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Büchnerpreisträger Martin Mosebach im Wintergarten seiner Wohnung im Westend.

"Frankfurt liest ein Buch"

Der Wandel des Westends

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Martin Mosebach und sein Roman „Westend“ stehen ab dem 6. Mai im Mittelpunkt des Lesefestivals „Frankfurt liest ein Buch“.

Mehr als ein Vierteljahrhundert ist vergangen, seit dieser Roman erschienen ist. Es war im Jahr 1992, als Martin Mosebach den Band von 820 Seiten vorlegte, ein literarischer Paukenschlag, der den damals 40-jährigen Frankfurter aber dennoch nur einem kleineren Kreis bekanntmachte. „Westend“ hieß das Werk. Es war und ist eine ausgedehnte Trauerarbeit. Über den Wandel eines gutbürgerlichen Wohnviertels in Frankfurt, das eine fehlgeleitete SPD-Planungspolitik der Spekulation anheimgab. Die Folgen sind heute zu besichtigen: Entlang der Bockenheimer und der Mainzer Landstraße reihen sich die Bürohochhäuser, viele Wohngebäude auch in den Seitenstraßen haben den Räumen von Rechtsanwälten, Ärzten, Immobilienfirmen Platz gemacht. 

Einen „großen Verlust für die Stadt“, so nennt der 67-jährige Schriftsteller diese Entwicklung im Gespräch mit der FR noch heute. Vom 6. Mai an steht sein Werk für zwei Wochen im Mittelpunkt des großen Lesefestivals „Frankfurt liest ein Buch“. Und Mosebach absolviert in dieser Zeit mehr als 20 öffentliche Auftritte, wie der Organisator des Fests, Lothar Ruske, ankündigt. Das ist deshalb bemerkenswert, weil der Autor ansonsten sehr zurückgezogen lebt, in seiner Wohnung im Westend. Oder sich in regelmäßigen Abständen in Schreibklausur begibt, in ein Kloster in Oberägypten oder, wie derzeit gerade, in eine Kemenate in Rom. Ein neuer Roman entsteht dort. 

Martin Mosebach: Mit "Westend" begann sein Aufstieg zum renommierten Schriftsteller

Doch jetzt fällt der Fokus erst einmal auf „Westend“, und das ist auch gut so. Mit diesem Buch begann seinerzeit der Aufstieg des Arztsohns zu einem der renommiertesten deutschen Schriftsteller. Mittlerweile hat er mehr als ein Dutzend Romane veröffentlicht, aber auch Essays und Gedichte. 2007 ist er mit dem Georg-Büchner-Preis geehrt worden, der wichtigsten literarischen Auszeichnung in Deutschland. „Westend“ schildert aber nicht nur städtebauliche Veränderungen. Für Mosebach ist das Wichtigste „der Wandel der Mentalität“ im Bürgertum. Ein „antihistorischer Affekt“ habe sich da ausgetobt im Westend und an anderen Orten in Frankfurt. Er habe „sehr vieles zerstört, was den Krieg halbwegs überstanden hatte und hätte gerettet werden können“. 

FR-Gespräch

Die Frankfurter Rundschau lädt im Rahmen des Lesefestivals „Frankfurt liest ein Buch“ zu einem Bargespräch ein.

Am Donnerstag, 16. Mai, ist die FR-Erlebbar im ersten Stock des Hauses am Dom, Domplatz 3, im Foyer aufgebaut.

Martin Mosebach, Autor des Romans „Westend“, und der Frankfurter Architekt D. W. Dreysse unterhalten sich mit FR-Redakteur Claus-Jürgen Göpfert. Die Veranstaltung beginnt um 18.45 Uhr.

Vom 6. Mai bis zum 19. Mai dauert das Lesefestival „Frankfurt liest ein Buch“, es gibt 80 Veranstaltungen in Stadt und Region. Weitere Informationen unter info@frankfurt-liest-ein-buch.de (jg)

Der Autor findet auch im Buch für die Entwicklung, die mit der Revolte des Jahres 1968 endet, deutliche Worte. Da ist zum Beispiel der Kaufmann Fred Olenschläger, der für sein geliebtes Westend nach dem Zweiten Weltkrieg große Umbaupläne hegt, über die aber dann die Spekulation hinweggeht. „Man weiß, dass Olenschlägers großes, lappiges Ohr auf dem Boden lag und weit entferntes Rossegetrabe vernahm. Seine politischen Verbindungen gewährten ihm Einblick in Verhältnisse, die dem Zeitungsleser erst Monate später als Neuheit aufgetischt wurden. Ein böser alter Verdacht schien sich zu bestätigen. Olenschläger war mit seinen Plänen einer vollständigen Umgestaltung des Westends, vor allem aber der Schubertstraße und der angrenzenden Regionen, zu spät gekommen. Als er begriffen hatte, wohin nach dem Krieg die Baupolitik in Frankfurt steuerte, war für ein schnelles Geldverdienen und für glänzende Spekulationsgewinne ein weites und fruchtbares Feld eröffnet, aber eben nicht mehr für die wahrhaft metropolitanen Neugründungen, die Olenschläger im Sinne trug.“ 

