Stelle“, sagt Dominik J. (20). Er steht etwas abseits in einem der Kreidekreise und hält eine Schaufel in der Hand. Dominik ist der Bruder der 16-Jährigen, die am Donnerstag, 7. Mai, gegen 20 Uhr von dem durchfahrenden Zug tödlich verletzt wurde. „Es kann so nicht weitergehen“, sagt der junge Mann, der eine blaue Gesichtsmaske mit weißen Sternchen trägt. „Es geht nicht nur um die Züge, sondern auch um Autos, Radfahrer und Fußgänger. Es tut weh zu sehen, wie jetzt nur hin- und hergeschoben wird, wer zuständig sein könnte, statt sofort zu handeln. Es ist wichtig, dass endlich etwas passiert.“

Er ist traurig und blickt über den Platz. „So grauenhaft das Unglück ist – es ist unfassbar toll, dass der ganze Stadtteil bewegt ist“, sagt er. Er fügt hinzu: „Es darf hier kein Unglück mehr passieren.“

Heike und Peter Stoner haben die Bürgerinitiative „Die Schranke muss weg“ auf Facebook gegründet. Nach nur zehn Tagen hat sie bereits mehr als 1100 Mitglieder. „Ich glaube daran, dass sich endlich etwas ändern wird“, sagt Peter Stoner zuversichtlich.

Bis zum Gehtnichtmehr kämpfen

Heike Stoner spricht zu den Leuten. „Wir wollen und werden etwas bewirken und bis zum Gehtnichtmehr darum kämpfen, dass niemand mehr hier in Gefahr gerät, von einem Zug erfasst zu werden.“ Die Initiatoren haben Schutzmasken und Desinfektionsmittel dabei, um die Nieder vor Corona bei der Mahnwache zu schützen.

Mitten auf dem Platz kniet Lena (6) in einem der Kreise und schaut zu, wie ihre Mama Sandra Durchholz Grablichter anzündet. Einen ganzen Beutel voller Kerzen hat sie mitgebracht. „Der Unfall war blöd“, findet Lena.

Die Familie hat die Notbremsung gehört. „Und es hat so viel Tatütata gemacht“, erinnert sich Lena, die nicht nur das Martinshorn gehört, sondern auch den blauen Lichtschein der Einsatzwagen gesehen hat. Sandra Durchholz und Marion Lamik, Lenas Oma, sehen der Kleinen dabei zu, wie sie in ihrer dunkelblauen Regenjacke voller bunter Regenbogen und Wolken immer mehr Kerzen aus dem Beutel herausholt. „Das Unglück hat Lena noch abends im Bett stark beschäftigt.“

Die Versammlung ist leise, die Leute unterhalten sich, ohne die Stimme zu erheben. Während einer Schweigeminute hört man nur Autos, die ihren Weg über den fünfspurigen gefährlichen und kurvigen Bahnübergang suchen.

Ortsvorsteherin Susanne Serke (CDU) beschreibt den 100 Jahre alten Bahnübergang als „bereits vor dem Unfall nicht tolerierbar“. Sie selbst lebte 20 Jahre lang am Bahnübergang. „Schon für meine Mutter war es immer ein Problem, wenn ich zu Freunden auf der anderen Seite wollte. Ihre Sorge ist Realität geworden“, bedauert sie. Susanne Serkes Stimme klingt entschlossen und energisch, als sie hinzufügt: „Der Bahnübergang muss jetzt sicher gemacht werden.“

Von Sabine Schramek

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