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Frankfurt: Land unter im Kaninchenhaus

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Von: Thomas Stillbauer

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Stallhase Zarko, Deutscher Riese, und Elena Grauel, Azubi, im völlig ausgebuchten Kleintierhaus des Tierheims.
Stallhase Zarko, Deutscher Riese, und Elena Grauel, Azubi, im völlig ausgebuchten Kleintierhaus des Tierheims. © Rolf Oeser

Das Frankfurter Tierheim ist völlig überfüllt – und schuld ist wieder mal der Mensch.

Um die 500 Tiere betreut der Frankfurter Tierschutzverein (TSV) normalerweise in seinem Domizil in Fechenheim. Im Januar war die Zahl auf knapp 600 gestiegen – „das ist unsere Obergrenze“, hieß es damals. Und jetzt? „Wir stehen bei 650“, sagt Tierheimleiterin Sabine Urbainsky. „Daran sehen Sie schon, was bei uns los ist.“

Viel ist los. Das hängt unter anderem mit den Sommerferien zusammen. Aber vor allem mit Corona. Sorgte im vorigen Winter schon eine zwei Meter lange Madagaskar-Boa für Schlagzeilen, die im Büro der Chefin untergebracht war, weil sonst einfach kein Platz mehr war, sind es längst auch etwas harmlosere Tiere, die Sorgen machen. „Im Kleintierhaus ist Land unter“, sagt Urbainsky. An die 40 Kaninchen wohnen da. 13 wurden schon ausgelagert nach Florstadt-Nieder-Mockstadt auf den Gnadenhof des TSV. Er hat dafür eigens eine neue Unterkunft für die Langohren gebaut. „Es platzt alles aus den Nähten.

Zwölf ausgesetzte Ratten nahmen die Tierschützer auf. Die mussten am Anfang aus Platzgründen zusammen untergebracht werden. „Jetzt sind es 57.“ Auch bei den Katzen ist inzwischen praktisch jeder Winkel belegt. Ein ähnliches Bild bei den Vögeln. 13 Papageien leben im Heim, so viele wie noch nie.

Was auffällt: „Viele der Tiere, die zu uns gebracht werden, sind ein oder zwei Jahre alt“, sagt Sabine Urbainsky. Ein deutlicher Hinweis darauf, dass sie seit Beginn der Corona-Pandemie angeschafft wurden, vielleicht als Gesellschaft im Zuhausebüro. Kehrt der Mensch dann an seinen offiziellen Arbeitsplatz zurück, sind die Gefährten allein. Oft werden sie dadurch verhaltensauffällig. „Dann heißt es jetzt häufiger: Der Hund hat in der Familie jemanden gebissen.“

HERBSTFEST & Basar

Zum „Basar rund ums Tier“ und Herbstfest lädt der Tierschutzverein Frankfurt/Main und Umgebung für Samstag, 10. September, ins Tierheim nach Fechenheim ein, Porschestraße 2-4. Es gibt neue und gebrauchte Dinge zu kaufen und natürlich Tiere zu sehen.

Wer als Fachkraft einen Job sucht oder dem Tierheim helfen will, findet Stellenausschreibung und Spendenkonto auf der Internetseite www.tsv-frankfurt.de

Dort ist auch ein Extra-Spendenaufruf für den Umbau eines Kellerraums als Reptilienabteilung. Die Terrarien, heißt es, stapelten sich im Büro der Tierheimleiterin inzwischen bis unter die Decke.

Bis zu 20 Anfragen pro Woche von Leuten, die ein Tier abgeben wollen, kommen rein – die meisten inzwischen von außerhalb Frankfurts; auch die kleineren Tierheime in der Region sind komplett überlastet. Die Tierhotels: allesamt ausgebucht. Nach den Ferien wird es nicht unbedingt einfacher, schwant den Fachleuten. Die Tierarztkosten dürften immens steigen, weil unter anderem Medikamente teurer werden. Hinzu kommen die Probleme mit der Gasversorgung wegen des russischen Überfalls auf die Ukraine. „Im Winter wird es interessant mit den Reptilien, dann wirkt sich die Energiekrise aus.“ Die Schlangen und Echsen brauchen Wärme. „Da werden uns einige ihre Tiere bringen – oder die Leute schmeißen sie einfach raus.“ Urbainsky hat in dieser Hinsicht schon in viele menschliche Abgründe gesehen. „Reptilien hört man nicht, wenn sie sterben.“

Auch die Personalsorgen sind im Tierheim akut. „Es gibt kaum Fachkräfte auf dem Markt.“ Und erstaunlich, sagt die Heimleiterin: „Viele wollen nicht mehr den ganzen Tag arbeiten.“ Der Verein hat die Arbeitswoche vom Sechs- auf einen Fünf-Tage-Turnus verkürzt, er bietet einen kostenlosen Parkplatz, Gratisgetränke, weitere Vergünstigungen. Zieht alles nicht. Arbeitswelt 2022.

Auf dem Gelände sind auch Tiere von ukrainischen Kriegsflüchtlingen, die der Verein kostenlos versorgt. Da hilft es, dass die Fechenheimer Einrichtung eine eigene Quarantänestation hat.

Wer sich für ein Tier interessiert, findet jetzt wieder gelockerte Besuchsregelungen gegenüber der ersten Corona-Phase. Dienstag, Freitag und Samstag ab 14 Uhr können Gäste die Kleintiere und Vögel besuchen. Bei Hunden und Katzen funktioniert das nur nach Terminvereinbarung. „Den Hunden geht es viel besser, seit da nicht mehr ständig so viele Leute durchlaufen.“ Das Team registriert deutlich weniger Stresskrankheiten bei den Tieren. „Ohne Corona hätten wir das wahrscheinlich gar nicht umgestellt“, sagt Sabine Urbainsky. Da hat das Virus tatsächlich mal ein Gutes gehabt, wenigstens für Tierheimhunde.

„Sie müssen leider draußen bleiben.“ Katzenstation, auch voll.
„Sie müssen leider draußen bleiben.“ Katzenstation, auch voll. © Rolf Oeser

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