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FR-Chefredakteurin Bascha Mika streitet mit ihren Podiumsgästen Christiane von Rauch, Michael zu Löwenstein und Gaby Hagmans (v. l.).

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Kontroverse über Abtreibungen in Frankfurt

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Die FR lädt unter dem Motto „Mein Körper, meine Entscheidung“ zu einer Diskussion ein. Dabei geht es um den Paragrafen 218 und umstrittene Mahnwachen.

Als das erste Mal so richtig Beifall aufbrandet, läuft die Debatte schon eine Weile. Soeben hat die Ärztin Christiane von Rauch sich über Befürchtungen empört, eine Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen könnte die Zahl der Abtreibungen erhöhen und auch zu mehr Abbrüchen kurz vor der Geburt führen. In Kanada, wo Abtreibungen nicht verboten seien, sei das nicht so, sagt von Rauch. Und es sei unmöglich, Frauen zu unterstellen, sie würden leichtfertig noch im neunten Monat abtreiben. „Was ist das für eine abartige Vorstellung?“, ruft von Rauch. Großer Applaus unter den vielen Frauen im Saal.

Es ist ein kontroverser Donnerstagabend im Haus am Dom. „Mein Körper, meine Entscheidung“ lautet das Motto der Diskussion über den Paragrafen 218 des Strafgesetzbuches, der Abtreibungen unter Strafe stellt. Chefredakteurin Bascha Mika wählt als Moderatorin einen ungewöhnlichen Einstieg: Sie fragt ihre Gäste nach Situationen, in der andere über ihren Körper entscheiden wollten – denn genauso fühlten sich viele Frauen, die ungewollt schwanger seien.

Christiane von Rauch berichtet von einem versuchten sexuellen Übergriff in ihrer Jugend, Gaby Hagmans, Leiterin des Frankfurter Caritas-Verbandes, von ihrer Verzweiflung, als Ärzten bei einer Operation ein Fehler unterlaufen und ihr Körper nur noch als Objekt behandelt worden sei. Und Michael zu Löwenstein, CDU-Fraktionsvorsitzender im Römer und der einzige Mann auf dem Podium, sagt, er kenne Gewalt vor allem aus der Schule. „Ich war nicht einer von den Stärksten und bin systematisch verprügelt worden.“

Und dann geht es um die zuletzt wieder aufgeflammte Diskussion um den Paragrafen 218. Die Debatte um ihn habe nie aufgehört, sagt Gaby Hagmans, trotz der gesetzlichen Kompromisslösung, nach der Abbrüche illegal sind, unter bestimmten Bedingungen aber straffrei bleiben. Dass das Thema jetzt wieder so im Zentrum stehe, liege vor allem an den zunehmenden Aktivitäten fundamentalistischer Abtreibungsgegner. Christiane von Rauch stimmt zu: Die Kontroversen um Abtreibungen seien seit den 90er Jahren „gedeckelt“ worden. Abtreibungen blieben aber weiter „ein grundlegendes Thema der Selbstbestimmung der Frauen“.

Der Weltfrauentag

Zum Weltfrauentag veröffentlichte die Frankfurter Rundschau eine Doku-Fiction. Thema: der spektakuläre Abtreibungsprozess von Memmingen im Jahr 1988. Die achtseitige Beilage stieß auf ein großes Interesse an den Kiosken. Die Sonderseiten sind weiter digital kostenlos zu haben. Die PDF-Datei ist hier abrufbar.

Michael zu Löwenstein will das so nicht stehen lassen. „Das ist für mich, tut mir leid, nicht nur eine Frage der Selbstbestimmung“, sagt der CDU-Politiker. Es gehe auch um die Rechte eines werdenden Wesens, und das Bundesverfassungsgericht habe festgelegt, dass ein Embryo ab der Einnistung in der Gebärmutter zu schützen sei, „und zwar auch gegen die Mutter“. Dass der Kompromiss beim Paragrafen 218 jetzt wieder infrage gestellt werde, so zu Löwenstein, „das finde ich traurig, ehrlich gesagt“. Wenn der Paragraf 218 gestrichen werde, sei zu befürchten, dass der Schutz des werdenden Lebens vernachlässigt werde.

Gaby Hagmans merkt an, man müsse auch viel mehr darüber sprechen, wie mit Aufklärung und der Verfügbarkeit von Verhütungsmitteln ungewollte Schwangerschaften verhindert werden könnten. Und Christiane von Rauch kritisiert, dass Abbrüche bis heute stigmatisiert seien. Es sei „untragbar“, dass Frauen vor den Einrichtungen, in denen sie die vor einer Abtreibung gesetzlich vorgeschriebene Beratung bekommen könnten, durch die „fundamentalistischen Aktivitäten von ultrakonservativen Christen“ belästigt würden.

Und plötzlich geht es auch um Frankfurt, wo schon länger gefordert wird, die Mahnwachen christlicher Abtreibungsgegner von den Büros von „Pro Familia“ fernzuhalten. Seine CDU halte diese Proteste an diesen Orten für keine gute Idee, sagt Michael zu Löwenstein. Aber das Demonstrationsrecht sei ein hohes Gut – und der Protest gegen Abtreibungen grundsätzlich etwas, „was vom Anliegen her richtig ist“. Hagmans widerspricht: Ungewollt Schwangeren stehe per Gesetz eine anonyme Beratung zu, diese sei durch die belastenden Mahnwachen nicht mehr gegeben. „Mein Gefühl sagt mir, dass das nicht gehen dürfte.“ Der Applaus zeigt, dass sie das Publikum auf ihrer Seite hat.

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