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Entscheidend ist, was oben rauskommt: Kohlekraftwerk West an der Gutleutstraße.

Klimakrise

Frankfurt: Der lange Weg aus der Kohle

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Mainova rechnet mit „ersten Ergebnissen“ des Entwicklungsplans in sechs Monaten. Klimaschützern dauert der Ausstieg zu lang, die Stadt äußert Verständnis.

Ist es „Wahnsinn“, das Frankfurter Kohlekraftwerk auf Erdgas umzurüsten, wie die Umweltorganisation Klimattac befindet? Und wie geht es überhaupt weiter mit dem avisierten Kohleausstieg? Bis 2025 soll das Fernwärmekraftwerk im Gutleut raus aus der Steinkohle. „Die Mainova beginnt unmittelbar mit den vorbereitenden Maßnahmen“, heißt es in den Richtlinien der Frankfurter Klimaallianz, die das Parlament vor einem Monat beschloss.

Das Projekt ist ein Kernpunkt der städtischen Anpassungsstrategie an den Klimawandel. Was hat sich über den Jahreswechsel getan? „Ein Kohleausstieg bis circa Mitte der 20er Jahre wird derzeit auf technische und wirtschaftliche Aspekte hin bewertet“, teilt die städtische Energieversorgerin auf FR-Anfrage mit. Sprecher Volker Wasgindt: „Mit ersten Ergebnissen des Energieentwicklungsplans ist Mitte 2020 zu rechnen.“

Dieser Plan berücksichtige unter anderem den Netzausbau, den Kundenbedarf an Wärme heute und in Zukunft sowie die Versorgungssicherheit. „Zentrale Prämisse“ dabei: Es müsse „technisch und wirtschaftlich möglich sein, die Wärmeversorgung in der Region jederzeit zu gewährleisten“. Das klingt nach einer Menge Vorbedingungen angesichts des Parlamentsbeschlusses, der da lautet: „Die Umstellung des Heizkraftwerks West von Steinkohle auf Gas soll Mitte des kommenden Jahrzehnts unter erwarteter Mitfinanzierung durch das Kraft-Wärme-Kopplungs-Gesetz stattfinden.“

Geht es aus Sicht des Umweltdezernats schnell genug? „Aus unserer Sicht sollte es natürlich so schnell wie möglich gehen“, sagt Janina Steinkrüger, die Referentin von Dezernentin Rosemarie Heilig (Grüne). Sie äußert aber auch Verständnis: „Das Kraft-Wärme-Kopplungs-Gesetz steht kurz vor der Novellierung. Denkbar, dass die Mainova abwartet, was dabei herauskommt.“ Die für 2020 geplante Gesetzesnovelle wird nach Ansicht der Fachleute den Umstieg von Steinkohle auf Gas finanziell deutlich begünstigen. Gas verbrennt mit weitaus weniger CO2-Emissionen als Kohle. Der städtische Zeitplan steht jedenfalls fest: „Wir gehen davon aus, dass die Umstellung bis Mitte des Jahrzehnts stattfindet“, sagt Steinkrüger.

Was genau wird dann statt Kohle brennen und für Fernwärme sorgen? Mainova-Sprecher Wasgindt: „Neben der Verwendung von Erdgas haben wir auch zum Ziel, das neue Kraftwerk auf den Einsatz von grünem, CO2-befreitem Gas vorzubereiten.“ Falls dem Erdgasnetz künftig Wasserstoff oder „grünes Gas“ beigemischt werde, sollten die neuen Anlagen darauf ausgelegt sein.

Jochen Freyberg von der Frankfurter Klimattac-Gruppe ist von den Plänen in ihrer bisherigen Form und vom Tempo der Umstellungen alles andere als überzeugt. „Tatsächlich gibt es kein grünes, CO2-befreites Gas“, sagt er. Es könne sich allenfalls um Methan handeln, einen deutlich schlimmeren „Klimakiller“, so Freyberg, wenn es in die Atmosphäre gelange, und auch das verursache beim Verbrennen CO2.

Was den Klimattac-Aktivisten empört: Die Mainova hätte längst Gas statt Kohle verbrennen können, denn das Kraftwerk im Gutleut verfüge bereits über einen Gasbrenner, der jedoch fast nie genutzt worden sei – aus Kostengründen, weil Kohle stets günstiger war. Diesen Gasbrenner nicht zu nutzen, sei „Wahnsinn, denn durch nichts anderes hätte man so günstig CO2 einsparen können“, kritisiert Freyberg. Jetzt noch ein neues Methangas-Kraftwerk zu bauen, „wäre aber ein noch größerer Wahnsinn, weil unser Spielraum für weitere Treibhausgase wahrscheinlich schon vor 2030 gegen Null tendieren wird“. Dann soll die Verbrennung fossiler Energieträger endgültig vorbei sein.

Allerdings geht in der Bundesrepublik immer noch oft Wirtschaftlichkeit vor Klimafreundlichkeit. Erst jüngst verzichtete die Bundesregierung darauf, die Inbetriebnahme eines neuen Kohlekraftwerks in NRW zu verhindern, weil sonst eine hohe Entschädigungszahlung fällig geworden wäre.

Bekanntlich will Frankfurt bis 2050 seinen CO2-Ausstoß um 95 Prozent gegenüber dem Stand von 1990 reduzieren. Bisher sind die Emissionen laut der jüngsten Statistik aus dem November aber lediglich um 20 Prozent gesunken, vor allem dank moderner Wärmedämmung und Heizungssanierung. Der Kohlendioxidausstoß im Verkehr nahm sogar zu, ebenso der Energieverbrauch in der wachsenden Metropole. Die Zahlen reichen bis 2017; nächste Erhebung: 2022 für den Zeitraum bis einschließlich 2020.

Nicht nur den schärfsten Kritikern geht die Energiewende zu langsam; die Frankfurter „Fridays for Future“-Gruppe forderte im Umweltausschuss vorige Woche vehement, ab sofort keine Kohle und ab 2022 auch kein Gas mehr zu verbrennen. Auch Forschungsinstitute wie das Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE) konstatieren im Gespräch mit der FR angesichts des eingeschlagenen Tempos: „Das reicht nicht.“

Zurück zum Kohle- und künftigen Gaskraftwerk. Warum nimmt die Mainova nicht einfach den vorhandenen Gasbrenner in Betrieb und verzichtet auf den Neu- oder Umbau eines neuen, zweiten Gasbrenners? „Die bisher installierte Wärmeerzeugungsleistung muss auch zukünftig beibehalten werden“, betont Sprecher Wasgindt. „Daher sind ein Ersatz und ein damit verbundener Neubau von Kraftwerksleistung erforderlich.“ Im Interesse einer sicheren und zuverlässigen Wärmeversorgung sei eine Reserve notwendig, „für den Fall eines ungeplanten Anlagenausfalls“.

Wenn Gas bisher aus Kostengründen nicht der klimaschädlicheren Kohle vorgezogen wurde, wie wird sich der Fernwärmepreis künftig für die Kunden entwickeln? Das hänge von vielen Faktoren ab, etwa von der Kraft-Wärme-Förderung und von den Marktpreisen, auch jenen für CO2, erläutert Wasgindt: „Grundsätzlich soll die Fernwärme für den Kunden ein attraktives Produkt bleiben.“ Ob sie das ist – attraktiv –, wird sich letztlich nicht nur über den Preis einer Kilowattstunde definieren.

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