1. Startseite
  2. Frankfurt

Frankfurt: „Klimaschutz wird nicht ernstgenommen“

Erstellt:

Von: Thomas Stillbauer

Kommentare

Wolf Rüdiger Hansen ist Vorstandsmitglied im Frankfurter Kreisverband des Bundes für Umwelt und Naturschutz in Deutschland (BUND).
Wolf Rüdiger Hansen ist Vorstandsmitglied im Frankfurter Kreisverband des Bundes für Umwelt und Naturschutz in Deutschland (BUND). © Privat

BUND-Vorstand Wolf Rüdiger Hansen zur Rodung im Fechenheimer Wald.

Herr Hansen, die Räumung im Fechenheimer Wald hat begonnen. Was sagen Sie aus Sicht des BUND dazu?

Ich finde es außerordentlich bedauerlich, dass in der Stadt keine offene Diskussion über das Für und Wider stattgefunden hat. Genauso bedauerlich ist, dass der Verwaltungsgerichtshof in Kassel nach meinem Dafürhalten die Gründe, die wir vonseiten der Umweltschützer vorgetragen haben, nicht berücksichtigt hat.

Wenn Sie sagen, es gab keine offene Diskussion in der Stadt – wessen Stimme vermissen Sie in der Auseinandersetzung?

Nur ein Beispiel: Als Frau Rottmann…

…die OB-Kandidatin der Grünen und ehemalige Frankfurter Umweltdezernentin…

…auf dem Neujahrsempfang der Grünen ihre Bewerbungsrede gehalten hat, hat sie den Riederwald mit keinem Wort erwähnt. Ich denke, in der Stadtgesellschaft ist das ein ganz großes Thema, und alle machen sich darüber Gedanken. Da wäre es mir wichtig, dass das auch von einer Kandidatin für dieses hohe Amt in der Stadt wahrgenommen wird. Wenn wir mit Repräsentanten der Stadt vor Ort waren, haben sie immer zugestanden, dass das Projekt nicht im Sinne der Klimawende ist, nicht im Sinne der Verkehrswende, aber es sei nun mal planfestgestellt. Da muss ich sagen: Die Planung geht so weit zurück, da war die Klimakrise noch längst nicht das Thema, das sie heute darstellt. Der Klimaschutz ist inzwischen das wichtigste Ziel, das wir verfolgen müssen, und das wird einfach mit Argumenten aus der Vergangenheit untergebuttert.

Hätten Sie damit gerechnet, dass jetzt so schnell Fakten geschaffen werden, innerhalb weniger Stunden?

BUND, Naturfreunde und Aktionsbündnis Unmenschliche Autobahn, wir fühlen uns nicht ausreichend wahrgenommen.

Der Verwaltungsgerichtshof hat den Eilantrag der Naturschutzverbände gegen die Rodung abgelehnt – ist das plausibel?

Ohne große Überlegung wird darauf verwiesen, dass das Umweltgutachten der Autobahn-GmbH doch zuverlässig sei. Dabei haben wir uns Mühe gegeben, in allen Feinheiten aufzuzeigen, dass da so viele Widersprüche und Ungenauigkeiten drin sind. Die sollte man ernstnehmen. Das wird halt einfach nicht getan, und jetzt haben wir die Situation.

Was bedeutet die Räumung, die Rodung jetzt?

Der ganze Fechenheimer Wald gehört zum Grüngürtel. Er ist im Artenschutzkonzept der Stadt hervorgehoben als ein sehr wertvolles Biotopgebiet. Wenn da nun ein Teil herausgeschnitten wird, ist das eine gravierende Gefährdung der Biodiversität. Vor allen Dingen ist es traurig, dass gerade dieser Wald gerodet wird. Wir haben große Probleme mit Waldschäden, wir wissen, der Stadtwald ist zu 97 Prozent geschädigt. Aber dem Fechenheimer Wald geht es besser, weil er auf einem feuchteren Boden steht – und ausgerechnet da wird diese Rodung gestartet. Das kann nicht gut sein.

Sie haben bis zuletzt darauf gepocht, dass etwa der Heldbockkäfer diesen Wald braucht.

Es wird immer darauf verwiesen, dass hier eine Einzelfallgenehmigung nach Paragraf 45 Naturschutzgesetz vorliegt. Es ist ein Einzelfall. Und ja, manchmal muss so eine Ausnahmegenehmigung gegeben werden. Aber man hat inzwischen den Eindruck, wenn man den Bundesverkehrswegeplan betrachtet, dass überall Einzelfälle genehmigt werden.

Wo noch?

Das nächste, was auf uns zukommt, ist doch, dass die A5 von Friedberg bis nach Darmstadt erweitert wird. Die Machbarkeitsstudie der Autobahn-GmbH liegt vor, da sollen dann nicht drei, sondern 300 Hektar gerodet werden. Ist das dann auch ein Einzelfall? Wie lange soll das noch so weitergehen? Aus dieser Perspektive ist der Riederwald, den wir jetzt zu erhalten versucht haben und immer noch versuchen, ein exemplarisches Beispiel auch hinsichtlich der Frage, wie ernst die Politik die Klimaveränderungen nimmt. Die exponentielle Entwicklung des Klimawandels macht es nötig, dass wir alles tun, um die Lebensgrundlagen zu erhalten. Und dieses Prinzip wird hier verletzt.

Ist die Ausgleichsfläche mit neuen Bäumen in Schwanheim kein ernstzunehmender Ersatz?

Haben diese Bäume eine Chance, ein Wald zu werden, wie er jetzt in Fechenheim zerstört wird? Das ist außerordentlich fraglich. Und selbst wenn, wird es lange Zeit dauern.

Was bleibt jetzt noch zu tun?

Die gesetzlichen Möglichkeiten sind ja offenbar ausgeschöpft. An das Gesetz gilt es sich zu halten, auch wenn es schmerzhaft ist. Wir Bürger werden weiter demonstrieren und nicht nachlassen, das anzuklagen, was da passiert. Aber nach allem, was ich in Sachen Riederwaldtunnel erlebt habe, bin ich ratlos.

Interview: Thomas Stillbauer

Auch interessant

Kommentare