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Die legendäre Metzgersfrau in der Kleinmarkthalle Frankfurt mit ihrem Lieblingsprodukt: der Fleischwurst.

Frankfurt

Kleinmarkthalle Frankfurt: Wurst-Verkäuferin Ilse Schreiber feiert 80. Geburtstag

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Die legendäre Metzgersfrau arbeitet seit Jahrzehnten in der Kleinmarkthalle in Frankfurt. Ans Aufhören denkt sie noch nicht.

  • Seit 1958 arbeitet Ilse Schreiber in der Kleinmarkthalle in Frankfurt
  • Die Metzgersfrau betreibt in der Markthalle einen Imbiss-Stand
  • Die Leute kommen von weit her, stehen Schlange, um ihre Wurst zu kaufen

Frankfurt - Für ein Gespräch über ihr Leben, davon ist Ilse Schreiber überzeugt, ist eine ordentliche Grundlage erforderlich. „Frühstücke Se erst mal!“: Mit diesen Worten begrüßt mich die Metzgersfrau frühmorgens an ihrem Stand in der Frankfurter Kleinmarkthalle. Sie weiß sogar noch von früher, dass ich Rindswurst liebe. Dann die Frage aller Fragen: „Soll ich die Haut abziehe?“ Natürlich, und ordentlich Senf dazu. Seit 1958 steht sie hinter ihrer Theke, am heutigen Montag feiert sie ihren 80. Geburtstag.

Ein Leben harter Arbeit, nicht selten mit 13-Stunden-Tagen, ein Leben mit unzähligen Begegnungen und Gesprächen. „Ich hatt die Künast schon hier und die Petra Roth.“ An der Wand hängen Urkunden und Artikel, die sie als Original, als Legende, als „Herrin der Ringel“ würdigen. Die Leute kommen von weit her, stehen Schlange, um ihre Würste zu kaufen.

Kleinmarkthalle Frankfurt: Ilse Schreiber hat Kundschaft aus der ganzen Welt

Die Metzgersfrau ist eine erfahrene Psychologin. Für jeden hat sie ein paar Sätze, Trost, Aufmunterung, einen Witz. „Sie habbe es ja schwer“: So kommt sie mit einer Kundin ins Gespräch, die den Stand mit einem großen Seufzen angesteuert hat. Aber auch die Japaner und Gäste aus den USA, die zu ihr kommen, werden freundlich integriert. „Beef or pork?“ „Without skin?“

Ilse Schreiber verkörpert die Kontinuität in einer Zeit dramatischen Wandels – das gilt für die gesamte Kleinmarkthalle. Genau das zieht die Leute an. Wer das Wesen der Marktfrau verstehen will, muss mit ihr bis zum 6. Februar 1945 zurückgehen. An diesem Tag begann die Flucht des kleinen Kindes an der Hand seiner Mutter aus Schlesien nach Westen. Der lange Treck, der in Deutschland den Krieg beschloss, den die Deutschen vom Zaun gebrochen hatten.

Kleinmarkthalle Frankfurt: Gewürzmischung ist Geheimnis von Ilse Schreiber

„Mitten im kältesten Winter“, über freies Feld, viele starben an Hunger und Entbehrung oder durch Tieffliegerangriffe. „Ich hab furchtbare Angst gehabt.“ Die kleine Ilse war mit Beulen übersät, Zeichen extremen Hungers.

Sie kämpfte ums Überleben. Sie gewöhnte sich einen Trick an: Wenn sie an einen Tisch kam, griff sie mit der Hand nach oben und räumte alles ab, was sie zu packen bekam. Und aß es sofort. „Ich weiß, was Hunger ist“, sagt sie schlicht.

Sie hat ein inniges Verhältnis zu Würsten entwickelt. Zwei Bain-Maries hat sie am Stand, in denen das Angebotene immer schön warm bleibt. Die Gewürzmischung ist das Geheimnis. Beim „Zigeuner-Ball“ im Palmengarten lernte sie ihren späteren Ehemann kennen: „Mir musste ja heirate, denn die Männer waren ohne Frau.“ Wenn das Ehepaar aus der Welt der Kleinmarkthalle ausbrechen wollte, fuhren sie dorthin, wo Deutschland in den 60er Jahren Urlaub machte: nach Italien, an die ligurische Küste, die Riviera.

Kleinmarkthalle Frankfurt: Ilse Schreiber hat viel verschwinden sehen

Vieles hat Ilse Schreiber verschwinden sehen: „Die kleine, alte Händler sin weg, und die Leute von der Post mit dene große Tasche.“ Früher sei es „e bissche wärmer“ zugegangen in der Welt, „heut is alles nüchtern, alles rennt un macht und dut“.

Die Leute, sagt sie, hätten kaum noch Zeit. Selbst mit der Fleischwurst müsse es jetzt schnell gehen.

Ilse Schreiber aber wird abseits der Beschleunigung ihre kleine Oase anbieten, solange sie es vermag.

Die Geschichte der Kleinmarkthalle in Frankfurt

  • Die erste Markthalle zwischen Fahrgasse und Hasengasse wurde 1879 eröffnet und diente auch dem Großhandel, bis 1929 die Großmarkthalle im Ostend entstand.
  • Die Kleinmarkthalle wurde bei den schweren Bombenangriffen auf die Frankfurter Innenstadt im März 1944 zerstört . 200 Meter südwestlich entstand dann die heutige Kleinmarkthalle, die 1954 eröffnet wurde. 
  • Im Jahr 2005 schlug der damalige Planungsdezernent Edwin Schwarz (CDU) vor, die denkmalgeschützte Kleinmarkthalle abzureißen, sie durch einen Neubau zu ersetzen und das gesamte Umfeld städtebaulich neu zu ordnen. 
  • Ein Sturm der Empörung verhinderte das. Eine 2007 beschlossene umfassende Sanierung wurde 2014 von den Stadtverordneten wieder gekippt.

Von Claus-Jürgen Göpfert

Mehr Infos zur Zukunft der Kleinmarkthalle: Das denkmalgeschützte Gebäude von 1954 muss dringend saniert werden, doch viele Stammgäste fürchten um seinen Charme. Und darum, dass die Preise anziehen.

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