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Frankfurt: Konzerte im Eisschrank

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Von: Andreas Hartmann

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Musiker im Mantel: Der Schlussapplaus der Band „The Ohohohs“ in der eiskalten Frankfurter Katharinenkirche. Bild: Andreas Mechmann
Musiker im Mantel: Der Schlussapplaus der Band „The Ohohohs“ in der eiskalten Frankfurter Katharinenkirche. Bild: Andreas Mechmann © Andreas Mechmann

Die Frankfurter Kirchen bleiben in diesem Winter ungeheizt – das schreckt das musikbegeisterte Publikum bisher aber noch nicht ab

Der Anblick der Sängerin in der Frankfurter Katharinenkirche lässt frösteln. Die Sopranistin Maja Bader singt beim Konzert der Band „The Ohohohs“ das Salve Regina des italienischen Barockkomponisten Alessandro Grandi im glitzernden Paillettenkleid. Besonders warm schaut das nicht gerade aus. Draußen liegt die Temperatur knapp über dem Gefrierpunkt, und drinnen unter dem riesigen Gewölbe der evangelischen Kirche an der Hauptwache ist es ebenfalls sehr frisch. Wenn sie nicht singt, steht die Sängerin an der Seite, in einen dicken Mantel gehüllt.

Die Frankfurter Kirchen werden in diesem Winter bisher nicht geheizt, weder für Gottesdienste noch zu den doch ziemlich zahlreichen Adventskonzerten. Damit soll angesichts des Ukraine-Kriegs wie überall im Land Energie gespart werden, das hatten evangelische und katholische Gemeinden in der Stadt im Herbst als Zeichen der Solidarität beschlossen. Wie kalt mag das Kirchenschiff wohl sein? „Ich messe die Temperatur immer mit meinem Atem“, sagt Schlagzeuger Florian Dreßler lachend. „Wenn man ihn nicht sieht, ist es wohl noch über 10 Grad.“

Der Schlagzeuger und sein Compagnon von den Ohohohs, der Pianist Florian Wäldele, haben mit 20 Mitmusiker:innen ein Konzert quer durch die Musikgeschichte von Klassik bis Rock arrangiert, dazu eigene Kompositionen, die hier uraufgeführt werden. „Pandemia – Eine musikalische Vanitas“ passt mit seinem Nachdenken über die Vergänglichkeit gut in den eisigen Kirchenraum.

Das Publikum lauscht deshalb im Wintermantel, viele tragen Mützen, Schals und Handschuhe. Abgeschreckt hat das offenbar nicht, die Kirche ist am Samstagabend vor dem zweiten Advent ausverkauft. Rund 550 Leute passen hier hinein, die Nachfrage war sogar noch deutlich größer, wie Dreßler berichtet. „Das freut uns total! Für uns war es ein lang gehegter Traum, das mit einem Orchester zu machen. Geplant hatten wir die Premiere in der Katharinenkirche ja schon, bevor der Ukraine-Krieg ausgebrochen ist. Wir haben jetzt mit offenen Karten gespielt und den Leuten vorher gesagt, dass es hier ziemlich kalt werden könnte“, meint er.

Eigentlich sei ihm das gar nicht aufgefallen, meint ein Besucher beim Hinausgehen. „Erst hier draußen merke ich, dass es doch ganz schön frisch war. Ein bisschen wärmer war es ja dadurch, dass es so voll war. “

Dreßler selbst hat die Kälte während des Konzerts gar nicht gespürt, wie er erzählt. „Normalerweise sind wir hinterher klatschnass geschwitzt, aber dieses Mal musste ich beim Spielen nicht mal mein Jackett ausziehen“, sagt der Schlagzeuger. „Zum Glück hatten wir einen Digitalflügel,. Ein herkömmlicher hätte sich wohl sofort verstimmt bei der Temperatur.“ Wie ist ihm das Konzert bekommen? „Mir geht es gut, aber ehrlich gesagt hat sich unsere Sängerin erkältet. Sie ist inzwischen aber auf dem Weg der Besserung.“

