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Dieses Foto des jungen Regisseurs ist eines von unzähligen Stücken aus Fassbinders Nachlass.

Rainer-Werner-Fassbinder-Center

Lange verschollen geglaubtes Geschenk zur Eröffnung des Rainer-Werner-Fassbinder-Centers

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Das Filminstitut eröffnet in Frankfurt das Rainer-Werner-Fassbinder-Center und erhält ein lange verschollen geglaubtes Geschenk.

Zum Clou dieses Festakts gerät das Geschenk der Kulturdezernentin. Ina Hartwig hat einen Mitschnitt der einzigen Aufführung mitgebracht, die das Theaterstück „Der Müll, die Stadt und der Tod“ von Rainer Werner Fassbinder jemals in Deutschland erfuhr. Im Oktober 1985 nämlich gab es eine Generalprobe nur für Journalisten hinter verschlossenen Türen im Schauspiel Frankfurt. Kurz bevor Mitglieder der Jüdischen Gemeinde Frankfurt die Bühne besetzten und so die Uraufführung des Werkes verhinderten, das sie für antisemitisch hielten.

Lange Zeit galt diese Aufzeichnung als verschollen. Aber eine intensive Suche im Archiv der Städtischen Bühnen förderte sie jetzt doch zutage. Die Kulturdezernentin hofft, dass das Video eine sinnvolle Ergänzung der Sammlung sein wird, die an diesem Tag der Öffentlichkeit übergeben wurde. Das DFF (Deutsches Filminstitut und Filmmuseum in Frankfurt) eröffnete sein neues Rainer-Werner-Fassbinder-Center. Den Namen des 1982 verstorbenen größten deutschen Filmregisseurs der Nachkriegsgeschichte trägt nun das Haus Eschersheimer Landstraße 121.

Auf zwei Stockwerken finden sich hier die Sammlungen des DFF, sein Plakatarchiv und natürlich der 2018 erworbene Schriftgut-Nachlass Fassbinders. Mehr als 180 Archivboxen füllen seine Drehbücher, Szenenfolgen, Briefe, Telegramme und vieles mehr.

750 000 Euro kostete der Ankauf aus den Händen der Rainer-Werner-Fassbinder-Foundation (RWFF) in Berlin – die Hauptstadt hatte das Nachsehen gegenüber der Kulturstadt Frankfurt am Main, was deren Vertreter an diesem Tag besonders frohgemut stimmte. 400 000 Euro investierte die Hessische Kulturstiftung, die Kulturstiftung der Länder steuerte 250 000 Euro bei und die Stadt 100 000 Euro. Außerdem finanzierte die Kommune für eine halbe Million Euro den Umbau des ehemaligen Bankgebäudes an der Eschersheimer Landstraße.

Eine Bildungseinrichtung ist entstanden nicht nur für die Studierenden der nahen Goethe-Universität, sondern für Wissenschaftler und andere Interessenten aus aller Welt. An Computerarbeitsplätzen im großen Saal können sie in Zukunft mit den Sammlungsobjekten arbeiten,

Die alte Schreibmaschine des Regisseurs.

Da findet sich die Wurlitzer-Musicbox aus dem Film „Der amerikanische Freund“ von Wim Wenders (1977) ebenso wie Schwarzweißfotos, auf denen der große deutsche Regisseur Fritz Lang mit dem heute 100 Jahre alten Produzenten Artur Brauner zu sehen ist.

Gefeiert wird aber nicht nur das Fassbinder-Center, sondern auch das 70-jährige Bestehen des Deutschen Filminstitutes, das am 13. April 1949 in Wiesbaden als Deutsches Institut für Filmkunde gegründet worden war. Und so drängen sich denn auch im Publikum Ikonen der deutschen Filmgeschichte wie etwa der Regisseur Volker Schlöndorff. Den gebürtigen Wiesbadener, der kürzlich seinen 80. Geburtstag gefeiert hat, verbindet eine besondere Geschichte mit Rainer Werner Fassbinder. 1970 hatte er mit RWF in der Hauptrolle den Film „Baal“ gedreht, die Geschichte eines jungen Dichters, der mit den Regeln der bürgerlichen Gesellschaft bricht.

Auch dieser Film durfte lange nicht gezeigt werden – so wie „Der Müll, die Stadt und der Tod“. Gegen die Verfilmung von „Baal“ nach Bertolt Brechts Vorlage erhob dessen Witwe Helene Weigel Einspruch – erst 2014 (!) konnte die Arbeit auf DVD erscheinen.

Sage also niemand, dass es in Deutschland nicht unterdrückte Werke gebe. Doch davon ist beim Festakt nicht die Rede. DFF-Direktorin Ellen Harrington sieht ihr Haus „fit für die Zukunft“, und Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) freut sich auf die vielen jungen Menschen, die künftig im Fassbinder-Center forschen und studieren werden.

Monika Grütters (CDU), Staatsministerin für Kultur und Medien, würdigt das DFF insbesondere als „Garanten für die Pflege unseres filmischen Erbes“. Denn tatsächlich gehört zu den wichtigen Aufgaben des Filminstituts die fortwährende Digitalisierung der analogen Streifen, die auf diese Weise für die Nachwelt bewahrt werden.

Juliane Maria Lorenz-Wehling, die langjährige Cutterin und letzte Lebensgefährtin Fassbinders, spricht eine Wahrheit gelassen aus: „Rainer Werner Fassbinder braucht keine Denkmäler – seine Filme halten die Erinnerung an ihn auf der ganzen Welt wach.“ Und doch zeigt sie sich gespannt auf die Früchte der wissenschaftlichen Arbeit im Fassbinder-Center.

Einige der Gäste genießen ein ganz besonderes Privileg: Sie sitzen während der Reden auf Fassbinders altem braunen Ledersofa und blicken auf den Flipperautomaten in der Ecke, an dem der Meister in seinem Leben so manche Kugel verdaddelt hatte. So ist der Geist des Regisseurs also doch irgendwie recht präsent auf der Veranstaltung. Einige saßen auf dem alten Sofa des Regisseurs.

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