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Mit Mundschutz darf man im Städel wieder Kunst bewundern.

Lockerungen

Frankfurt: Von Kunst und Ruderboot

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Die Frankfurter tasten sich eher langsam an die neue Normalität heran.

Auf diesen Moment hat Jan Hendrik sich seit Monaten gefreut. Es ist kurz vor elf am Samstagmorgen, als der 16-Jährige sein schmales Ruderboot auf den Anleger unterhalb des Holbeinstegs schleppt und es vorsichtig auf das Wasser des Mains setzt. „Es ist das erste Mal, es ist echt super schön“, sagt der Jugendliche, und man kann die Begeisterung in seinen Augen richtig blitzen sehen. „Da hab ich lange drauf gewartet.“

Für viele Sportbegeisterte in Frankfurt ist dieser wolkenverhangene Samstag nicht irgendein Tag. Ab heute dürfen alle Sportarten, bei denen man einen Abstand von eineinhalb Metern zu anderen Menschen einhalten kann, wieder betrieben werden. Die neusten Lockerungen der Einschränkungen wegen der Coronavirus-Pandemie in Hessen machen’s möglich. Für die Ruderer von der traditionsreichen Frankfurter Rudergesellschaft Germania bedeutet das: Sie können endlich wieder aufs Wasser.

Endlich wieder trainieren: Jan Hendrik freut sich auf seine erste Rudertour auf dem Main.

Jan Hendrik ist schon seit fünf Jahren begeisterter Rudersportler. Aber seit dem vergangenen Herbst sei er nicht mehr auf dem Main gewesen, sagt er. Der Saisonstart im März fiel wegen der Coronavirus-Pandemie aus, seitdem war alles untersagt. Jan Hendrik zieht seine Schuhe aus, legt sich seine Ruder zurecht, die im Fachjargon „Skulls“ heißen, und macht sich bereit zum Ablegen. Leider dürfe man bis auf weiteres nicht in Zweier- oder Viererbooten trainieren, sagt der 16-Jährige noch, sondern nur im Einer. Aber er sei trotzdem glücklich. Und dann legt er ab und fährt mit kräftigen Ruderschlägen mainabwärts. Die Nächsten warten schon: Mehrere Jugendliche tragen weitere Boote ans Wasser, alle sichtlich begeistert, endlich wieder starten zu dürfen.

Es sei Zeit, dass das Training wieder losgehe, sagt Marvin Overbeck. Der 27-jährige Student ist Trainer bei der Germania und sieht zu, wie seine Schützlinge sich startklar machen. Seit Wochen könnten die Sportler nur an der Rudermaschine üben oder mit Joggen ihre Kondition halten, sagt Overbeck. Aber richtig trainieren könne man nur auf dem Main. Deshalb sei jetzt viel zu tun. „Vor allem müssen wir sehen, dass wir mit den Kader-Leuten wieder aufs Wasser gehen, damit wir die wieder fit kriegen.“ Wer Wettkämpfe bestreiten wolle, brauche Tausende von Trainingskilometern, sagt Overbeck. „Die fehlen jetzt natürlich.“ Und dann geht er zu seinem Motorboot, um das Training vom Wasser aus beobachten zu können.

Am Eingang des Städel gibt es Desinfektionsmittel.

Während die Ruderer begeistert loslegen, sind Susanne und Hugo Preiss ein paar Meter weiter auch voller Vorfreude. Das Ehepaar, das aus der Nähe von Bad Vilbel nach Frankfurt gekommen ist, will ins Städel-Museum, das heute erstmals seit der coronabedingten Schließung geöffnet hat. „Es ist schön, dass einiges wieder aufmacht“, sagt Susanne Preiss, während sie auf der großen Treppe vor dem Museum ihren Mund- und Nasenschutz anlegt. Sie sei froh, wieder Kunst sehen zu können, und traurig, dass Kinos und Theater wohl noch eine ganze Weile geschlossen bleiben.

„Man muss mal was anderes erleben als die heimischen Wände“, sagt Hugo Preiss. Seit Wochen sei er im Homeoffice, das sei auch okay, „aber schön ist was anderes“. Ihm fehle vor allem das soziale und kulturelle Leben. Deshalb seien er und seine Frau sich einig gewesen, sofort am ersten Tag ins Städel zu wollen.

Allzu viele Kunstfreunde sind es zunächst nicht, die ihren Weg in das Museum finden. Am Vormittag sind es nur ein paar Dutzend, die mit Atemmasken an der mit Plexiglas geschützten Kasse vorbeigehen und durch die Ausstellungen streifen dürfen. Erst später am Tag werden es dann ein paar mehr. Natürlich werde es vorerst keinen Normalbetrieb geben, sagt Franziska von Plocki, Pressesprecherin des Städel, die ebenfalls mit Maske im Eingangsbereich zusieht, wie die ersten Besucher hereinkommen. Aber man sei „sehr froh“, überhaupt öffnen zu können. „Es ist schön, die ganzen Kollegen wiederzusehen und endlich die Ausstellungen zeigen zu können.“

Maximal 200 Besucher dürfen pro Stunde ins Städel.

Für die Wiedereröffnung hat das Städel sich einige Mühe gemacht, es gibt Abstandsregeln und Hinweisschilder, es herrscht Maskenpflicht. Maximal 200 Menschen dürfen pro Stunde in das Museum. Im Internet werden Zeitkarten verkauft, um den Zustrom zu regeln. In den letzten Wochen habe man in den sozialen Netzwerken und neuen Online-Formaten experimentiert, sagt von Plocki. „Aber das Museum lebt von der Begegnung.“

Am Mainufer und in der Innenstadt herrscht derweil nicht besonders viel Betrieb. Vielleicht liegt es an der Pandemie, vielleicht auch am Nieselregen, der immer wieder fällt. Die Frankfurter jedenfalls scheinen sich eher vorsichtig an die neue, gelockerte Realität heranzutasten: Auf der Zeil sind immer noch wenige Shopper unterwegs, die meisten halten Abstand, viele tragen auch auf der Straße eine Maske. Ab und an sieht man Jugendliche, die unerlaubterweise in größeren Gruppen unterwegs sind. Normalität gibt es noch lange nicht am Main.

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