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 Am Mittwoch stellt der Hessische Sozialminister den Stand der Ermittlungen in Bezug auf das Klinikum Höchst vor. Doch anscheinend gibt es bereits Änderungen.

Psychiatrie

Umstrittene Fixierungen: Klinikum Höchst reagiert offenbar auf Kritik

Am Mittwoch stellt der hessische Sozialminister den Stand der Ermittlungen in Bezug auf das Klinikum Höchst vor. Doch anscheinend gibt es bereits erste Änderungen in den Strukturen.

Frankfurt - Eine Undercover-Reportage von RTL über das Klinikum Höchst hatte im März unterschiedliche Missstände in der Psychatrie des Klinikums* Frankfurt Höchst aufgedeckt. Am Mittwoch (11.09.2019) will der Sozialminister Kai Klose (B90/Die Grünen) in einer Pressekonferenz über den aktuellen Stand der Aufklärung im Klinikum informieren. 

Wie eine am 3. September veröffentlichte Antwort des Sozialministeriums auf eine Anfrage der SPD im hessischen Landtag von Mai 2019 zeigt, ist das Klinikum bereits dabei, die im Frühjahr kritisierten Sitzwachen im psychiatrischen Bereich neu aufzustellen. Damit reagiert es auf die vielen Medienberichte und interne Kritik*, die seit der Undercover-Reportage aufgekommen ist.

Frankfurt Höchst: Klinikum reagiert auf Kritik

Sitzwachen sind die Menschen, die unter anderem an Betten von fixierten Patienten sitzen und diese überwachen sollen. Dabei haben sie die Aufgabe, ununterbrochenen Sichtkontakt mit den Personen zu halten und in Gesprächen auf sie einzugehen, das steht in der Begründung der Anfrage der SPD. 

Sitzwachen sind im Klinikum Höchst nicht allein zum Zweck der Sitzwache angestellt, sondern entweder Mitarbeiter der Station oder Leasing-Personal, also von einer externen Firma. 

Die hohe Anzahl an Fixierungen im Klinikum Höchst war ebenfalls einer der Hauptkritikpunkte an der psychiatrischen Einrichtung. Das Bundesverfassungsgericht urteilte 2018, dass das Fesseln von Patienten ein "schwerwiegender Grundrechtseingriff" sei, der nicht länger als unbedingt nötig aufrechterhalten werden darf. 

Außerdem stellte es fest, dass diese Maßnahmen "grundsätzlich von einer Eins-zu-Eins-Betreuung durch therapeutisches oder pflegerisches Personal" begleitet sein müssen. 

Frankfurt Höchst: Fragen zu Fixierung und Sitzwachen

In der Antwort des Ministeriums werden einige grundsätzliche Fragen zum Thema "Sitzwachen" und "Fixierungen" in hessischen psychiatrischen Einrichtungen beantwortet, darunter auch vom Klinikum Höchst. 

So gibt jenes an, in den letzten zehn Jahren insgesamt 2070 Fixierungen an Patienten durchgeführt zu haben - das entspricht im Durchschnitt etwa 17 pro Monat. Eine sehr hohe Zahl. Das Klinikum schreibt, dass die Dauer von 30 Minuten bis zu mehreren Stunden variieren kann. Allerdings sei bei besonders schwerwiegenden Gefährdungsmomenten auch eine Fixierung über mehrere Tage möglich. 

In Bezug auf die erforderliche Eins-zu-Eins Betreuung zeigt sich die kurzfristige Veränderung im Klinikbetrieb. Höchst antwortet, diese Art der Betreuung bei der Fixierung sei erst seit August 2018 verpflichtend. 

Die Sitzwache wurde in diesem Fall stets aus dem eigenen Mitarbeiterpool gewählt, allerdings würden auch Praktikanten mit dieser Aufgabe betraut, wenn die personellen Ressourcen nicht ausreichten. 

Des Weiteren nennt es den Einsatz von Leasing-Firmen, die bei Bedarf das Pflegepersonal des Hauses unterstützen. Die Leiharbeiter des Personaldienstleisters "All Service" standen im März ebenfalls in der Kritik wegen unzureichenden Sprach- und Pflegekenntnissen (hessenschau.de berichtete).

Klinikum Höchst: Umstellung im Betrieb

"Seit etwa vier Wochen wird pro Schicht zusätzlich eine pflegerische Kraft vorgehalten, die im Bedarfsfall ausschließlich für die Eins-zu-Eins-Betreuung zur Verfügung steht", heißt es in der Veröffentlichung des Ministeriums weiter. 

Diese Aussage kann bereits als eine indirekte Antwort auf die veränderten Strukturen im Klinikum Höchst gewertet werden. Anscheinend hat die Einrichtung auf die Kritik von fehlendem Fachpersonal reagiert. 

In Bezug auf die Leasing-Kräfte spricht das Klinikum Höchst neben pflegerischen und therapeutischen Qualifikationen von einer Voraussetzung des Sprachniveaus Deutsch B1.

Das Niveau B1 - ausreichend? 

Das Niveau B1 im europäischen Referenzrahmen setzt voraus: Derjenige "kann die Hauptpunkte verstehen, wenn klare Standardsprache verwendet wird und wenn es um vertraute Dinge aus Arbeit, Schule, Freizeit geht. [Er/Sie] kann die meisten Situationen bewältigen, denen man auf Reisen im Sprachgebiet begegnet. Kann sich einfach und zusammenhängend über vertraute Themen und persönliche Interessengebiete äußern." 

Ob das allerdings für eine ausreichende Patientenbetreuung reicht, bleibt fragwürdig, urteilen Mitarbeiter gegenüber der hessenschau.de. Denn schließlich müssten die Mitarbeiter einschätzen, ob sich ein Patient soweit stabilisiert hat, dass man ihm seine Fesseln lösen kann.

von Annalena Barnickel

*fr.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerkes

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