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Rapperin Liz aus Frankfurt: „Du kannst Straße und trotzdem gebildet sein“

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Von: Kathrin Rosendorff

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Die Frankfurterin Liz mischt die männerdominierte Rapszene auf. Die Themen der 23-Jährigen reichen von Drogendeals bis Depressionen. Ein Porträt.

Frankfurt – In einer Holzkiste wird Liz, wie ein kostbares Kunstwerk in Luftpolsterfolie gewickelt, ins Städel hineingetragen. Wenig später tanzt die schöne Straßenrapperin im knallroten Outfit vor dem großformatigen Werk „Die Einführung der Künste durch das Christentum“ und rappt mit ihrer tiefen Stimme: „069, Mona Liza. Bitches kriminell, denn ich hänge nur mit Dealern. Yayo in der Pussy, wenn ich sitze in ’nem Flieger.“ Das Musikvideo zu ihrem poppigen Rapsong „Mona Liza“ ist eine Anspielung auf Beyoncés und Jay-Z’s Musikvideo „Apeshit“, das sie im Louvre drehten.

Liz war mit 17 alleine nach Paris gereist, und als sie vor dem berühmtesten Gemälde der Welt steht, sofort berührt: „Die Mona Lisa hat so einen starren Blick, aber schaut man sie länger an, kommt so viel Emotion rüber. Das erinnerte mich an mich“, sagt die 23-jährige Frankfurterin. Deshalb heißt ihr gerade erschienenes Debütalbum auch Mona Liza.

Frankfurt: Rapperin Liz über das Haftbefehl-Dilemma

In der Deutsch-Rap-Welt wird Liz als Newcomerin schon länger gefeiert. Oft wird sie als die weibliche Version des Offenbacher Rappers Haftbefehl bezeichnet: „Es ist ein Kompliment und nervend zugleich. Die Leute wollen einen immer mit jemandem vergleichen. Und weil sie keine Frau finden konnten, haben die Hafti genommen. Wir sind uns kaum ähnlich, außer dass wir straight in die Fresse sind.“

In ihren sehr persönlichen Songs erzählt sie mal laut und wütend, wie sie Drogen an Banker vertickt, die im Maybach ihre Line ziehen, mal emotional und melodisch über Depressionen und das Alleinsein als Schlüsselkind.

Im Frankfurter Ostend ist Liz aufgewachsen. Bis heute liebt sie es; hier zu sein. „Einmal Ostend, immer Ostend“, sagt sie.
Im Frankfurter Ostend ist Liz aufgewachsen. Bis heute liebt sie es; hier zu sein. „Einmal Ostend, immer Ostend“, sagt sie. © Peter Jülich

Ihre echten Namen will sie nicht veröffentlichen, nur als Liz bekannt sein. Sie sitzt auf einer Bank auf dem Paul-Arnsberg-Platz im Frankfurter Ostend, auf der anderen Straßenseite ist die EZB. „Als ich hier aufgewachsen bin, war die EZB noch nicht hier, die Gegend nicht chichi.“ Ihre Mutter lebt immer noch in derselben Wohnung. Während des Gesprächs kommt zufällig ein Nachbarkumpel, der mit ihr aufgewachsen ist, vorbei und fragt: „Hast du lange zu quatschen?“ Sie lacht und lädt ihn ein, sich dazuzusetzen. Beide rauchen.

Rapperin Liz aus Frankfurt: Durchbruch mit Kuseng/Kuzine

Viel Aufmerksamkeit bekommt Liz das erste Mal Ende 2020 mit ihrem Song Kuseng/Kuzine. Eine Frau, die sich Straßenrap im männerdominierten Business traut, lautet das Lob der Musikkritiker:innen. Doch der Anfang sei hart gewesen. „Selbst viele Freunde haben nicht an mich geglaubt. Sie haben gesagt, meine Songs sind zu hart, zu asozial für eine Frau.“ Eine Textzeile lautet: „Ja, ich jag’ kleine Nutten, wenn sie Messer zieh’n / Spiele mit Waffen, nicht mit Puppen auf Adrenalin.“ Liz sagt: „Ich habe mich lange geschämt, das in die Öffentlichkeit rauszutragen. Aber das bin ich. Ich kann als Frau die Musik machen, auf die ich Bock habe.“ Es ärgert sie, wenn Leute auf TikTok ihre Songs posten und dazuschreiben: „Wenn Liz ein Typ wäre, würde ich ihrem Rap zehn Punkte geben.“

Jetzt im Städel in Frankfurt drehen zu dürfen, sei für sie eine Bestätigung. „Als Zwölfjährige habe ich fünf Stunden mit meiner Mutter vor dem Museum in der Schlange angestanden, um die Botticelli-Ausstellung sehen zu können.“

Beim Treffen ist sie sehr entspannt, humorvoll und herzlich. „Aggressiv werde ich nur, wenn ich angegriffen werde. Ich lasse mir nichts gefallen, auch nicht von Männern.“ Dann zeigt sie auf ihre Stirn: „Diese Narbe hier habe ich, weil ich ein Mädchen an Silvester verteidigt habe und mit einer Scherbe verletzt wurde“, sagt Liz und lächelt. Sie sieht ohne Make-up jünger aus als in ihren Videos, ist zierlich und trägt am liebsten bequeme Zweiteiler. Gerne Jogginganzüge, da müsse sie morgens nicht lange vorm Schrank stehen und überlegen, was zusammenpasst.

