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Jana Mattern (Gemeindeschwester) macht einen Hausbesuch bei Seniorin Helga Domert (79), hier im Wohnzimmer der neuen Wohnung.

Gemeindeschwester

Frankfurt: Die Kümmerin für alte Menschen

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Jana Mattern, examinierte Altenpflegerin, ist Gemeindeschwester – eine von noch 18 in Hessen.  

Ein paar Minuten steht Jana Mattern inzwischen vor der Tür. Erneut drückt sie auf die Klingel. Und wieder öffnet keiner. Doch sie ist geduldig. „Wahrscheinlich hört Frau Domert die Klingel nicht“, sagt die 33-Jährige und fügt zur Beruhigung hinzu: „Das passiert sehr oft.“ Sie geht ums Haus herum zu der Seite, wo die Balkons liegen. „Frau Domert, Frau Domert“, ruft sie. Irgendwann erscheint ein grauer Kopf. „Ich mache Ihnen auf.“ Das Radio habe so laut gedudelt, sie habe noch schnell die Küche geputzt.

Jana Mattern hat einen Beruf, der vor rund drei Jahrzehnten in der Versenkung verschwand. Die examinierte Altenpflegerin ist Gemeindeschwester – eine von noch 18 in Hessen. Acht von ihnen werden vom Land Hessen gefördert, die anderen sind bei einer Arztpraxis oder einem Medizinischen Versorgungszentrum angestellt. In Großstädten gibt es so etwas nicht.

Mattern ist Kümmerin, sie hilft beim Ausfüllen von Anträgen, Papierkram mit der Pflegekasse, dem Vermieter, bei der Suche nach einer Haushaltshilfe. Der Bedarf ist groß. 65 Kunden hat die Frau mit dem Dienstrad gewonnen, seit sie im Februar die Stelle antrat. Angestellt ist sie bei der Gemeinde Nauheim im Kreis Groß-Gerau. Ihr Gehalt zahlt bis Jahresende die Landesregierung aus dem Topf der Offensive „Land hat Zukunft – Heimat Hessen“, das die Attraktivität der ländlichen Regionen erhalten soll, auch um Landflucht zu verhindern. Was danach geschieht, steht in den Sternen. Die Gemeinde kann ihre Stelle nicht finanzieren. Die Landesregierung hat das Programm jetzt verlängert. Doch die Stadt muss einen neuen Antrag stellen, so die Auskunft aus dem Sozialministerium.

Im Vogelsbergkreis sind sogar zwei Gemeindeschwestern unterwegs. Anders als dort gehört Nauheim nicht zu den Gegenden, wo die Jungen in die Metropolen ziehen und die Alten zurückbleiben. Im Gegenteil: Nauheim wächst, so wie das gesamte Rhein-Main-Gebiet, sagt Bürgermeister Jan Fischer (CDU), es zählt mittlerweile 10 000 Einwohner. Neubaugebiete auszuweisen sei wegen des Fluglärms zwar nicht mehr möglich. Doch derzeit finde ein Generationswechsel statt: Junge Familien beziehen jetzt jene Häuser, die am Ende von einem einzigen alten Menschen bewohnt worden sind. Nicht wenige kommen aus den umliegenden Großstädten, weil es dort zu eng und zu teuer ist. Pendeln ist kein Problem: In rund 20 Autominuten seien Wiesbaden, Mainz oder der Flughafen erreichbar, sagt der Bürgermeister. Die Lage sei für viele Familien attraktiv.

Der Druck auf den Wohnungsmarkt ist auch in Nauheim groß. Das bekam Helga Domert zu spüren, als sie nach dem Tod ihres Mannes eine kleine, günstigere und ruhigere Bleibe suchte. „Das hat über drei Jahre gedauert“, sagt die 79-Jährige. Und schließlich war es Jana Mattern, die die Zwei-Zimmer-Wohnung für sie fand. „Ich weiß nicht, wie sie das gedreht hat.“ Die 33-Jährige lüftet das Geheimnis, das eigentlich keines ist: Die Baugenossenschaft nimmt nur Online-Bewerbungen entgegen, sie hat sich bei ihr deshalb schon beschwert. „Alte Leute haben meist kein Internet.“

Ende Juli also zog die 79-Jährige in die geräumige Erdgeschosswohnung. Mit den Nachbarn hat sie schnell Kontakt geknüpft. „Ich bin überglücklich.“ Jetzt muss nur noch das Bad umgebaut werden. Dazu benötigt sie einen Kostenvoranschlag, die Zustimmung des Vermieters, den Pflegegrad 1, damit die Pflegekasse Geld dazugibt. Das muss alles in der richtigen Reihenfolge passieren, weiß Mattern. Sonst bleibt die Seniorin womöglich auf den Kosten sitzen. Für sie gibt es also noch einiges zu tun.

Als Gemeindeschwester ist sie in Nauheim zwar Einzelkämpferin. Doch sie versteht sich als Teil des Hilfenetzes aus Hausärzten, den Rathauskollegen oder dem Pflegestützpunkt. Da ist der Dialyse-Patient, der einen Transportschein benötigt. Die Seniorin, die den Haushalt nicht mehr alleine schafft. Es kann auch sein, dass das Standesamt sich meldet, wenn ein Mensch nach dem Tod seines Partners womöglich Hilfe braucht. In solch einem kleinen Ort wie Nauheim sind die Wege kurz, man kennt sich. Und man sagt Bescheid, wenn jemand Hilfe benötigen könnte.

„Vormittags im Büro, nachmittags Hausbesuche.“ So sieht im Idealfall ihre Arbeitswoche aus. Aber jetzt muss sie noch den Kaffee probieren, den Frau Domert frisch aufgebrüht hat. Und Plätzchen gibt es selbstverständlich auch.

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