Im Frankfurter Kaiserdom ist es an diesem Donnerstag sogar noch kälter. Der Atem nebelt, der katholische Dom mit seinen himmelhohen gotischen Gewölben ist noch um einiges größer als die Katharinenkirche. Auch in normalen Wintern, wenn die Umluftheizung läuft, ist es hier recht frisch, jetzt aber sind es grade mal 9 Grad, wie Dommusikdirektor Andreas Boltz berichtet. Das geht dann schon allmählich Richtung Eisschrank. „Vor einer Woche waren es noch zwei Grad mehr“, meint er. Abends ist ein lange geplantes, mehrfach verschobene Chorkonzert mit dem bekannten britischen Vokalensemble „Voce8“ geplant, das längst ausverkauft ist, trotz der aktuellen Temperaturen.

Die Dreikönigskirche am gegenüberliegenden Mainufer hat nach dem ersten Advent ihre Orchesterkonzerte über den Winter angesichts solch frostiger Aussichten abgesagt. Boltz, der auch Domorganist ist und regelmäßig während der Gottesdienste und bei Orgelkonzerten spielt, will hingegen weitermachen. Kommende Woche gibt es hier ein Bläserkonzert, dann folgen die großen Weihnachtsgottesdienste mit Chören.

„Ich selbst bin glücklicherweise ziemlich unempfindlich gegen Kälte und Hitze“, meint er. „Mit Mütze würde ich nie spielen! Man darf auch nicht vergessen, dass es gar nicht so wenige Kirchen ganz ohne Heizung gibt.“ Allerdings, so gibt er zu bedenken, gelte für Musiker, die im Dom auftreten, natürlich das Arbeitsrecht. In Räumen, die kälter sind als 16 Grad, muss niemand auftreten, wenn er nicht will. „Ich verstehe das. Meine Frau ist Geigerin, sie sagt immer, sie spielt nur von O bis O im Dom, von Ostern bis Oktober. Aber wir haben so viele Konzerte wegen der Corona-Pandemie verschoben, dass es sehr kompliziert werden würde, schon wieder abzusagen“, meint er. Absagen hat er bisher noch nicht bekommen.

Nun gibt es da auch noch ein ganz anderes Problem neben frierenden Orchestern und ihrem bibbernden Publikum. Die Orgel, Königin der Instrumente, fest eingebaut und äußerst wertvoll, beginnt irgendwann zu mucken. Fast 9000 Pfeifen aus Holz und Metall hat die des Kaiserdoms. Zehn Meter lang sind die größten. Sie dehnen sich bei Wärme aus, ziehen sich bei Kälte zusammen und seien eben nicht beliebig belastbar, sagt Boltz.

„Gestimmt sind alle Orgeln bei einer Temperatur von 16 Grad. Mit jedem Grad mehr oder weniger verändert sich der Klang“, berichtet der Organist. „Wenn wir zehn Grad weniger haben, sind das acht Hertz, das entspricht etwa einem Sechstelton tiefer. Irgendwann kann man dann nicht mehr mit den anderen Instrumenten zusammenspielen. Wir haben demnächst ein Konzert mit Harfe und Orgel. Da habe ich schon Bauchschmerzen, wenn ich daran denke, ob das noch funktioniert mit den Tonhöhen.“

Besonders empfindlich reagieren Orgeln aber auf zu trockene oder zu feuchte Luft. Steigt die Luftfeuchtigkeit über 60 Prozent, kann sich Schimmel bilden, der Schaden wäre immens. Zumindest dann springt im Frankfurter Dom automatisch die Heizung an, mehr als 8 Grad werden es aber nicht. In ländlichen Kirchen kann es übrigens auch noch deutlich kälter werden. Dann friert durchaus mal das Weihwasser ein.

Dommusikdirektor Andreas Boltz lässt sich von der Kälte nicht abschrecken. Bild: Christoph Boeckheler
Dommusikdirektor Andreas Boltz lässt sich von der Kälte nicht abschrecken. Bild: Christoph Boeckheler © christoph boeckheler*

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