Rap-Musikerin Liz aus Frankfurt: Mutter hörte in Wehen Moses Pelham

Geboren wird Liz am 3. Juni 1998 im Hospital zum Heiligen Geist. Ihr Geburtsjahr hat sie sich ins Gesicht und auf die Finger tätowieren lassen. „Als meine Mutter in den Wehen lag, hörte sie Moses Pelham“, sagt Liz und lacht. Ihre Mutter liebt auch Azad und Bushido.

„Ich habe Deutsch-Rap also immer zu Hause gehört. Irgendwann habe ich angefangen, die Songs vorm Spiegel mitzurappen. Obwohl ich als Kind nicht verstand, was die da labern, konnte ich die Songs 1a auswendig“, sagt Liz. Als sie weiter erzählt, wird sie ernster. „Meine Mutter hat immer sehr viel gearbeitet, sie hatte zwei Nebenjobs, ging putzen. Sie kam meist nicht vor 21 Uhr nach Hause.“

Ihr Geburtsjahr 1998 und eine Musiknote hat Liz sich als Gesichtstattoos machen lassen.
Ihr Geburtsjahr 1998 und eine Musiknote hat Liz sich als Gesichtstattoos machen lassen. © Peter Jülich

Die Mutter wollte, dass es ihr gut gehe, habe versucht, sie so gut wie möglich zu fördern. „Ich war im Kindergarten und im Hort in Theater AGs. Ich mochte die Schauspielerei. Einmal schickte mich meine Mutter nach Rüsselsheim in einen Theaterkurs, damit mein Türkisch besser wird.“

Die Eltern hatten sich früh getrennt, der Vater sei viel im Nachtleben unterwegs gewesen, später saß er im Gefängnis. In ihrem Song „Apfel“ sagt sie, dass sie ihm verzeiht. „Mein Vater hat auch eine sehr fürsorgliche Seite. Er ist mein Schatz.“ Ihre zwei jüngeren Schwestern, die der Vater mit seiner neuen Frau hat, seien ihre „Prinzessinnen“.

Rapperin Liz über ihre Jugend im Raum Frankfurt: „Wollte krasser sein als die Jungs“

Liz sagt, sie sei früh selbstständig, früh erwachsen geworden. „Das war die gute Seite.“ Die andere, dass sie mit 14 Jahren versucht hat, sich umzubringen. „Ich fühlte mich allein, hatte Depressionen, kein Selbstwertgefühl.“ Sie kommt in die geschlossene Abteilung der Psychiatrie, macht eine Therapie. Sie betont, es habe sie viel Überwindung gekostet, darüber in Interviews zu sprechen. „Aber weil viele Jugendliche heutzutage wegen dieser perfekten Social-Media-Welt an Depressionen leiden, will ich ihnen zeigen: Ich bin auch nicht perfekt. Ich trage Narben auf der Haut.“

Sie sei nicht immer „den geraden Weg“ gegangen, sagt die Frankfurterin Liz. Mit 14 fängt sie an zu kiffen, mit 15, 16 geht es richtig los, sie lernt Leute in Offenbach-Lauterborn kennen, hängt dann dort statt im Ostend ab. „Ich habe nicht nur Drogen verkauft, ich habe geguckt, dass ich überlebe: Einbrüche, Leute abgezogen. Ich wollte nicht wie ein normaler Mensch arbeiten gehen, das wollten wir alle hier nicht.“ Ihr Kumpel nickt. „Ich wollte immer krasser sein als die Jungs, denn die hatten so einen krassen Respekt auf der Straße, den wollte ich auch haben.“

Auf Tour

Im April geht Liz auf Deutschlandtour, auch in Wien spielt sie. Am 9. April endet sie ihre Tour mit einem Konzert im Zoom in Frankfurt-Fechenheim.

