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Sylvia Weber ist Bildungsdezernentin in Frankfurt.

Interview

Frankfurt: „Kitas sollen geöffnet bleiben“

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Die Frankfurter Bildungsdezernentin Sylvia Weber spricht  über die Arbeit der Erzieherinnen und Erzieher in der Corona-Krise.

Dürfen Erzieherinnen im Homeoffice arbeiten, oder müssen sie im Zweifel leere Kindertagesstätten bewachen? Über solche Fragen gibt es derzeit Irritationen. Im FR-Interview nimmt Bildungsdezernentin Sylvia Weber (SPD) dazu Stellung.

Frau Weber, nachdem die FR am Samstag berichtet hatte, es gäbe jenseits der Notfallbetreuung keine Präsenzpflicht für Erzieherinnen in den Kitas, meldeten sich mehrere Beschäftigte von Kita Frankfurt bei uns und sagten, diese Informationen seien nicht zutreffend. Was gilt nun?
Seit Freitag gilt: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die nicht vor Ort gebraucht werden, sollen von zu Hause aus arbeiten. Ich bin froh über diese Entscheidung. Wir alle müssen darauf achten, unsere Kontakte auf ein Mindestmaß zu reduzieren. Den Beschäftigten können Aufgaben übertragen werden, die sie von zu Hause aus erledigen können. Hier gibt es viele Möglichkeiten wie Konzept-erstellung oder Qualitätssicherung. Darüber hinaus haben Träger auch die Möglichkeit, Kolleginnen und Kollegen in anderen Bereichen einzusetzen, zum Beispiel in der Flüchtlingshilfe, den Altenwohnheimen oder in der Nachbarschaftshilfe. Oder auch als Vertretung in anderen Bereichen der Stadtverwaltung.

Wie hoch ist denn die Mindestbesetzung in jeder Einrichtung?
Je nach Größe der Kita brauchen wir mindestens zwei Mitarbeitende, auch wenn keine Notfallbetreuung stattfindet. Die Einrichtungen sollen ja geöffnet bleiben – etwa für eine mögliche kurzfristige Notbetreuung, für Elternanfragen, für Prüfungen sowie für dringend benötige Anlieferungen von zum Beispiel Desinfektionsmitteln. Werden dort Kinder betreut, erhöht sich die Zahl der Beschäftigten entsprechend.

Tatsächlich hieß es aber, sogar Erzieherinnen, die einer Risikogruppe angehören, müssten Präsenz zeigten.
Die Gesundheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist das Wichtigste, das muss klar sein. Als Dezernentin appelliere ich an alle Träger, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nach Hause zu schicken, die nicht dringend vor Ort gebraucht werden. Dabei sind zuallererst jene zu berücksichtigen, die einer Risikogruppe angehören.

Wie kommt es dazu, dass diese Informationen offenbar längst nicht bei allen Erzieherinnen und Erziehern ankommen?
Die letzte Woche zeigt, dass sich die aktuelle Situation sehr dynamisch entwickelt und zum Beispiel Vorgaben des Landes, die noch vor wenigen Tagen getroffen wurden, heute schon nicht mehr die Realität abbilden. Aus diesem Grund habe ich bereits in der letzten Woche einen Krisenstab mit den Trägern der Kindertageseinrichtungen in meinem Dezernat etabliert, der sich über die aktuelle Situation austauscht und Beschlüsse fasst. Die Entscheidungen werden dann an alle Einrichtungen kommuniziert. 

Wie wirkt es sich aus, dass die Gruppe der Eltern, die einen Anspruch auf Betreuung haben, noch einmal deutlich erweitert wurde? Es reicht ja jetzt, wenn ein Elternteil in einem systemrelevanten Beruf arbeitet.
Wir rechnen mit einem sehr deutlichen Anstieg an Kindern in der Notfallbetreuung. Wir werden aber voraussichtlich erst Ende der Woche einen Überblick über die Entwicklung haben. Bis dahin müssen wir weiterhin flexibel auf die tägliche Situation reagieren. Wir wollen, dass alle Eltern, die jetzt ihr Kind in eine Notfallbetreuung bringen möchten, auch „ihre“ Kita, in der das Kind bisher betreut worden ist, geöffnet vorfinden. Dies entspricht auch der Maßgabe, dass möglichst alle Kinder weiterhin in ihrer jeweiligen Kita betreut werden können und nicht neue Gruppen zusammengestellt werden, was einer Ausweitung des Infektionsrisikos gleichkäme.

Die Erzieherinnen und Erzieher selbst zählen seit letzter Woche auch zu den Beschäftigten in systemrelevanten Berufen …
Das ist auch gut so. Erzieherinnen leisten in der Notfallbetreuung eine wichtige Arbeit zur Aufrechterhaltung der Arbeitsfähigkeit anderer systemrelevanter Berufe und sind damit natürlich selbst systemrelevant. Ich habe daher vorgeschlagen, auch die Erzieherinnen und Erzieher in den Kitas und die Kindertagespflege in die besonderen Berufsgruppen nach der Hessischen Verordnung aufzunehmen, was in der letzten Woche auch geschehen ist. Die Bedeutung von Fachkräften in den Betreuungseinrichtungen wird uns in dieser Krisensituation deutlich vor Augen geführt. Die gestiegene Wertschätzung ist hoffentlich nach der Krise nicht wieder vergessen. Fachkräfte haben mehr Geld verdient, genauso wie Pflegepersonal und andere systemrelevante Berufsgruppen.

Interview: Georg Leppert

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