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Aus dem Gericht

Klinge verfehlt dreimal das Herz

  • Stefan Behr
    VonStefan Behr
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Prozessauftakt gegen einen Mann, der seine Frau entstellt und beinahe umgebracht hat.

Hicham B.s Versuche, Empathie zu zeigen, wirken ein wenig bemüht. „Ich liebe meine Frau, ich trage immer ein Bild meiner geliebten Frau bei mir“, sagt der 44-Jährige am Donnerstag auf der Anklagebank des Landgerichts. Dann zieht er ein Passfoto seiner Frau aus der Hosentasche, ungeschützt und dennoch unzerknittert, als habe er es gerade vorhin in seiner Zelle erstmals eingesteckt.

Die Anklage spricht eine andere Sprache. Sie spricht von versuchtem Mord und schwerer Körperverletzung. Demnach wollte Hicham B. am 10. August 2020 seine 37-jährige Ehefrau Malika dafür strafen, dass sie sich von ihm trennen wollte. Um sie für ihren Ungehorsam „dauerhaft zu zeichnen“ schlitzte er ihr die rechte Wange vom Unterkiefer bis zum Ohr auf. Dann stach er mit dem Küchenmesser auf sie ein, verfehlte dreimal das Herz, ehe die Klinge abbrach. Als er kurz durch einen eingehenden Anruf auf sein Handy abgelenkt war, nutzte die schwerverletzte Frau dies zur Flucht aus der Wohnung. Hicham B. ging ihr mit einer halbvollen Weinflasche hinterher, um sein Werk zu vollenden, ließ aber davon ab, als Nachbarn auftauchten. Er ging in einen Park, leerte die Flasche und kehrte gegen ein Uhr in die Wohnung zurück, wo ihn zu seiner großen Überraschung bereits die Polizei erwartete.

Die Ehe der beiden, arrangiert von Verwandten 2010 in Marokko, stand von Anfang an unter keinem guten Stern. Malika K. arbeitete damals in Italien, später in Deutschland als Putzfrau. Sie spricht Arabisch, Italienisch und Deutsch. Sie ist organisiert, anpackend und selbstbewusst. Hicham B. trinkt gerne Rotwein.

2018 kam dann Hicham B.. aus Marokko via Türkei und Griechenland nach Deutschland, beantragte Asyl, nistete sich in der Wohnung seiner Frau ein und trank Rotwein. Er kann nicht lesen, er kann nicht schreiben, er spricht kein Wort Deutsch. Seine Frau besorgt ihm zwar kurzzeitig einen Job am Flughafen, in dem er aber nicht reüssieren kann, weil er stets betrunken zur Arbeit kommt. Er hasst es, dass seine Frau arbeiten geht und dabei Kontakt zu anderen Männern hat. Regelmäßig verprügelt er sie. Sie wehrt sich, auch juristisch, erwirkt Kontaktverbote, droht mit Trennung.

Als der mal wieder Betrunkene ihr im Streit mit einer Kopfnuss die Nase bricht und ihr eine Nachttischlampe so lange auf den Kopf schlägt, bis die Lampe bricht und sie eine Gehirnerschütterung erleidet, erwirkt sie abermals ein Kontaktverbot und beantragt in Marokko die Scheidung. Dass ihr Mann in der Tatnacht wieder in ihrer Wohnung haust, liegt nicht an der Naivität seiner Frau, sondern an ihrem Großmut: Hicham B. war kurz zuvor operiert worden und wäre sonst auf der Straße gelandet.

Vor Gericht sagt B., ihm fehle an den Messerangriff jede Erinnerung. Und dann klagt er sein Eheleid. Seine Frau habe ihn immer wieder beschimpft. Sicher, er habe sie auch beschimpft, „aber ich habe nie ihre Eltern beleidigt“. Ständig habe sie ihn angenölt, er solle weniger trinken und sich eine Arbeit suchen. Oft habe sie ihn auch verhauen, dann habe er sich wehren müssen.

Auch am Tattag, sagt er, habe sie ihn angerufen und gemeckert, dass er so rein gar nichts tue. Dabei habe er gerade an diesem Tag hart geschuftet, am Vormittag so viele Pfandflaschen gesammelt, bis es für drei Flaschen Rotwein im Discounter gelangt habe, und zwei davon bereits geleert und umweltgerecht entsorgt, damit seine Frau sie nicht finde. Trotzdem habe sie weitergemeckert.

Aus der U-Haft hat Hicham B. einen Mithäftling eine Entschuldigungspostkarte an seine Frau schreiben lassen. Sie beginnt mit „Hallo, ich hoffe, es geht dir gut.“ Dann jammert er, dass er durch die Tat „mein Leben zerstört habe, weil ich jetzt immer Probleme haben werde, Arbeit zu finden“. Dabei wolle er doch so gerne Geld verdienen, und dann „will ich dir die Narbe wegoperieren lassen (Schönheits-OP)“. Nein, an der Empathie muss Hicham B. noch arbeiten.

Der Prozess wird fortgesetzt.

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