Martin Mosebach hat die Veränderung des Westends miterlebt. Er ist von seinem fünften Lebensjahr an dort aufgewachsen und bis heute geblieben. Der Büchnerpreisträger ist kein Linker, sondern ein Konservativer. Er beklagt die Veränderungen der Gesellschaft von einem konservativen Standpunkt aus. Etwa den rücksichtslosen Umgang Frankfurts mit seinem städtebaulichen Erbe. Immobilien seien „zu Konsumartikeln geworden, die weggeworfen werden, wenn sich die Bedürfnisse ändern oder sie steuerlich nicht mehr abgeschrieben werden können“. 

In „Westend“ ist die fein ziselierte Sprache Mosebachs zu erleben, die auch seine späteren Romane prägt. „Die grünen Dämmerungen an den feuchten Abenden der warmen Jahreszeit – so hätte Alfred seine Jugend beschreiben können, denn er fand nicht, daß sein Leben genug Stoff für ganze Sätze enthielt, aber er bewahrte eine Art frommer Dankbarkeit für die Stimmungen, die ihn von seinen ersten Jahren an umhüllt und getragen hatten.“ 

Martin Mosebach: Der strenge Katholik wird als „Reaktionär“ kritisiert

Als junger Mann ist Mosebach der Revolte des Jahres 1968 in Frankfurt ferngeblieben – obwohl er nur wenige Hundert Meter von der Goethe-Universität entfernt lebte. Und obwohl gegenüber von seinem Elternhaus mit dem Kolb-Studentenheim ein berühmter Ort des Aufstands lag. Der Arztsohn aber fühlte sich abgestoßen von der Gewalt der Revolte, sowohl in den Reden wie auch in den Aktionen einiger 68er. 

Der Katholik Mosebach hat in „Westend“ an einigen Stellen deutliche Verweise auf die Bibel implantiert. Als Alfred Labonté, einer seiner zentralen Protagonisten, auf den ersten Seiten des Romans mit seinem geliebten Kanu über den Main paddelt, stößt er auf einen „dunklen Klumpen“, in dem ein tödlich verwundetes, neugeborenes Kind eingewickelt ist. Woher die „tiefe Wunde“ auf dem Rücken stammt, bleibt offen. Aber Mosebach spricht von einem „kleinen Moses, dessen Körbchen gesunken war“. Da blitzt bereits der strenge Katholik im Schriftsteller auf, dessen öffentliche Äußerungen heute immer mal wieder bundesweit für Aufregung sorgen. Von Kritikern wird der Autor als „Reaktionär“ angegriffen. Etwa wenn er wieder die alte Form des katholischen Gottesdienstes einfordert, in dem der Pfarrer das Kreuz anbetet – und dann mit dem Rücken zu seiner Gemeinde steht. Die Kirche dürfe ihre Ursprünge nicht aus den Augen verlieren, hält Mosebach seinen Kritikern entgegen. Aber das ist eine ganz andere Debatte. Das Lesefest mit seinen mehr als 80 Veranstaltungen in Frankfurt und in der Region verspricht in jedem Fall eine spannende Zeit zu werden.

Zur Person:

Martin Mosebach wurde am 31. Juli 1951 in Frankfurt-Sachsenhausen geboren und wuchs von seinem fünften Lebensjahr an im Westend auf.

Er studierte in Frankfurt und Bonn Rechtswissenschaften.

Seit 1980 lebt er als freier Schriftsteller im Westend.

Zu seinen bekannten Werken zählen „Das Bett“ (1983), „Ruppertshain“ (1985), „Westend“ (1992), „Die Türkin“ (1999), „Der Nebelfürst“ (2001), „Mogador“ (2016).

Er ist Träger des Georg-Büchner- Preises, des Heinrich-von-Kleist- Preises, des Kranichsteiner Literaturpreises, des Großen Literaturpreises der Bayerischen Akademie der Schönen Künste und vieler anderer Auszeichnungen. (jg)

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