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Frankfurt: Leben und Sterben zu Hause ermöglichen

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Von: Steven Micksch

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Sabine Becker, Amélie Reuß und Ingmar Hornke wollen das Palliativ-Angebot ausbauen.
Sabine Becker, Amélie Reuß und Ingmar Hornke wollen das Palliativ-Angebot ausbauen. © Monika Müller

Das Palliativ-Team Südhessen besteht seit zehn Jahren und hilft Familien mit lebensverkürzend erkrankten Kindern, die restliche Zeit in vertrauter Umgebung zu nutzen. Doch Corona war ein größer finanzieller Einschnitt.

Es mögen zehn Jahre am Kinder-Palliativ-Team Südhessen dranstehen, doch es stecken 15 Jahre Arbeit darin, weiß Ingmar Hornke, Geschäftsführer der gemeinnützigen Trägergesellschaft Palliativ-Team Frankfurt. Gefeiert wurden im Hörsaalgebäude auf dem Gelände des Universitätsklinikums am Mittwoch aber trotzdem nur die repräsentativen zehn Jahre.

Ein Blick zurück: 2007 beschließt der Gesetzgeber, dass gesetzlich Krankenversicherte einen Anspruch auf spezialisierte ambulante Palliativversorgung haben – auch Kinder. Einige Engagierte, unter ihnen der damalige Direktor der Klinik III am Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin der Uniklinik Thomas Klingebiel, versuchen daraufhin, die Palliativarbeit für Kinder in Hessen weiterzuentwickeln. Es folgen fünf Jahre voller Arbeit, Anträge und Veranstaltungen, bis im März 2012 das Kinder-Palliativ-Team Südhessen an den Start gehen kann. Es ist das erste dieser Art in Hessen, und auch in Deutschland gibt es zu diesem Zeitpunkt erst etwa sechs.

Mittlerweile ist die Zahl bundesweit auf mehr als 30 angestiegen. Hessen hat dabei eine Sonderstellung: Es ist das einzige Bundesland, wo es eine flächendeckende Versorgung gibt. Möglich wird dies durch drei Teams, die jeweils einen Regierungsbezirk (Darmstadt, Kassel, Gießen) abdecken. „Das Wirkungsgebiet des südhessischen Teams umfasst rund 120 Kilometer rund um Frankfurt in alle Himmelsrichtungen, von Neckarsteinbach bis Münzenberg, von Schlüchtern bis Lorch im Rheingau“, sagt Hornke. Die Büroräume befinden sich in Frankfurt-Sachsenhausen.

Die Größe des südlichen Teams ist angesichts der Dimension des Gebiets überschaubar. Sieben Kinderkrankenpflegekräfte und fünf Ärztinnen und Ärzte bilden den Kern. Mit einer Psychologin, einer Sozialarbeiterin und zusätzlichen Menschen in ihrem Freiwilligen Sozialen Jahr liegt die Zahl etwa bei 20. Das Fachpersonal sichert eine 24-Stunden-Betreuung an allen Tagen im Jahr. „Wir brauchen Personal“, gibt der Geschäftsführer unumwunden zu. Aber Fachkräfte zu finden, sei natürlich schwierig. Dass man nicht übertariflich zahlen könne, erschwere die Suche. Finanziert werden die Fachstellen von den Krankenkassen. Und das auch erst seit dem Jahr 2014. In den zwei ersten Jahren habe man die Arbeit komplett aus Spenden finanzieren müssen.

Spenden

Das Kinder-Palliativ-Team Südhessen ist zur Deckung seiner Kosten auch auf Spenden angewiesen.

Wer die Arbeit unterstützen möchte, kann dies über folgende IBAN tun: DE98 5005 0201 0200 4632 33.

Weitere Informationen unter kinderpalliativteam-suedhessen.de mic

Doch was macht das Palliativ-Team genau? „Wir helfen Familien, so viel Leben wie möglich zu Hause zu erleben“, formuliert es Sabine Becker, Ärztliche Leiterin des Kinder-Palliativ-Teams Südhessen. Man ermögliche Familien mit unheilbar kranken Kindern und Jugendlichen, die verbleibende Zeit gemeinsam zu Hause verbringen zu können. Mit der erwähnten 24-Stunden-Rufbereitschaft garantiert das Team eine lückenlose zuverlässige medizinische Versorgung der jungen Patient:innen und die psychosoziale Unterstützung der betroffenen Familien in vertrauter Umgebung. Etwa 120 Familien benötigen pro Jahr diese Hilfe.

Die Begleitzeit der jungen Menschen kann zwischen einem Tag und vier Jahren betragen, wobei längere Zeiträume häufiger vorkommen. Der Anteil der Krebserkrankungen macht 20 bis 30 Prozent aus. Eine Besonderheit des südhessischen Teams ist das Angebot pränataler Versorgung. So werden schon Schwangere beraten, die erfahren haben, dass ihr Kind eine lebensverkürzende Erkrankung hat. „Leider ist dies ein Angebot, was nicht von den Krankenkassen finanziert wird – obwohl es aus unserer Sicht sehr wichtig ist“, sagt Hornke.

Kritik richtet der Geschäftsführer auch an den hessischen Gesundheitsminister Kai Klose (Grüne) und sein Ministerium. Man sei in der Corona-Zeit trotz mehrerer Hilferufe im Stich gelassen worden. Corona-Schutzutensilien mussten selbst finanziert werden, was Mehrkosten von 150 000 Euro brachte. „Ohne Spender und Förderer würde es uns vielleicht nicht mehr geben.“ Hornke hofft auf ein Wiederaufleben des Dialogs zwischen Palliativ-Teams und Ministerium. Die generalistische Pflegeausbildung ohne Kinderpflegespezialisierung und die hohen Fahrtkosten bei jährlich 200 000 Kilometer Fahrtstrecken seien Themen, für die man gemeinsam Lösungen finden möchte.

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