Oft steht sie vor Gericht in dieser Zeit. „Irgendwann hat es mir auch für meine Mutter leidgetan. Mehrmals hatte ich Hausdurchsuchungen. Dann bin ich ausgezogen zu Freunden.“ Eigentlich will sie ihr Fachabitur an der Philipp-Holzmann-Schule machen, aber sie sei die ganze Zeit nur am Kiffen gewesen. „Die Leute dachten, dass ich als Cracksüchtige am Hauptbahnhof enden werde. Aber dann habe ich mich zusammengerissen.“

Rapper rät Frankfurter Talent: „Zieh das durch, Liz“

Liz bricht alle Zelte ab, geht für zwei Jahre alleine ins Saarland und macht dort ihr Abitur. „Dort habe ich angefangen, Rap-Texte zu schreiben. Weil ich da die Ruhe gehabt habe und mir auch klarer wurde: ‚Was willst du eigentlich im Leben erreichen?’“ Der erste, der an sie glaubt, nachdem Freunde ihre harten Texte abgelehnt hatten, ist der Offenbacher Rapper Ramo. Das war 2018. „Er sagte: ‚Zieh das durch, Liz. Das wird funktionieren.‘ Das war schon krass, dass er mich unterstützt hat. Denn er hatte damals schon einen gewissen Status in der Szene.“

Überhaupt bekommt sie aus der hiesigen Rapperszene viel Unterstützung: Der Frankfurter Rapper Olexesh lässt sie in seinem Studio ihre ersten Songs aufnehmen. Er will sie auch unter Vertrag nehmen. Aber sie entscheidet sich dagegen. „Ich wollte mein eigener Chef sein.“

Liz beim Dreh ihres Musikvideos „Mona Liza“ im Städel. Foto: dieserbobby
Liz beim Dreh ihres Musikvideos „Mona Liza“ im Städel. © dieserbobby

Sie geht nach Berlin und stellt sich beim Produzententeam FNSHRS. (ausgesprochen „Finishers“) vor, die mit Künstler:innen wie Sido, Stefanie Heinzmann, Nico Santos Hits rausbrachten. „Da hingen überall diese goldenen Popsong-Platten an der Wand, und ich dachte, ich kann hier gleich wieder rausmarschieren, aber die haben meine Songs gefeiert. Sie sagten nicht: ,Lass uns was ändern‘, sondern ,wir verfeinern das‘.“

Auf ihrem Album rappt sie auch mit den gefeierten Bornheimer Rappern Celo & Abdi den Song „Weisst du, was ich mein“. Die frisch aus der Haft entlassene Schwesta Ewa ist Gast-Rapperin bei „Skyline Stories“: Sie erzählen Bahnhofsviertelgeschichten über Dealer, Prostituierte und Koksexzesse aus der weiblichen Perspektive. Frankfurt zu verlassen, wie es etwa Schwesta Ewa getan hat, will Liz auf keinen Fall. „Ich kann mir nicht vorstellen, auf Dauer nach Berlin zu ziehen. Momentan bin ich da nur wegen der Musik. Ich versuche, so viel wie möglich hier in Frankfurt zu sein.“ Aber erst, wenn sie was erreicht hat, will sie in eine eigene Wohnung ziehen. „Ich komme zu 100 Prozent zurück: Einmal Ostend, immer Ostend.“ Momentan wohnt sie bei ihrer Mutter, wenn sie hier ist. Nachdem Liz ins Saarland gezogen war, um ihr Leben neu zu sortieren, hatten sie vier Jahre lang keinen Kontakt.

Frankfurter Rapperin Liz geht im Frühjahr auf erste Konzerttour

In ihrem Song „Mama“ erzählt Liz, wie sie sich bei ihrem ersten Konzert 2021 in Frankfurt wiedertreffen. „Als ich gegangen bin, konnte meine Mutter noch sehen, als ich sie wiedergesehen habe, war sie blind.“ Ihre Mutter, Jahrgang 1977, leidet an einer seltenen genetischen Netzhauterkrankung. „Das hat mich emotional sehr gepackt. Sie berührte mich und fragte: ‚Wie lang sind deine Haare geworden? Wie dünn bist du eigentlich?‘“

Im April geht Liz auf ihre erste Konzerttour. Auf ihrem Arm hat sie wegen ihrer Peugeot-Liebe „206“ tätowiert. Ihren nun schon vierten Peugeot tunt sie gerade mit Flügeltüren und rot-schwarzen Ledersitzen. Ja, sie ist Eintracht-Fan.

Sie sei nicht immer „den geraden Weg“ gegangen, sagt Liz.
Sie sei nicht immer „den geraden Weg“ gegangen, sagt Liz. © Peter Jülich

Am Schluss erzählt sie, dass sie gerne alleine reist, ständig versucht, ihren Horizont zu erweitern. „Du kannst Straße sein und trotzdem gebildet sein.“

Auf Youtube würde sie gerne in Zukunft eine Serie starten: „Kanacken im Museum“. „Ich würde die unterschiedlichsten Leute ins Städel oder Senckenberg-Museum in Frankfurt einladen: Den Drogendealer von nebenan, den Rapper, den Kanacken-Banker, den Kontrolleur, und sie fragen: Was sagst du zu dem Bild?“ Damit wolle sie Jugendliche nicht nur unterhalten, sondern sie ins Museum locken. „Ich würde gerne den Jugendlichen einfach mal was anderes mitgeben. Denn welcher Jugendliche geht heute noch ins Museum?“ (Kathrin Rosendorff)

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